Heinz überlegte weiter. Das Einzige, was er sich vorstellen konnte, war, dass der Verkauf finanziell besonders attraktiv gewesen war. Möglicherweise hatte also nicht die Kirche eingelenkt, sondern die Immosorg auf Moritschs Betreiben hin den Kaufpreis erhöht. Heinz suchte im Internet nach Immobilienmaklern, die mit Grundstücken am Wörthersee handelten.
Wenige Minuten später starrte er entgeistert abwechselnd auf den Bildschirm und auf seine Notizen und verstand die Welt nicht mehr. Er rechnete noch einmal nach, da er glaubte, wegen seiner mangelhaften Konzentration einen Fehler gemacht zu haben, doch es stimmte alles. Keines der Seegrundstücke, die die Makler im Angebot hatten, war günstiger zu haben als zu einem Quadratmeterpreis von fünftausendsechshundert Euro! Anderthalb Hektar, das waren fünfzehntausend Quadratmeter, multiplizierte er diese mit fünftausendsechshundert Euro, kam er auf einen Gesamtpreis von vierundachtzig Millionen Euro – und das war die Preisuntergrenze! Warum willigte die katholische Kirche nach anfänglicher Weigerung in einen Verkauf ein, der eine halbe Million unter Wert lag?
Die einzig logische Schlussfolgerung, auf die Heinz kam, war, dass Landesrat Moritsch der katholischen Kirche irgendein „Zuckerl“ angeboten hatte, ein Gegengeschäft, das den Grundstücksdeal attraktiv gemacht hatte. Das musste allerdings ein Zuckerl im Wert von zumindest fünfhunderttausend Euro gewesen sein – und das warf wiederum die Frage auf, welchen Nutzen das Land Kärnten davon hatte.

Kapitel 4
Donnerstag, 15 Uhr
„Frau Chefinspektorin?“
Sabine, die gerade das Café betreten wollte, fuhr herum. An einem der Straßentische des Lokals saß eine schlanke Frau Anfang dreißig, die sie mit großen, dunklen, unsicheren Augen ansah.
Margot Teppan hatte Sabine angerufen und darum gebeten, sie in einem Kaffeehaus zu treffen, nicht, wie ursprünglich vereinbart, bei sich zuhause. Eine Zigarettenschachtel samt Feuerzeug machten Sabine klar, warum sie den Tisch im Freien gewählt hatte, das würde die Unterhaltung allerdings erschweren, denn die stark befahrene Sankt-Veiter-Straße war nur eine Gehsteig- und eine Parkstreifenbreite entfernt.
Die beiden Frauen begrüßten sich und Sabine nahm Platz. Frau Teppan trug ein leichtes, lilafarbenes Alltagskostüm, das billig wirkte. Ihre schimmernden, dunkelbraunen Haare breiteten sich über ihre Schultern, und ihre schmalen Lippen waren in einem rosaroten Farbton dezent geschminkt. Sie war attraktiv und wirkte gepflegt, doch alles an ihr – ihr Gesichtsausdruck, ihre Frisur, ihre Kleidung – wirkte irgendwie fahrig, hektisch. So auch die Bewegungen ihrer Hände, als sie eine Zigarette aus der Packung schüttelte, zum Mund führte und anzündete. Der erste, tiefe Zug schien sie etwas zu entspannen.
„Danke, dass wir uns hier treffen können“, begann sie, „mein Mann ist nicht gut beieinander. Der viele Alkohol gestern ... er ist das nicht gewöhnt.“
„Warum hat er sich betrunken?“
Margot Teppan zuckte so stark zusammen, dass ihr beinahe die Zigarette aus den schlanken Fingern fiel. Sie nahm einen Zug, streifte die nicht vorhandene Asche ab, blies den Rauch aus – spielte auf Zeit. „Er hat ...“, begann sie schließlich, „in den vergangenen Jahren schrecklich viele Rückschläge erlitten, beruflich. Alkohol war aber noch nie ein Thema.“
Sabine wollte fragen, was denn gestern anders gewesen sei als bisher, entschied sich dann aber für eine etwas weniger direkte Vorgehensweise, um Margot Teppan nicht vollends zu verschrecken. „Was waren das für Rückschläge?“
Die Gefragte zog wieder an der Zigarette, streifte die Asche ab, blies den Rauch aus. „Wir haben ... er hat eine Druckerei geführt, in Köttmannsdorf. Von seinem Papa geerbt. Die ist pleite gegangen.“
Die Chefinspektorin musterte die Frau. Offenbar traute sie sich noch nicht aus sich heraus, Sabine musste irgendwie ihren Redefluss in Gang bringen. „Haben Sie Landesrat Rudi Moritsch gekannt?“
Margot Teppan nickte.
„Seit wann?“
Sie vollzog wieder ihr Ritual, ehe sie begann. „Seit vielen Jahren. Rudi und ich sind damals der Kärntner Jugend beigetreten, da war ich siebzehn Jahre alt.“ Ein Lächeln flog wie ein Schatten über ihr Gesicht und verzauberte es für die Dauer eines Herzschlags. „Rudi war achtzehn.“
„Die Kärntner Jugend ? Was ist das?“, unterbrach Sabine.
„Das ist ... die Jugendorganisation von Rudis Partei. Wir waren eine Menge junge Leute, damals. War eine schöne Zeit.“
„War Ihr Mann auch Mitglied?“
Frau Teppan blickte ihr kurz in die Augen. „Ja, Fritz war der Obmann. Damals. Er ist ja um einiges älter als ich, zwölf Jahre.“
„Haben Sie sich gleich ineinander verliebt?“
„Nein, erst später, Jahre später. Damals war er für mich noch ein alter Mann.“ Ihr Grinsen wirkte unschuldig.
Sabine zwang sich zu einem Lächeln. „Sie haben sich noch die Hörner abstoßen müssen, stimmt’s?“
Margot Teppan lachte wie ein kleines Mädchen. „Ja, stimmt. Wir alle haben das in dem Alter, nicht wahr?“
Sabine nickte. „Junge Leute müssen so sein.“
„Ja, das müssen sie.“
„Rudi auch?“
„Ja“, lachte Frau Teppan, „mit Rudi war ich auch zusammen. Eigentlich öfters.“ Sie zog an der Zigarette, streifte die Asche ab, blies den Rauch aus. „Es war eine wilde Zeit.“
„Und wie haben Sie sich in Ihren Mann verliebt?“
„Jahre später, da war ich schon vierundzwanzig. Ich habe meinen Beruf gehabt und alleine gelebt. Da waren plötzlich andere Dinge wichtig, wie ein regelmäßiges Einkommen und überhaupt Stabilität. Fritz war mein Vorbild, weil er so solide war. Auf den hat man sich verlassen können.“ Sie lächelte. „Und er war in mich verliebt.“
„War er da noch immer Obmann der Kärntner Jugend ?“
„Nein, da hat ihn Rudi schon abgelöst. Fritz hat mit der Kärntner Jugend nichts mehr zu tun gehabt, der war da schon Funktionär in der Landespartei.“
„Haben er und Rudi sich gut verstanden?“ Sabine beobachtete, wie Margot Teppans Augen dunkel wurden.
Sie schüttelte heftig den Kopf. „Nein, die beiden haben sich nie ausstehen können.“
„Wieso nicht?“
„Sie waren zu verschieden. Fritz war immer so gediegen, Rudi war mehr der Draufgängertyp. Außerdem hat Rudi alle geärgert. Er war ein schlimmer Finger.“ Diesmal war ihr Lächeln halbherzig.
„Haben Sie eine Ahnung warum?“
„Er war ein bisschen verzogen. Seine Mutter war ja die Landesrätin, eine echte Respektsperson in der Partei. Wenn die was gesagt hat, dann haben alle folgen müssen, ohne Widerrede.“
„Und Rudi hat das ausgenützt?“
„Er hat es versucht. Aber Fritz hat ihm das nie durchgehen lassen.“
„Wie kann ich mir das vorstellen?“
Margot Teppan drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. „Er hat ihn behandelt wie ein Muttersöhnchen. Am Anfang, jedenfalls. Später dann sind sie regelmäßig zusammengekracht. Da sind die Fetzen geflogen!“
„Ist es da auch zu Handgreiflichkeiten gekommen?“
„Immer wieder, ja. Aber nichts Ernstes.“
„Und als Rudi älter geworden ist, hat sich das nicht gebessert?“
„Nein. Rudi hat so eine Art gehabt ... sobald er herausgefunden hat, wo jemand seinen wunden Punkt hat, hat er mit Genuss genau dort hineingedrückt. Wissen Sie, was ich meine?“
„Sie haben ihn aber trotzdem gemocht?“
„Ja, bei den Mädels, da war er anders. Außer, wenn er eine nicht hat ausstehen können.“
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