»Wissen Sie, ob er an dem Tag noch Besuch hatte?«
»Schwer zu sagen, es war damals ein einziges Kommen und Gehen im Haus. Die Handwerker arbeiteten inzwischen im ersten Stock, unter anderem in meinem Atelier, und ständig sind sie die Treppe rauf- und runtergepoltert. Ich konnte später nicht ausmachen, ob sonst noch jemand da war oder wann Andreas das Haus verlassen hat. Angeblich ist er zu dem Treffen mit Ihrer Mutter nicht erschienen.«
»Haben Sie privat etwas unternommen, als die Polizei keine umfangreichen Ermittlungen anstellen wollte?«
Violetta Kalski nickte. »Gleich zu Beginn habe ich einen Privatdetektiv angeheuert.« Sie hielt inne, und ich sah, wie ihr Blick flackerte, als würde ihr auf einmal etwas einfallen. »Moment … die dritte Tür.«
»Was für eine dritte Tür? In Ihrem Haus?«
Die Kalski antwortete nicht sofort, in ihrem Kopf schien es zu arbeiten. Schließlich winkte sie ab. »Vergessen Sie’s, das war gerade nur so ein Gedanke, hat sich erledigt.« Sie sammelte sich kurz und fuhr dann fort. »Der Detektiv ist zum selben Schluss gekommen wie die Polizei. Es haben sich alle auf die einfachste Lösung versteift, und das war nun einmal die, dass Andreas sich ins Ausland abgesetzt hat.«
»Und Sie, was haben Sie gemacht?«
»Den nächsten Privatdetektiv angeheuert.«
»Mit welchem Ergebnis?«
»Mit gar keinem. Er ermittelt immer noch, ich habe ihn nie von dem Auftrag entbunden.«
Obwohl wir nicht gerade auf einer Wellenlänge lagen, tat mir Violetta Kalski in diesem Moment leid. Ich konnte mir nicht einmal annähernd vorstellen, was es für sie bedeuten musste, vierzig Jahre lang nach ihrem Sohn zu suchen, nicht wissend, ob er tot oder lebendig war.
»Wenn dieser zweite Detektiv nach all der Zeit noch immer nichts gefunden hat und alle Spuren weiterhin in dieselbe Richtung deuten, ist es dann nicht naheliegend, dass die Polizei recht hatte und Andreas aus freien Stücken gegangen ist?«
»Nein! Nur weil etwas logisch ist, heißt es nicht, dass es sich zwangsläufig so zugetragen hat. Sehen Sie, ich wusste es, Sie sind genau wie alle anderen. Erst spielen Sie die Interessierte und Betroffene, die mir helfen möchte, endlich etwas über das Schicksal meines Sohnes zu erfahren, aber letztlich wollen Sie doch nur einen Artikel für Ihr Schundblatt schreiben oder bewirken, dass Ihre Mutter wieder ruhig schlafen kann.«
»Was haben Sie eigentlich gegen meine Mutter?« Ich hatte gehofft, ihr dadurch ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen, erreichte aber das genaue Gegenteil.
»Sie hat meinen Sohn auf dem Gewissen.«
Das haute mich ganz schön aus den Socken. »Wie kommen Sie denn darauf?«, fragte ich perplex.
»Cassandra hat es gesehen.« Sie spuckte mir die Worte regelrecht entgegen. »Schon Wochen vor Andreas’ Verschwinden hat sie gesehen, dass Maria seinen Tod herbeiführen würde. Daher war ich von Anfang an gegen diese Beziehung, aber er wollte einfach nicht auf mich hören.«
»Wie bitte? Das ist doch lächerlich. Wer ist überhaupt diese Cassandra?«
»Sie sollten jetzt gehen, es war ein Fehler, mit Ihnen zu sprechen.« Violetta Kalski erhob sich, ging mit überraschend energischen Schritten zur Tür und öffnete sie schwungvoll. Widerstrebend folgte ich ihr.
»Frau Kalski, ich will doch nur –«
Sie ließ mich nicht ausreden, verwirrt fand ich mich Sekunden später auf dem Flur wieder.
»Ich werde Sie am Empfang auf die Liste der unerwünschten Besucher setzen lassen. Kommen Sie nie wieder hierher.«
Violetta Kalski schlug die Tür hinter mir zu, ihr »Leben Sie wohl« war nur noch dumpf zu hören. Und ich war mir ziemlich sicher, dass sie es nicht ernst meinte.
Ich stieg über die tote Ratte, die O’Malley mir zur Begrüßung vor die Wohnungstür gelegt hatte, und ließ mich grübelnd aufs Sofa fallen. Was konnte es mit Violetta Kalskis Bemerkung auf sich haben, meine Mutter sei für den Tod ihres Sohnes verantwortlich? Ich hatte nicht die geringste Ahnung, warum jemand so etwas behaupten sollte oder wer diese Cassandra war, auch das Internet spuckte nichts Brauchbares aus.
So kam ich nicht weiter. Ich musste die Sache anders angehen. Meine Mutter und Alexa kannten durch ihre Jobs viele Leute in der Gegend, vielleicht war ja zufällig auch eine Cassandra darunter? Ich griff zum Telefon und entschied mich, es zuerst bei Alexa zu versuchen, da meine Cousine momentan eindeutig in der besseren nervlichen Verfassung war.
»Natürlich kenne ich Madame Cassandra«, sagte Alexa. »Ich habe mir von ihr allerdings noch nie die Zukunft vorhersagen lassen.«
»Ach du liebe Güte, sie ist Wahrsagerin?«
»Sogar eine recht bekannte.«
»So bekannt kann sie nicht sein, bei meiner Onlinesuche habe ich kein einziges Wort über sie gefunden.«
»Angeblich belegt sie alle Leute, die sich im Internet über sie austauschen, mit einem Fluch.«
»So ein Blödsinn.«
»Sag das nicht, eine ehemalige Klassenkameradin von mir hat mal einen Erfahrungsbericht über sie in einem Forum gepostet. Kurz darauf bekam sie Läuse, und ihr Mann brannte mit der Babysitterin durch. Die Läuse wurde sie erst wieder los, als sie den Bericht gelöscht hatte, ihren Kerl hat sie gar nicht mehr zurückbekommen.«
Ich biss mir auf die Unterlippe. »Auf einen Fluch kann ich wirklich gut verzichten.«
»Halte dich einfach an das, was Madame Cassandra dir sagt, dann hast du nichts zu befürchten.«
Ich fütterte O’Malley, holte mir ein Bier und eine Tüte Chips als Abendbrotersatz aus der Küche und machte mich daran, die Unterlagen von Günther Fabricius genauer durchzusehen. Bisher hatte ich die Berichte und Notizen nur überflogen, nun war es an der Zeit, das Ganze etwas strukturierter anzugehen.
Um kurz vor zehn hatte ich mir einen Überblick über Andreas Kalskis ehemaligen Freundeskreis verschafft. Dabei stellte ich fest, dass Frank Heykes wirklich nichts von der Verlobung an Günther Fabricius weitergegeben hatte, kein einziges Wort davon fand sich in den Notizen.
Rita Janssen war Frank Heykes’ feste Freundin gewesen. Die beiden waren etwa vier Wochen vor Andreas Kalski und meiner Mutter zusammengekommen. Sie hatte die Aussagen und Vermutungen ihres Freundes im Wesentlichen bestätigt, ansonsten aber nur wenige Berührungspunkte mit Andreas gehabt. Irgendwann musste sie geheiratet haben, denn Fabricius hatte über ihren Nachnamen den Namen Lugner geschrieben, dazu den Vermerk »verzogen nach Berlin«.
Inge Behrends war ebenfalls eine langjährige Freundin des Vermissten und zwei Jahre jünger als er. Keine Notiz über einen geänderten Nachnamen. Sie war die Tochter eines Bauunternehmers und hatte in der siebten Klasse zusammen mit Andreas Kalski die Schulbank gedrückt. Wie es aussah, hatte er entweder nur kurze Schulfreundschaften geschlossen, die so lange anhielten, wie das jeweilige Schuljahr dauerte, oder aber Freunde fürs Leben gefunden.
Norbert Coordes und Dieter Kuhlmann, die beiden Letzten im Bunde, waren so alt wie meine Mutter und gehörten dem Jahrgang an, zu dem Andreas Kalski zuletzt hinzugestoßen war. Von beiden hatte Günther Fabricius ein Foto ins Notizbuch geklemmt. Coordes war ein hochgewachsener Sportler, Kuhlmann ein etwas schüchtern dreinblickender Brillenträger.
Die Clique war zum letzten Mal auf der Geburtstagsfeier von Norbert Coordes zusammengekommen, am Freitag, bevor Andreas verschwand. Keiner von ihnen schien sich wegen seines Abtauchens zunächst Sorgen gemacht zu haben. Selbst als Fabricius zwei Wochen später zum ersten Mal mit Dieter Kuhlmann gesprochen hatte, war dieser davon ausgegangen, dass Andreas nur einen Städtetrip machte und bald wieder nach Hause zurückkehren würde.
Ich blätterte zu Violetta Kalskis Angaben. Es war damals häufiger vorgekommen, dass ihr Sohn sich ein oder zwei Tage lang nicht zu Hause blicken ließ, daher hatte sie die Vermisstenanzeige erst drei Tage nach seinem Verschwinden aufgegeben. Ansonsten stand dort das, was sie mir heute bereits erzählt hatte.
Читать дальше