1 ...8 9 10 12 13 14 ...29 Nimue sah sich um und orientierte sich schnell: Es war die Stuhldame. Stúhly hatte sie grob, aus was und von wo auch immer, herausgeholt.
»Ich meditiere«, erwiderte sie barsch.
»So, so«, stellte Stúhly fest.
Plötzlich fühlte sie den wachsenden Drang, die Stuhldame fest zu schütteln. Sie hatte sie nicht nur aus diesem bezaubernden Zustand geholt, sondern es auf eine solch raue Art getan, dass ihr Körper nun leicht vibrierte. Dennoch entschied sie sich, ihren Ärger im Zaum zu halten und es, angespornt von dem einzigartigen Gefühl der inneren Ruhe, noch einmal zu wagen. Sie hatte jedoch keinen Erfolg. Ihre Gedanken ließen sie nicht mehr los.
Sie stand auf und bat den Eichenbaum: »Bitte öffne die Tür. Ich will raus.«
Es raschelte und schon waren die Blätter vom Eingang verschwunden.
»Und?«, fragte Aaro.
Sie war derart verärgert über die Stuhldame, dass sie Aaro nicht antworten wollte, und doch wusste sie, dass es nicht seine Schuld war. Zudem hatte er es Nimue heute gemütlich warm gemacht, was er nur an wenigen Tagen schaffte, weil es ihn sehr viel Energie kostete.
»Ich war schon irgendwo tief in mir und dann«, beschwerte sie sich, »dann hat mich Stúhly herausgeholt.«
»Oh, du dummer Stuhl!«, tadelte Aaro die Stuhldame nun auch verärgert. Dabei schnellte er einen langen Ast gegen den offen stehenden Eingang. »Wir werden dich umtauschen, du bist eh schon viel zu klein.«
»Hab Erbarmen, Maestro«, erwiderte Stúhly sanft, »ich halte still in Zukunft, denn ich lebe hier gut mit dir.«
Er grollte laut und bemerkte: »Dann dehn dich schon einmal aus, sodass Nimue in Zukunft besser sitzen kann!«
»Natürlich«, stimmte Stúhly zu und verstummte wieder.
»Geh heim, Nimue«, schlug Aaro vor, »und schlaf dich aus. Morgen ist ein neuer Tag. Da klappt es bestimmt.«
Nimue lächelte ihn an, während sie sagte: »Danke, lieber Aaro, es war super angenehm warm. Bis morgen.«
Sie drehte sich in Richtung Schloss und verschwand kurz darauf im dichten Holz. Von hoch oben beobachtete Aaro, wie ihre Haarspitzen immer wieder für Sekundenbruchteile zwischen den Bäumen in der Luft umherwirbelten.
»Hey, Stuhl«, brummte er, ohne sie aus den Augen zu verlieren.
»Was gibt’s?«
»Gib unserer Nimue mehr Ruhe, sonst kracht’s, verstanden?«
»Das tu ich, Maestro. Ich versprech’s!«
»Und wenn du mich noch einmal Maestro nennst, dann …«, warnte Aaro sie.
»Ich weiß, ich weiß«, erwiderte Stúhly gehorsam.
Nimue rannte gerade durchs große Schlosstor, als eine Stimme nach ihr rief: »Nimue, komm zu mir.«
Sie blieb stehen und drehte sich um. Doch sie konnte niemanden sehen. Daraufhin drehte sie sich einmal um ihre eigene Achse. Trotzdem entdeckte sie niemanden. Keine Elfenseele war da.
»War das meine innere Stimme?«, wunderte sie sich.
Zur Kontrolle ließ sie ihre Blicke noch einmal umherwandern, doch da war niemand. Dann hörte sie erneut die Worte: »Komm zu mir.« Dieses Mal war die Tonlage lauter und die Stimme klang jetzt stark verraucht, beinahe heiser.
»Nein« – schüttelte Nimue den Kopf – »das kann nicht meine innere Stimme sein.«
Sie selbst hatte noch nie ein Räucherritual mitgemacht oder anderweitig etwas mit Räuchereien zu tun gehabt. Es gab keinen Grund, dass ihre innere Stimme derartig klang. Trotzdem fragte sie sich, woher sie kam.
Nimue ging zurück zum Tor. »Wer ruft nach mir?«
»Hier unten«, erwiderte die Stimme sogleich.
Sie senkte ihren Kopf, und da sah sie ihn: einen kleinen Wichtel. So winzig, dass er mit ihrer großen Zehe vergleichbar war.
Sie kniete sich vor ihm auf den Boden und fragte: »Was willst du?«
»Ich habe gehört, dass hier bald ein großes Fest steigt?«, bemerkte er mit hocherhobenem Kopf.
»Ja, und?«
»Ich möchte mitfeiern und meine Familie auch.«
»Wie bitte? Eh, wo kommst du her?«
»Von der Fraueninsel. Wir leben direkt am Seeufer in einer kleinen Steinhöhle.«
»Wie groß ist deine Familie?«
»Vier Großeltern«, fing der Wichtel an aufzuzählen, »fünf Kinder, ich und meine Frau.«
»Gut, ihr seid eingeladen, soweit ich einladen darf. Ich muss erst meinen Großvater fragen.«
»Nein, nein, es ist ja dein Fest. Dein Großvater hat sicherlich nichts dagegen. Danke für deine Großzügigkeit. Wir kommen!«
Sie nickte zustimmend, wenn auch irritiert. Eine Sekunde später verschwand er im Nichts, woraus er scheinbar zuvor gekommen war. Nimue blinzelte. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass er gerade wirklich da gewesen war. Sie zuckte mit den Schultern, ging auf das Schloss zu und öffnete die große, hölzerne Eingangstür. Gleich darauf schwebte sie zum Büro ihres Großvaters, da sie so schnell wie möglich mit ihm über diese Begegnung sprechen wollte. Sie klopfte an und war erleichtert, als sie seine Stimme sagen hörte: »Herein, Nimue.«
»Woher weiß er immer, dass ich es bin?«, wunderte sie sich, während sie hineinging. »Opa, ich habe gerade einen Steinwichtelmann gesehen oder so eine ähnliche Art von Wicht. Sie leben am Ufer der Fraueninsel. Ich habe ihn und seine Familie zum Fest eingeladen.«
»Du kannst nicht jeden, der dich darum bittet, einladen, Nimue. Ansonsten geht uns der Platz aus.«
»Woher weißt du, dass er mich um eine Einladung gebeten hat?«
Aar lachte. »Es werden noch mehr Wesen auf dich zukommen. Dein Fest ist das Ereignis des Jahres.«
Nimues Augen weiteten sich vor Entsetzen.
»Die Familie der Wichtel ist mit ihren elf Mitgliedern bereits auf unserer Gästeliste. Das geht in Ordnung, Nimue.«
»Aber Opa, ich habe doch gerade erst mit ihm gesprochen?«
Er strich ihr liebevoll übers Haar. »Das lernst du auch noch, meine kleine Rao’ra.«
»Wie ich Dinge sehen kann, die ich gar nicht wirklich mit meinen Elfenaugen wahrnehme?«
»So ähnlich. Wie du deine Energien derart einsetzt, dass dir wichtige Informationen sozusagen zufliegen. Dazu später mehr.« Er hielt kurz inne und betonte: »Viel später.«
»Später«, hörte sich für Nimue gut an, denn für den Moment reichte es ihr vollkommen aus, ihre innere Stimme zu finden.
»In einer Stunde beim Abendessen?«, wollte Aar sich bestätigen lassen und Nimue nickte.
Kurz darauf saß sie auf der Fensterbank in ihrem Zimmer und spielte mit ihren Gedanken. Dabei stellte sie sich viele verschiedene Wünsche vor und wie sie in der Realität aussehen würden.
»Hallo«, begrüßte Nimue ein edles, grün-braunes Pferd mit großen Augen, als es direkt vor ihr stehen blieb. Sie streichelte es am elegant gebogenen Hals. Die feine Mähne folgte dabei sanft den Bewegungen ihrer Hand. Einen Augenschlag später saß sie im Sattel und ritt mit hoher Geschwindigkeit durch den Wald. Nimue spürte den Wind auf ihrer Haut und genoss die schöne, grüne Landschaft, die sich vor ihr ausbreitete. Sie grüßte ihren Freund Aaro, blieb kurz bei ihm stehen und zeigte ihm ihr schönes neues Tara-Pferd. Gleich darauf verschwamm das Bild vor ihren Augen und änderte sich in ein Brettspiel, das direkt vor ihr lag.
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