Das gilt für die Auswanderer ebenso wie für die Binnenmigranten (nah und fern). Insgesamt war die Bevölkerung also mobil, und die Erfahrung einer dynamischen Entwicklung teilten viele Menschen miteinander (zumindest zeitweise).
Die Mobilität machte nicht vor Staatsgrenzen Halt. Die deutschsprachigen Länder waren schon vor 1871 traditionelle Auswandergebiete gewesen. Das beliebteste Ziel waren die USA, alle anderen Länder – auch innerhalb Europas – folgten mit weitem Abstand. Den Ausschlag für eine solche Entscheidung gaben sowohl ökonomische als auch soziale oder politische Gründe, auch diesbezüglich wirkten Push- und Pull-Faktoren zusammen.
Die zweite Hälfte der 1870er Jahre war geprägt von geringerer Auswanderung – den niedrigsten Stand verzeichnete das Jahr 1877, in dem gerade einmal 23 000 Menschen das Land verließen – da die Wirtschaftskrise der 1870er auch die USA erfasst hatte, war ein Neuanfang dort in dieser Zeit kaum verheißungsvoll. Zumeist waren es ganze Familien, die dennoch ihre Heimat verließen, und sie kamen mehrheitlich aus den östlichen Teilen des Landes.
Die Zahlen stiegen nach Ende der 1870er Jahre wieder sprunghaft an und erreichten 1881 den Höchststand im 19. Jahrhundert überhaupt mit über 220 000 Personen, das waren fast 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Verglichen mit den Auswandererzahlen der Gegenwart ist das allerdings relativ wenig. Seit den 1990er Jahren lag diese Zahl in jedem einzelnen Jahr immer mindestens um das Zweieinhalbfache höher, auch relativ zur Gesamtbevölkerung betrug sie stets über 0,5 Prozent. Aber kehren wir zurück ins Kaiserreich: Nach 1893 nahm die Auswanderung ab, wofür die sich verbessernde wirtschaftliche Lage im Kaiserreich und eine restriktivere Einwanderungspolitik der USA ausschlaggebend waren. Zudem wanderten nun mehr Einzelpersonen als Familien aus. Zwischen 1871 und 1890 verließen insgesamt 1,9 Millionen Menschen Deutschland; bis 1914 folgten noch einmal rund 900 000. Insgesamt gingen also etwa 2,8 Millionen Menschen ins Ausland.
Das wichtigste Zielland waren die USA, die fast 96 Prozent der Auswandernden ansteuerten. Offenbar stellten sie tatsächlich ein Land der Verheißung dar, die Vereinigten Staaten lockten die Menschen aber auch durch die bereits vorhandene deutsche Infrastruktur. Die meisten deutschen Auswanderer steuerten ein Gebiet an, das geographisch grob von New York bis in den mittleren Westen der USA reichte und in dem es bereits viele deutschsprachige Einwohner gab. In Städten wie Cincinnati besaß über die Hälfte der Einwohner einen direkten »deutschen Migrationshintergrund« (und in mehreren nordamerikanischen Städten existierten große deutsche Kolonien). Dass bereits Menschen aus der Heimat vor Ort waren, erleichterte den Neuanfang in einem fremden Land erheblich, zumal gut funktionierende Netzwerke diesseits wie jenseits des Atlantiks die Migration förderten.
Andere Ziele waren Lateinamerika mit Brasilien als zweitattraktivstem Ziel für deutsche Auswanderer (rund 2 Prozent gingen dorthin) und Australien, das etwa 0,9 Prozent der deutschen Auswanderer aufnahm – das waren wesentlich mehr als die Menschen, die in sämtliche deutsche Kolonien auswanderten. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs lebten in Deutsch-Südwestafrika nur gut 12 000 Deutsche, und davon gehörte ein Viertel (fast 3000 Personen) der Beamtenschaft und der Schutztruppe an – Letztere waren also nicht als eigentliche Auswanderer in das Land gekommen.
Der Auswanderung stand immer auch eine Einwanderung entgegen, die zeitgenössisch aber weniger auffiel. Im Kaiserreich lebten immer auch zugewanderte Menschen. 1871 wurden offiziell 207 000 fremde Staatsangehörige gezählt (weniger als 0,5 Prozent der Bevölkerung). Die größte Gruppe, bis zu 50 Prozent, kam aus Österreich-Ungarn, gefolgt von Niederländern, Russen und Italienern. Diese Reihenfolge blieb auch bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs bestehen. 1910 lebten offiziell 1,2 Millionen Ausländer im Kaiserreich, was einer Quote von etwa 1,8 Prozent der Gesamtbevölkerung entsprach.23
Allerdings wurden Saisonarbeiter und – logischerweise – Illegale nicht mitgezählt. Gerade die sozialdemokratische und gewerkschaftsnahe Presse kritisierte immer wieder, wie niedrige Löhne den Arbeitern aus Italien, Russland, Österreich-Ungarn, aber auch aus Schweden, gezahlt wurden, so dass diese angeblich den einheimischen Arbeitern Lohn und Brot nahmen. »So berichteten wir«, schrieb das sozialdemokratische Berliner Volkblatt am 7. August 1885, »kürzlich noch aus Bayern, daß dort zahlreiche italienische Arbeiter beschäftigt würden, und in Oberschlesien wimmelt es ja bekanntlich von polnisch-russischen Arbeitern.« Vor allem die Lohndrückerei und ein nicht näher beschriebener »schlechter Einfluss« waren Thema des Artikels; gleichwohl beeilte sich der Autor zu betonen, »daß uns ausländische talentvolle und bedürfnisvolle Arbeiter willkommen in Deutschland sind«.24
Saisonarbeiter waren gerade in der preußischen Landwirtschaft wichtige Arbeitskräfte, die meist aus dem Zarenreich und Österreich-Ungarn kamen. Und diese spezielle Migration zog sehr wohl zeitgenössische Aufmerksamkeit auf sich. Weite Teile der Öffentlichkeit und die Regierung wollten vermeiden, dass sich diese Menschen dauerhaft im Kaiserreich niederließen – und das gelang ihnen im Allgemeinen auch. Dass es diese Einwanderer und Saisonarbeiter dennoch gab, belegt jedoch, dass das Kaiserreich verhältnismäßig attraktiv war – dementsprechend übertraf spätestens seit 1900 die Zahl der Einwanderer jene der Auswanderer. Das Kaiserreich war zu einem Einwanderungsland geworden.
Fassen wir zusammen: Die vier Jahrzehnte waren geprägt vom Wachstum der Bevölkerung, die zudem jünger, urbaner und (in Maßen) westlicher wurde. Doch trotz des Wachstums wurden auch Bedenken laut: Die Fertilität ließ nach, die Stadt galt vielen als »ungesund«. Ebenso prägend für die Zeit war die hohe Mobilität der Menschen innerhalb des Landes, aber auch die Auswanderung blieb ein gesellschaftliches Thema: In den 1870ern machte sich das Phänomen weniger bemerkbar, doch in den 1880ern bis Mitte der 1890er war es sehr ausgeprägt und blieb auch danach (in geringem Umfang, aber kontinuierlich) sichtbar und ein stetiges Gesprächsthema.
Einwanderung ins Kaiserreich hatte es ebenfalls immer gegeben, und in den späteren 1890er Jahren begann sie die Auswanderung zu übertreffen, was aber in der Öffentlichkeit nicht oder nur wenig zur Kenntnis genommen wurde. Kritische Blicke wurden eher auf Saisonarbeiter aus dem Osten gerichtet, die die Deutschen nicht dauerhaft im Land haben wollten. Auch die ab den 1880er Jahren vermehrte jüdische Durch- oder Einwanderung aus dem zaristischen Russland wurde eher abgelehnt. Die meisten anderen Zuwanderer hingegen scheinen damals nicht als überlokales Problem wahrgenommen worden zu sein.
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