Eine ältere, verbraucht aussehende Kellnerin mit einem Outfit, für das sie um Jahrzehnte zu alt wirkte, kam und nahm die Bestellung auf. Beide Frauen orderten Kaffee.
„Wie ist es dann weitergegangen“, nahm Sabine den Faden wieder auf, „Sie und Fritz haben geheiratet?“
„Ja, in unserem dritten Jahr. Rudi ist damals Parteichef geworden und hat politisch Karriere gemacht. Dank seiner Mama, natürlich.“
„War die damals politisch noch aktiv?“
„Gerade noch. Sie hat Rudi als ihren Nachfolger aufgebaut und sich dann zurückgezogen. Nach der Landtagswahl vor zwei Jahren ist er Landesrat geworden. Wir waren alle ganz stolz.“
Sabine sah Margot Teppan von unten her an. „Auch Ihr Mann?“
„Nein.“ Sie fingerte eine weitere Zigarette aus der Packung. „Er hat damals andere Sorgen gehabt. Unsere Druckerei ist nicht gut gegangen, er hat Konkurs anmelden müssen.“
„Im selben Jahr?“
„Vor zwei Jahren, ja.“ Wieder ihr Ritual. „Es war absehbar. Die Druckerei ... die ist nie wirklich gut gelaufen. Und dann noch die Konkurrenz aus dem Osten ... Rudi hat da gar nichts dafürkönnen.“
Sabine stutzte. „Hat ... hat Ihr Mann das behauptet?“
Margot Teppan nickte und sah die Chefinspektorin mit einem unbestimmbaren Blick an. „Rudi hat als Parteichef Einsparungen vornehmen müssen. Fritz hat das nicht verstehen wollen.“
Sabine war verwirrt. „Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“
„Unsere Druckerei hat die ganzen Drucksorten für die Partei gemacht“, erklärte Margot Teppan, „und dann nicht mehr.“
Sabine verstand. Fritz Teppan hatte von der Partei gelebt, und Landesrat Moritsch hatte ihm den Geldhahn zugedreht. Frau Teppan glaubte, der Grund seien notwendige Einsparungen der Partei gewesen, ihr Ehemann hielt es für eine gegen ihn gerichtete Maßnahme. Sabine nahm sich vor herauszufinden, wer von den beiden recht hatte.
„Fritz ist ein guter Mann“, fuhr Margot Teppan in einem klagenden Ton fort, „aber er ist sehr empfindlich. Er braust schnell auf und ist danach nur schwer zu versöhnen. Und Rudi ... der hat nie nachgegeben, keinen Millimeter. Da war klar, dass sie aneinandergeraten.“
„Was meinen Sie damit?“
„Vergangenes Jahr, bei einer Parteisitzung ... da hat Fritz Rudi wieder einmal beschuldigt, dass er ihn in den Bankrott geschickt hat, und Rudi hat ihn provoziert und provoziert ... so lange, bis Fritz ihn geschlagen hat. Mit der Faust. Ins Gesicht.“ Sie widmete sich wieder ihrer Zigarette.
„Und dann?“, hakte Sabine vorsichtig nach.
„Rudi hat ... er hat Fritz ... er hat veranlasst, dass Fritz aus der Partei ausgeschlossen wird.“
Die Chefinspektorin sah Margot Teppan forschend an. Sie war sich sicher, dass noch mehr dahintersteckte, doch offensichtlich wollte die Frau nicht darüber reden. Sie beschloss, diese Information über einen Umweg aus ihr herauszubekommen, und zog ein paar Papierblätter aus der Umhängetasche, die sie mithatte. „Nach den gestrigen Ereignissen auf der Messe“, begann sie, „haben wir alle Anwesenden befragt, wer Landesrat Moritsch zuletzt gesehen hat. Dabei hat sich herausgestellt, dass er zuletzt mit einigen Ausstellern zusammengestanden ist. Diese haben ausgesagt, der Landesrat habe bei einem Streit mit Ihrem Mann, der zufällig vorbeigekommen ist, durchblicken lassen, er habe ein Verhältnis mit Ihnen.“
Margot Teppan war mit einem Mal wie versteinert, der aufsteigende Rauch ihrer Zigarette schien das einzig Lebendige an ihr zu sein.
Sabine beschloss, sie mit den Tatsachen zu konfrontieren. „Ich lese Ihnen jetzt das Streitgespräch zwischen Landesrat Moritsch und Ihrem Mann vor, wie es einer der Augenzeugen zu Protokoll gegeben hat:
Landesrat Moritsch: ‚Und, Fritz, gefällt’s dir auf der Messe?’
Fritz Teppan: ‚Halt’s Maul!’
Landesrat Moritsch: ‚Beleidigend auch noch? Sag lieber danke, dass ich dich nicht anzeige, sonst überlege ich es mir noch einmal.’
Fritz Teppan kam näher und starrte Landesrat Moritsch aggressiv an.
Landesrat Moritsch: ‚Sind wir schon wieder soweit? Ist in Ordnung, schlag zu! Aber dann kann dir deine Frau auch nicht mehr helfen.’
Fritz Teppan: ‚Was meinst du damit?’
Landesrat Moritsch: ‚Es war ja ganz nett, was sie auf meinem zurückgeklappten Beifahrersitz so alles draufgehabt hat, aber so gut, dass ich auf zwei Anzeigen verzichte, ist sie dann auch wieder nicht.’
Fritz Teppan ging schweigend davon. “ Sabine ließ die Blätter sinken und sah Margot Teppan fragend an.
Diese erwachte mit einem kurzen Kopfschütteln aus ihrer Erstarrung und rückte auf dem Stuhl herum, während ihre Blicke in der Gegend umherzuckten.
„Das ist“, sie räusperte sich, „das war typisch für Rudi. Er hat immer in den wunden Punkt hineingedrückt.“
„Hat er die Wahrheit gesagt?“
Margot Teppan drehte für lange Sekunden die Spitze ihrer Zigarette im Aschenbecher herum, dann sagte sie kleinlaut: „Nein.“
Donnerstag, 17 Uhr
Die große, schwere Holztür am Eingang zum Gebäude der Kärntner Landesregierung schwang mit einem Summen automatisch auf, so dass Heinz einen Schritt zurücktreten musste, um ihr auszuweichen. Er ging hinein und wandte sich an den Portier, der neugierig hinter einer großen Glasscheibe herausschaute, wer um diese Zeit noch kam. Als Heinz den Namen von Landesrat Moritschs Büroleiterin nannte, hellte sich sein Gesicht auf und er meinte, Frau Mühlwirth habe ihm den Besuch angekündigt. Er beschrieb den Weg, dann trat Heinz durch eine Glastür in das weitläufige Stiegenhaus. Jeder Schritt hallte, als er über die breite Treppe in den ersten Stock hinaufging. Auf halbem Weg blieb er stehen, hielt sich am Geländer fest und atmete einige Male schwer durch. Während er darauf wartete, dass sich sein Herzschlag verlangsamte, starrte er auf die breiten, flachen und tiefen Stufen vor sich. Er hatte einmal gelesen, dass man im 19. Jahrhundert, aus dem auch dieser Bau stammte, die Treppen öffentlicher Gebäude deshalb so gestaltet hatte, damit berittene Boten zu Pferd in die oberen Stockwerke gelangen konnten.
Der Bürotrakt des verstorbenen Landesrats nahm einen vollen Gebäudeflügel in Anspruch. Von einem L-förmigen Gang aus führten rechts und links Türen in Zimmer, deren Nummer und Funktion auf Tafeln vermerkt waren, die man neben dem Türstock an die Wand geschraubt hatte. Bei Büroräumen standen auch Namen, Titel und Funktionen der hier arbeitenden Personen darauf.
Heinz orientierte sich an den fortlaufenden Zimmernummern. Er fand die Tafel, nach der er Ausschau gehalten hatte, hinter dem Knick des Gang-Ls, klopfte an die Tür und trat ein. In einem erstaunlich kleinen und mit Akten- und Papierstapeln vollgestopften Büro saß an einem seitlich zum Eingang positionierten Schreibtisch eine Frau in einem mausgrauen Kostüm mit langem Rock, das, ebenso wie die farblich dazu passenden niederen Pumps, Heinz stark an die Mode der frühen Neunzehnhundertachtzigerjahre erinnerte. Ihre grauen Haare hatte die Frau zu einem Dutt zusammengebunden und knapp ober der Spitze ihrer Nase klammerte sich eine Brille mit kleinen runden Gläsern fest. Über diese hinweg blickten Heinz zwei müde, aber neugierige Augen an.
„Jaaa?“
„Grüß Gott, mein Name ist Sablatnig.“
„Ah, Herr Sablatnig.“ Mit fast jugendlicher Leichtigkeit schwang die Frau auf ihrem Drehstuhl herum, sprang auf und kam ihm entgegen. „Angenehm, Mühlwirth, freut mich.“ Der Druck ihrer Hand war kräftig.
Heinz bemerkte, dass die Frau nicht so alt war, wie ihr Äußeres vermuten ließ, sie mochte Mitte oder Ende fünfzig sein, nicht mehr.
„Wie kommt es, dass Sie heute arbeiten? Ich meine, am Tag nach ...“ Heinz ließ den Satz in der Luft hängen.
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