Das Elfenvolk aus dem Reich Shenja gab sich stets ruhig und friedvoll, was nicht heißen soll, dass sie ohne Mut und Stärke gewesen wären. Sie stellten sich unvermeidbaren Kriegen und siegten, genauso wie sie einige Schlachten verloren. Ihr Familienbewusstsein schloss alle Schlossbewohner mit ein und ihr Zusammenhalt war außergewöhnlich. Optisch veränderten sie sich im Gegensatz zu ihren Vorfahren beträchtlich. Ihre früher leicht grüne Hautfarbe wechselte über die Jahrtausende in eine braun-blaue Mischung, sowie ihre Haarfarbe von Blond bis Brünett reichte. Je mehr eine Elfe das Land besuchte, desto mehr färbte sich ihre Haut bräunlich.
Ihre Anpassungsfähigkeit war einzigartig unter den Elfenstämmen. Böse Zungen behaupteten, dass sie gar keine echten Elfen waren, sondern ein kunterbunter Mix aus anderen, kleineren Wesen, wie zum Beispiel Wichten. Tatsächlich galt dies in der Elfenwelt als unmöglich, da sich Elfen nur mit ihresgleichen oder Menschen vermählten. Somit war es eine Unterstellung, die auf ihre geringe und unübliche Größe begründet wurde. Zudem waren Wichte für ihre starken Sinneswahrnehmungen bekannt. Auch hier unterschied sich Nimues Familie von den anderen Elfenstämmen. Ihre ausgeprägten Sinne stellten jedoch eine Folge der jahrzehntelangen abenteuerlichen Reise dar und die dabei lebenserhaltende Notwendigkeit zur Anpassung. Der ständige Einsatz trainierte ihre Sinne nicht nur, sondern verbesserte ihre Gene sozusagen und intensivierte ihre Feinheit und Stärke.
Die Kritik an ihren besonderen Fähigkeiten störte niemanden im Reich Shenja, denn »was kümmert einen schon das dumme und unwahre Geschwätz von Neidern«, bemerkte Nimues Großvater immer mit einem Lächeln auf seinen Lippen. »Neid ist ein böser Feind, doch gewährt man ihm keine Macht, wendet er sich wieder ab und schenkt seine Aufmerksamkeit denen, die dagegen ankämpfen. Meine Kleine, wichtig ist«, betonte er stets, »dass du ehrlich und gut zu anderen bist. Dabei musst du dir nicht alles gefallen lassen, aber denk immer daran: So wie du von anderen behandelt werden möchtest, so verfahre auch du mit ihnen. Achte vor allem auf dich selbst«, erklärte er danach für gewöhnlich. »So oft muss ich sehen, wie Menschen sich selbst verleugnen, um Ideale oder allgemeine Meinungen anderer nachzuahmen. Oder sie sind von Selbstzweifeln befangen, sodass sie sich darin verlieren, darunter leiden und dadurch einen falschen Weg einschlagen. Krankheit, Elend und Trauer resultieren daraus und zerstören das schöne, ursprünglich strahlende Ich des Leidenden. Du selbst, mit allem was dazugehört, bist wichtig, meine Rao’ra, denn wer dir immer erhalten bleibt, bist du dir selbst. So pflege dein Ich, so wie du deine Lieblingsblume mütterlich pflegst, und du wirst auf die gleiche, wunderschöne Weise erblühen, wie sie es immer tut.«
Nimue konnte sich nicht jede Lebensweisheit ihres Opas auf Anhieb erklären. Es sollten jedoch noch Zeiten auf sie zukommen, in denen sie das eine oder andere verstehen lernte, ohne danach zu fragen.
Nimue war mit einer Größe von etwa 1,64 Meter für ihr Alter sehr stattlich gewachsen und überragte damit die meisten gleichaltrigen Elfen. Ihre Hautfarbe war Hellbraun mit einem leichten blauen Schimmer. Sie hatte langes, dunkelbraunes Haar und trug schon als Kind oft jungenhafte Kleidung. Die Schlossbewohner waren sich einig, dass ihre Eltern an der burschikosen Entwicklung schuld seien, denn diese hatten sich nach drei Mädchen einen Jungen gewünscht. Trotzdem, das vierte Kind wurde erneut ein Mädchen und so erklärte es sich von selbst, dass sie einen kleinen Jungen daraus machten. Dies entsprach jedoch nicht der Wahrheit. Wenn ihre Eltern zu dieser Entwicklung einen Beitrag leisteten, dann nur derart, dass sie ihr die Freiheit gaben, so sein zu dürfen, wie sie es wollte, und sie liebte jede Art von Kleidung. Sie zog Kleider an, wenn es die Tradition verlangte, wie zum Beispiel zum traditionellen Abendessen. Ansonsten bevorzugte sie Hosen, vor allem, wenn sie durch den Wald rannte oder ritt. Sie verfingen sich nicht in den Ästen und erleichterten damit jede Bewegung. An ihrem großen Geburtstag würde sie ganz bestimmt ein Kleid tragen.
Nimue freute sich schon sehr auf das Fest, da der König diesen magischen 130sten Geburtstag besonders ehrte. Seit Tagen konnte sie vor Aufregung nicht mehr schlafen, denn in elf Elfentagen war es so weit. An diesem Tag hatte sie einen großen Wunsch frei und dieser war bereits in ihren Gedanken manifestiert: die Erlaubnis ihres Urgroßvaters, ihres Großvaters und ihres Vaters für eine Zeit bei ihrer Cousine auf der Zauberinsel zu leben und dabei die Welt der Menschen zu entdecken. Sie hatte viele tolle Geschichten von ihrer Cousine gehört und wollte nun ein Teil davon werden.
Ihre Eltern, Yavira und Hubert, fühlten schon lange, dass ihre Tochter bald auf Reisen gehen würde. Einerseits freuten sie sich für Nimue und andererseits stellten die Dunkelelfen eine Gefahr für Nimue dar. Außerhalb des Schlosses war diese nicht zu kontrollieren, was die Welt oberhalb des Chiemsees gefährlich für Nimue machte.
Ach ja, der Name ihres Vaters war für Elfen natürlich sehr ungewöhnlich. Oona wählte ihn wegen eines Menschen, der Hubert hieß und ursprünglich auf der Fraueninsel lebte. Als Nimues Großmutter mit Hubert schwanger war, hatte sie große Probleme, das Kind zu gebären. Sie schrie laut und dies war ungewöhnlicherweise auch für einen Menschen am Ufer der Fraueninsel zu hören. Er machte sich große Sorgen, dass jemand gerade ertrinken würde, und sprang ins Wasser, um diese sich in vermeintlicher Not befindende Person zu retten. Nachdem er tiefer und tiefer getaucht war, verlor er das Bewusstsein. Doch Schankti, die Medizinelfe, rettete ihn. Durch die Heilung durchfluteten seinen Menschenkörper etliche Elfenstoffe und so wurde er ein Halbelfe. Von diesem Tag an lebte er im Reich Shenja. Sein Name war Hubert. Das Besondere lag jedoch in dem Ereignis, das während seiner Heilung und somit Transformation passierte. Es schien, als ob seine Verwandlung auch Nimues Großmutter heilte, denn es ging ihr schlagartig besser. Kurz darauf gebar sie einen gesunden männlichen Elfen. Alle glaubten, dass er Oona durch seine selbstlosen und warmherzigen Energien gerettet hatte, und so wurde Nimues Vater nach ihm benannt.
Nimue wurde am siebten Tag des dritten Sternenmonats geboren. Da der zweite Sternenmonat in vollem Gange war, liefen die Vorbereitungen für das Fest bereits auf vollen Touren. Beinahe jeder Schlossbewohner hatte eine oder mehrere Aufgaben, denn diese Feier sollte etwas ganz Besonderes werden. Zum einen, weil Nimue die Urenkelin des Königs war. Zum anderen, weil der Tag der Uaneala-Verwandlung einen besonderen Stellenwert im Leben einer jeden Elfe hatte. Er symbolisierte die Entwicklung von einem verspielten Lamm in einen aufgehenden Schwan. Von diesem Tag an wurden Elfen nicht mehr als Kinder angesehen, sondern als angehende Erwachsene. Danach richtete sich ihr Fokus noch intensiver auf das Lernen, jedoch nun nicht mehr ausschließlich auf spielerische Art und Weise, sondern deutlich mehr zukunftsorientiert. Zur Unterstützung dienten eine Elfenschule und die Erfahrungen der Vorfahren, die stets von besonderer Bedeutung waren. Dabei lernten die jungen Elfen unter anderem die Unterschiede zwischen ihrem Sternenkalender und dem Menschenkalender kennen. Auch die Elfen hatten Feiertage, an denen jede Elfe ihre Arbeit niederlegte. Es waren die magischen Tage der Elfen, nämlich jeweils der dritte, siebte und 13te eines Monats. Die Zahl 13 war für die Elfen nicht nur eine magische Zahl, sondern auch ihre Glückszahl.
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