1 ...7 8 9 11 12 13 ...29 »Ja, die kenne ich schon. Mit der spreche ich immer, wenn ich mir mit Entscheidungen ganz sicher sein muss.«
»Mit meiner inneren Stimme?«, staunte Nimue.
»Nein, mit meiner natürlich!«
»Aha, und wie machst du das?«
»Ganz einfach: ich gehe in mich und lasse mich von niemanden rundherum stören.« Dann erhob er seine Stimme, sodass ihn auch die umliegenden Bäume hören konnten. »Was hier in diesem Wald wirklich schwer ist, mit all den Plappermäulern um mich herum.« Danach senkte sich seine Stimme wieder, als er fragte: »Deshalb kommst du heute zu mir, oder?«
Nimue nickte. »Weißt du, wie ich mit meiner inneren Stimme sprechen kann? Das habe ich noch nie gemacht.«
»Das musst du selber herausfinden. Jeder hat seine eigene Art und Weise, mit seiner inneren Stimme zu kommunizieren. Ich habe gehört, dass manche Menschen extra auf Herrenchiemsee fahren, um dort zu meditieren. Weißt du, Nimue, dort ist es besonders still.«
»Meditieren, was ist denn das?«
»Sie setzen sich mit verschränkten Beinen auf den Boden. Manche legen die Hände auf die Knie und halten ihre ersten drei Finger vom Daumen an zusammen. Andere halten sie in Gebetsstellung, das heißt, ihre flachen Hände aufeinandergelegt in Höhe der Brust. Ich glaube, dass der Schneidersitz zu einer besseren Körperhaltung beiträgt. Ansonsten, denke ich, dass deine Sitzhaltung egal ist, und auch, wie du deine Hände dabei hältst. Mache es einfach so, dass du dich wohlfühlst. Anderenfalls wird es schwierig.«
»Was wird schwierig?«, packte sie die Neugierde.
»Na ja, wenn die Menschen in dieser Position am Boden sitzen, dann gehen sie in sich, denke ich. Deswegen tun sie es ja! Dafür ist es wichtig, dass der Körper ihnen Ruhe verschafft und nicht an allen Ecken und Enden schmerzt.«
»In sich gehen«, wiederholte Nimue, »das habe ich jetzt schon öfter gehört. Was ist denn da in mir?«
»Deine Seele, Nimue, das weißt du doch.«
Nimue nickte, nur wenig überzeugt, ihre Seele zu kennen, und erwiderte: »Vielleicht. Und sie ist meine innere Stimme, nicht wahr?«
»Mehr oder weniger, so ganz genau weiß ich das auch nicht. Das musst du selber herausfinden.«
»Ich weiß nicht, ob ich das kann.«
»Lass den Kopf nicht hängen, das ist nicht so schwer, wie du meinst. Probiere es aus und habe Geduld mit dir.«
»Geduld?! Ich muss in genau zehn Tagen, in der 13ten Elfenstunde nach Null, meinen Wunsch aussprechen, und was, wenn ich bis dahin meine innere Stimme nicht gefunden habe und sie mir nichts über meinen wahren Wunsch sagen konnte?«
Aaro lachte laut auf. Dabei fingen seine Äste an, wie wild umherzuschwingen. Nimue musste einem ausweichen, indem sie einen Schritt zurücksprang.
Ein wenig verärgert betonte sie daraufhin: »Lustig finde ich das überhaupt nicht!«
»Geh hinein, ich mache es dir gemütlich warm.«
»Danke« murmelte sie und verschwand in der Höhle im Bauminneren.
Sie begrüßte Stúhly, die Stuhldame, die im Inneren der Baumhöhle lebte. Nimue deutete an, sich setzen zu wollen, doch vorher musste sich Stúhly nach rechts und links ausdehnen.
Seit Langem war Stúhly mehr als genervt, dass sich Nimue keinen größeren Stuhl zulegte. Zum einen machte ihr das Dehnen zu schaffen, zum anderen hätte sie gerne einen Spielgefährten gehabt. Der Eichenbaum jedoch hatte da etwas Entscheidendes dagegen, und so konnte auch Nimue nicht über seinen Kopf hinweg Entscheidungen fällen.
Stúhly räusperte sich und Nimue setzte sich. Da hörten sie das Rascheln von Blättern. Es war Aaro, der seinen Stamm von außen schloss, indem er Eichenblätter auf den Eingang legte. Daraufhin kehrte eine Stille ein. Nur noch ein paar Würmer und Käfer unterhielten sich miteinander. Ansonsten war da nichts; nicht einmal das Atemgeräusch der Eiche war mehr zu hören.
»Hey«, begrüßte Nimue unerwartet ein kleiner roter Käfer.
»Hallo.«
Aaro hatte dies gehört und sogleich hallte seine tiefe Stimme im Raum: »Halt dein Maul, Steinkäfer Lili! Nimue braucht vollkommene Ruhe. Sie soll ihre innere Stimme finden. Da braucht sie dein Geschwätz ganz bestimmt nicht.«
Der Käfer kicherte, bevor er flüsternd, dennoch mit einem spöttischen Unterton meinte: »Die innere Stimme, haha. Viel Glück, Nimue, ich will dich nicht weiter stören.«
Nimue antwortete nicht, denn eigentlich war sie froh, dass Lili da war. Ablenkung ist immer gut, wenn man nicht weiterweiß.
Als der Käfer wieder verschwunden war, flüsterte sie: »Nun gut, meine innere Stimme, ich bin ruhig und könnte dir zuhören.«
Sie wartete ein paar Minuten, dann eine halbe Stunde, und nichts geschah. Einfach nichts, keine Antwort.
»Innere Stimme«, rief sie in Gedanken, »wo bist du?«
Es passierte erneut nichts, einfach nichts. Dann überwältigte sie die Ungeduld und sie beschwerte sich: »Warum sprichst du nicht mit mir?«
Aaro holte tief Luft. Das dadurch verursachte laute Geräusch durchflutete die kleine Höhle.
Nimue wusste, dass er wegen ihr tief atmen musste, denn er machte dies immer, wenn er ihr signalisieren wollte, dass sie etwas schon könne und sich nicht so anstellen sollte.
»Gut«, ermutigte sie sich, »ich schaffe es!«
Da hörte sie ein lautes, schnell aufeinanderfallendes Knacken. Ihr Freund lachte über sie. Nun packte sie der Ehrgeiz und sie wollte ihm beweisen, dass sie es tatsächlich konnte.
Sie forderte Stúhly auf: »Lieber Stuhl, bitte öffne deine Arme, sodass ich aufstehen kann.«
Gleich darauf dehnten sich die Stuhlarme seitlich weg. Nimue stand auf und streckte ihren Körper. Danach setzte sie sich auf den Boden und verschränkte ihre Beine. Sie versuchte die Gebetsstellung, dann die Dreifinger-Handstellung und schließlich legte sie ihre Hände im Schoß aufeinander. Sie spürte, dass die letzte Position die richtige für sie war und blieb dabei. Dann fing sie an, ihren Geist zu stärken, indem sie den ganzen Fokus auf ihre innere Stimme richtete. Dies war anstrengend, denn es fiel ihr nicht leicht, sich zu sammeln. Immer wieder schlichen sich andere Gedanken ein, die sie ablenkten. Diese zu bändigen und dabei zu kontrollieren, fand Nimue sehr schwierig.
Sie gab nicht auf und so tauchte sie nach einer Weile in sich ein. Sie fühlte, dass sich etwas in ihr löste und sich wohlwollend in ihrer Brust ausbreitete. Es war warm, hell und überwältigend. Alles, was sich bisher schwer anfühlte, war nun leicht. Beinahe schwerelos saß sie in der Stille der Höhle. Währenddessen waren ihre Gedanken wie ausgeblendet. Da vernahm sie wie aus dem Nichts eine verzerrte Stimme. Sie war laut, unangenehm und durchbohrte unsanft ihren Körper. Daraufhin verhärtete sich das vorherig schöne Gefühl in ihrer Brust und fing an zu schwanken, als ob eine mit Wasser gefüllte Waage verrücktspielen würde. Die Stimme wiederholte sich, doch jetzt verstand Nimue die Worte klar und deutlich: »Was machst du da?«
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