»Er ist Urgroßvaters Lieblingsbruder und muss ganz nett sein, oder?«
»Er ist der Bruder unseres Königs, und vielleicht ist er auch ganz nett. Aber jetzt lass mich endlich lesen, du Nervensäge«, forderte Sophia ihre kleine Schwester gereizt auf.
»Wann kommt er bei uns an?«, fragte sie dennoch und bekam die knappe Antwort: »Morgen, glaube ich.«
Nimue unterdrückte noch weitere Fragen, denn der scharfe Blick ihrer Schwester zeigte ihr, dass sie eindeutig nicht mehr gestört werden wollte. Auf Zehenspitzen ging sie in Richtung Tür, als diese plötzlich aufsprang.
Nimue zuckte zusammen. Zur gleichen Zeit kam ihre Großmutter Oona herein.
»Hallo, ihr beiden.«
»Hallo«, hallte Nimues und Sophias Stimme synchron im Raum.
»Oma«, fragte Nimue sogleich, »besucht uns Katar wirklich wegen meines Geburtstags?«
»Ja, meine Kleine, das tut er. Ist das nicht wunderschön?«
»Ja, Oma, das ist es.«
»Ich komme, um mit dir zu sprechen, Nimue. Es ist an der Zeit, dass du dir über deinen Geburtstagswunsch ernsthafte Gedanken machst. Du weißt ja, dass du ihn genau um 13 Elfenstunden nach Null vor allen Gästen aussprechen darfst?«
»Ja, Oma, ich weiß«, bemerkte Nimue aufgeregt. Ihre Wangen röteten sich leicht.
Da sprang die Tür noch einmal auf und Nimues Geschwister Marie und Aoife kamen herein.
»Hey, Nimue«, sagte Aoife, »ehrenvolle Feier, huh? Die haben wohl Großes mit dir vor.«
Nun hörte Nimue diese Aussage das zweite Mal in der gleichen Stunde, was sie zunehmend irritierte. »Was hat das zu bedeuten? Großes! Was ist ehrenvoll groß oder meinen sie etwas ganz anderes?«, grübelte sie nach, während Oona mit Aoife sprach.
Dann wandte sich Oona wieder Nimue zu. Sie setzten sich vor das Fenster auf zwei Holzstühle und blickten hinaus, während sich die drei Schwestern im Hintergrund lautstark unterhielten.
»Oma, was hat man mit mir vor?«, wollte Nimue wissen, fast ängstlich auf die Antwort wartend.
Oona lachte. »Keine Angst, meine Kleine, nichts, was dir Sorgen bereiten sollte.«
Dies war für Nimue eine äußerst unbefriedigende Antwort. Was sollte das heißen: sich keine Sorgen machen? Allein das Wort Sorgen in diesem Zusammenhang zu benutzen, bereitete ihr schon ein unangenehmes Gefühl. Sie wusste, dass es sich nicht gehörte, weiter nachzufragen, konnte ihre große Neugierde aber nicht im Zaum halten und fragte ungeachtet dessen: »Was genau soll mir keine Sorgen bereiten?«
»Darüber wird dir dein Urgroßvater berichten, Nimue. Hab Geduld.«
»Aha«, dachte sich Nimue, »jetzt ist es ausgesprochen.« Für sie war das eine klare Antwort, denn wenn sich ihr Urgroßvater damit beschäftigte, war es etwas Großes. Was auch immer groß bedeutete, war ihr in diesem Zusammenhang allerdings nicht bewusst.
»Lass deinen Gedanken freien Lauf, meine Kleine. Ein Wunsch soll sich dir zeigen. Erst, wenn du dir zu hundert Prozent sicher bist, mein Kind, lass uns darüber sprechen. Ich bin immer für dich da.«
»Das mache ich, Oma.«
Der Wunsch, zu reisen und bei Cara auf der Zauberinsel zu leben, war natürlich präsent. Doch Nimue dachte auf einmal, warum nicht mehrere Wünsche in Betracht ziehen, um diese dann mit ihrer Großmutter zu besprechen.
Als erstes kam ihr ein Pferd in den Sinn und zwar ein ganz besonderes Wesen der Zauberwelt, das nur wenige besaßen. Es war schneller, flinker, intelligenter und größer als alle anderen Pferde. Die Elfen nannten diese Pferderasse Tara, da Tara übersetzt Stern hieß, und ein solcher wies diesen Geschöpfen den Weg, um stets sicher an ihr Ziel zu kommen.
Diese Tiere waren besondere Beschützer ihrer Besitzer. Durch ihre ausgeprägte Sensibilität konnten sie Emotionen aller Art frühzeitig aufspüren und bei Gefahr handeln. Sie waren wunderschöne Pferde, die durch ihre leicht grün-bräunliche Farbe mit der Natur beinahe verschmolzen. Ihre Rasse besaß die Fähigkeit, sich jeder Umwelt anzupassen, und wenn sie wollten, konnten sie sich den Menschen sichtbar machen. Das machten sie jedoch nur sehr selten und so wurde vielerorts auf der Erde von den geheimnisvollen Windböen gesprochen, die unsichtbar an ihnen vorbeirauschten.
»Unerklärliche natürliche Phänomene« nannte man sie, die die Menschen mit naturwissenschaftlichen Formeln zu deuten versuchten. Doch konnten sie diesen Windstößen nie auf den Grund gehen, und so blieben sie ihnen ein ewiges Rätsel.
Das Bild eines Tara-Pferds verschwamm vor Nimues Augen, worauf ihre Gedanken abschweiften. Sie murmelte: »Bedeutet das Wort Großes immer etwas Positives? Oder hat es womöglich mit meiner fehlenden Disziplin zu tun, vor allem in Bezug auf diese diffusen Regeln, die manche Lehrer aufstellen. Mein neuer Kunstlehrer, vielleicht hat er …?« – Nimue stockte und schüttelte den Kopf – »nein, das kann es nicht sein.«
Ihr wurde bewusst, dass sie im Grunde immer fleißig war. Außerhalb ihrer Unruhe und ihrer manchmal ablehnenden Art auf die für sie unsinnigen Schulregeln zu reagieren, hatte sie keine Abmahnungen erhalten. Die für sie schlüssigen Regeln befolgte sie in der Tat.
»Was kann es nur sein?«, fragte sie sich daraufhin wieder und wieder, obwohl sie sich doch eigentlich mit ihrem Wunsch beschäftigen sollte. Sie fand keine Antwort und so fingen ihre Gedanken an, sich wild im Kreis zu drehen. Ein Wirrwarr von Möglichkeiten breitete sich aus. Dabei bemerkte sie, dass sie leise vor sich hinplapperte. Sie schreckte auf und sah um sich. Im Raum herrschte eine gespenstische Stille. Sie drehte sich um und blickte in die Augen ihrer Geschwister, die alle auf sie gerichtet waren. Sogar Sophia konzentrierte sich nicht mehr auf ihr Buch. In diesem Moment spürte Nimue, wie sich ihr Nacken langsam zusammenzog.
Oona bemerkte ihre Anspannung und versuchte, sie zu beruhigen: »Keine Angst, es wird dir gefallen.«
Diese Aussage beruhigte Nimue tatsächlich, denn es war eindeutig kein Mahnruf. Trotzdem war das Wort es immer noch undefinierbar. Hatte sie vielleicht über den Wunsch und nicht über das große, ehrenvolle Etwas gesprochen? Nimue fühlte sich innerlich zerrissen, als ihre Großmutter aufstand.
Oona legte ihre Hand behutsam auf Nimues linke Schulter. »Komm, lass uns ins Gewächshaus gehen.«
Nimue folgte ihr sogleich, während sie zustimmend nickte, denn das Gewächshaus war der Lieblingsplatz ihrer Großmutter. Dort herrschten zwischen all den Pflanzen Stille und Geborgenheit und so fanden an diesem Ort viele wichtige Gespräche statt.
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