Im Garten angekommen, entdeckte Nimue mit Freude, dass die verschiedensten Blumenarten bereits in voller Pracht erblühten. Sie sah Passionsblumen, Kamelien, Lilien, Sonnenblumen, Eisenhüte, Arnikakräuter, Glockenblumen, Stiefmütterchen und noch viele Pflanzen mehr. Die Farben vermischten sich vor ihren Augen, als ob ein bunter Blumenteppich vor ihr liegen würde.
Nach dieser Blumen- und Kräutervielfalt durchstreiften sie einen Bereich des Gartens, der einzig und allein den Rosen gewidmet war. Auch sie blühten in ihren prächtigsten Farben. Nimue lächelte bei diesem schönen Anblick. Die Rose war ihre Lieblingsblume, vor allem die, die hellrosafarbene Blüten hatte. Als sie eine solche entdeckte, blieb sie stehen, um an ihr zu riechen.
»Deine Blumen sind so schön, Oma«, bemerkte Nimue.
»Danke! Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir öfters bei der Pflege hilfst.«
Nimue nickte zustimmend, während sie ihr in ein Gewächshaus folgte, in dem Gemüse angebaut wurde. Als sie dieses durchquerten, sah sie durch ein Abtrennglas eine tiefrote Farbe schimmern. Dahinter waren große Tomaten, die an Sträuchern hingen und sie durch ihre Schwere nach unten drückten.
»Oma, die sind aber groß geworden«, meinte Nimue und deutete auf einen Strauch mit vielen unterschiedlich großen Tomaten.
»Das stimmt. Diese besonders saftige Fleischtomate haben wir extra für deinen Geburtstag angebaut«, erwiderte Oona, »und auch den Rest, den du hier siehst. Das wird ein großes Fest, Nimue.« Sie zeigte mit ihrer Hand auf die vielen unterschiedlichen Gemüse- und Obstsorten rundherum.
Der Raum war groß und lang gezogen und an beiden Enden mit Glasscheiben von anderen Gewächshäusern abgetrennt. Auf einer Seite erblickte Nimue in sorgfältig angebauten Reihen Karotten, Lauch, Sellerie, Kartoffeln und mehrere Salatsorten. Auf der anderen Seite war das Obst. Kleine Bäume voll mit Früchten ragten aus dem Boden.
Sie sah so viele verschiedene Obst- und Gemüsesorten, dass sie staunte: »Oh, so viel Obst und Gemüse, und das alles nur für meinen Geburtstag.«
Oona nahm derweilen an einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes Platz. Nimue tat das Gleiche und hörte die Worte ihrer Großmutter, während ihre Augen weiter auf die Fülle der außergewöhnlichen Früchte gerichtet waren.
»Also, meine Kleine, du weißt, dass du zum 130sten Geburtstag einen Wunsch frei hast.«
Nimue nickte und wandte sich ihrer Großmutter zu.
»Pass gut auf, was du dir wünschst, Nimue, denn Seoras wird es dir gewähren. Die Tradition unseres Elfenstammes besagt, dass jeder Elfe an ihrem Uaneala-Tag ein Wunsch erfüllt werden muss. Da gibt es so gut wie keine Ausnahmen. Also, was ich damit sagen will, ist ganz einfach: Wünsch dir etwas, das du wirklich willst, und sei dir im Klaren darüber, dass es in Erfüllung gehen wird.«
Nimue erwiderte freudig: »Ja, Oma. Soll ich dir meinen größten von allen Wünschen sagen?«
»Nein, nicht so vorschnell. Denk darüber nach. Du hast noch zehn Tage Zeit. Geh in dich und finde dort die Wahrheit deiner Wünsche, denn je nachdem könnte er dein Leben stark verändern. Dies ist der erste Schritt zum Erwachsenwerden, Nimue. Handle weise und wohlüberlegt. Stell dir die Fragen: was und warum du es dir wünschst, und danach, welche Folgen es für dich, dein Leben und auch für deine Familie haben wird.«
Auf einmal fühlte Nimue eine Schwere, die sich langsam in ihrer Brust ausbreitete. War es nun so weit, sollte sie jetzt für ihre Entscheidungen allein verantwortlich sein? War sie schon bereit dafür? Konnte sie die volle Tragweite begreifen, die ihre Großmutter von ihr verlangte? Oder verstand sie ihre Worte falsch?
»Oma, kann ich nicht mit dir und Opa über meinen Wunsch sprechen?«
Oona schüttelte leicht den Kopf.
»Wir müssen ja nicht über den einen großen reden. Vielleicht über die vielen anderen kleineren?«, schlug Nimue daraufhin vor.
»Nein, dein Wunsch und du, ihr sollt eine Einheit darstellen. Ich meine, keine äußeren Einflüsse sollen dabei auf dich einwirken. Genauer gesagt, dein Wunsch soll frei von anderen gehegt, gepflegt und gestellt werden.«
Nimue verstummte, während sie über die Worte ihrer Großmutter nachdachte.
»Du brauchst keine Angst zu haben. Wenn du deiner inneren Stimme folgst und dir Zeit gibst, sie zu verstehen, kann dir nichts passieren. Die nächsten Tage werden sehr wichtig für dich sein. Nimm dir Zeit und vor allem gib dir Ruhe, denn nur in Ruhe kannst du dich richtig entscheiden.«
»Innere Stimme?«, dachte Nimue, »Hat mir Opa nicht auch schon davon erzählt?«
Nimue konnte sich nicht mehr erinnern, wie genau ihre innere Stimme klingen sollte und noch dazu hatte sie den Wunsch zu reisen und die Welt zu entdecken. Sollte sie trotzdem mit ihrer inneren Stimme sprechen? Ihr vielleicht sogar den Wunsch sagen und ihre Meinung dazu hören? Vielleicht tendiert ihre innere Stimme ja mehr zu einem Tara-Pferd, ist sich Nimue nun unsicher.
Da wollte sie wissen: »Ist die innere Stimme die, die mich meinem Traum näherbringt oder die, die mir meinen Wunsch bestätigt?«
»Deine innere Stimme ist die Stimme deiner Seele und sie entspricht der höchsten Wahrheit.«
»Aha«, staunte Nimue.
»Du sollst in dich hineinfühlen und genau hinhören, denn durch ungesunde Emotionen kann es passieren, dass du keinen direkten, reinen Zugang zu deiner inneren Stimme hast.« Oona blickte in Nimues irritiertes Gesicht und erkannte, dass sie ihre Aussage nicht im Detail verstand. Deshalb holte sie ein Beispiel hervor: »Ich meine, und das ist wirklich nur ein Beispiel, du wünschst dir eine sprechende Puppe, allerdings nur, weil alle in deinem Alter eine solche besitzen. Dieser Wunsch ist von der Emotion getragen, die einem Muster und der daraus resultierenden Vorstellung folgt. Alle haben diese eine Puppe, also willst du auch eine. Das gilt auch dann, wenn die Eifersucht keine oder nur eine geringe Rolle dabei spielt. Erkennst du den Ursprung nicht, kann dir der wahre, tief in dir versteckte Wunsch verborgen bleiben. Du denkst an die Puppe und konzentrierst dich allein darauf. Leider ist es üblich, dass die äußere Schale, also das Oberflächliche und dessen Gegebenheiten, uns oft mehr im Griff haben, als unser schönes inneres Ich.«
»Aha«, äußerte sich Nimue noch einmal voller Ehrfurcht über das große Wissen ihrer Großmutter. »Wie kann ich meine innere Stimme klar hören? Und vor allem, wie weiß ich, ob der Wunsch von außen oder innen gesteuert wird?«
»Lass dir Zeit und komm zur Ruhe. Hektik und Stress halten dich davon ab, und versuche jegliche Emotionen von dir fern zu halten. Denk nur an dein inneres Ich und lerne es kennen.«
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