Trotz der Unterschiede war der Sternenkalender dem Menschenkalender sehr ähnlich, da auch die Elfen die Zeit über die Mondphasen berechneten. Dennoch hatten sie 13 Sternenmonate. Neun Monate hatten 27 Tage, denn es hieß, dass sich jeweils am 27sten Tag Sonne und Mond treffen, um ihre Bestimmung zu teilen.
Die Elfen des Reiches Shenja wurden viel älter als Menschen und hatten somit einen ganz anderen Überblick über die Tier- und Pflanzenwelt. Die Natur lehrte sie über die Jahrtausende hinweg viel über das Leben selbst und vor allem über das Leben mit ihr. Das alte Wissen ihrer Vorfahren, die im Wald beheimatet waren, verbunden mit ihrer neuen Lebensweise unter Wasser, machten sie zu sehr weisen und erfahrenen Geschöpfen. So wurde die Natur, egal welcher Art, zum Lebenselixier einer Elfe, ohne die sie nicht zu überleben fähig gewesen wäre.
Nimue lebte bis zu diesem Tag beinahe ausschließlich unter Wasser. Sie war stets nur für kurze Zeit auf dem Land gewesen, um die Familie ihres Onkels auf der Zauberinsel zu besuchen. Danach tauchte sie immer wieder ab. Diese andere Welt, dieses andere Dasein wollte sie kennenlernen. Sie wusste, dass nach dem Uaneala-Fest die Aufgabe einer jeden Elfe die ausgeglichene Entwicklung von Körper, Geist und Seele sein sollte, wobei das Lernen von Wissen und Können im Vordergrund stand, um sich dann, viele Elfenjahre später, eine eigene Existenz aufzubauen oder in die Fußstapfen ihrer Vorfahren zu treten. Und Nimue wollte gleich damit anfangen, das Leben in ihrer Vielfalt zu entdecken.
Am 25sten Tag des zweiten Sternenmonats lag Nimue am Morgen gemütlich auf ihrem Liegesofa in ihrem Zimmer. Sie studierte ein Buch über Kräuter und ihre Heilkräfte, als sie plötzlich Elfenschritte auf dem Arkadengang außerhalb ihres Zimmers hörte. Unruhig fielen sie schnell aufeinander und vermittelten ihr ein Gefühl von Nervosität. Da sprang sie neugierig auf und öffnete die Tür. Auf dem Gang rannten einige Elfen hastig an ihr vorbei oder schwebten in rasender Geschwindigkeit in Richtung Eingangshalle. Dabei entdeckte sie eine junge Kammerelfe, die sie mit weit aufgerissenen Augen ansah. Ihre Wangen waren tiefrot. Sekunden später war sie hinter dem Bogen in Richtung der großen Schlosssäle verschwunden.
»Was geht hier nur vor?«, wunderte sich Nimue.
Ach ja, die Elfen vom Reich Shenja hatten einen Körper, wie auch der Mensch ihn besitzt. Der Unterschied war nur derart, dass die Elfen auch schweben konnten. Das heißt, sie konnten in der magischen Wasserenergie des Reiches Shenja ihre Füße so miteinander verschmelzen, dass sie eins wurden. Damit waren sie schneller als zu Fuß. Diese Fähigkeit hatten sie allerdings nur im Wasser. An Land waren sie genauso beweglich wie Menschen, obwohl sie flinker, wendiger und schneller waren als sie. Dennoch konnten sie dort weder über dem Boden schweben, fliegen oder irgendetwas Derartiges tun.
Auf dem Gang nahm das Treiben stetig zu, sodass Nimue ihr Zimmer verließ und einer Kammerelfe hinterherrannte. Nimue versuchte mit ihr zu sprechen, doch diese winkte mit den Worten ab: »Keine Zeit.«
Nun war Nimues Neugierde vollkommen geweckt und so schwebte sie schnell in das Büro ihres Großvaters. Als sie dort ankam, fand sie das Zimmer ohne Aar vor, dafür mit ihrer großen Schwester Sophia. Diese saß auf der Couch gegenüber dem Kamin und las seelenruhig ein Buch.
»Sophia«, platzte es aus Nimue heraus.
Sophia blickte sie mit großen Augen an. »Warum erschreckst du mich so? Du weißt, ich kann das nicht leiden!«
»Was ist hier los? Warum geht es hier plötzlich so hektisch zu?«, fragte Nimue unbeeindruckt von der tiefen Tonlage ihrer Schwester.
»Ach so, das meinst du«, erwiderte Sophia nun mit sanfter Stimme, »wir bekommen Besuch. Der hat sich sehr kurzfristig angekündigt.«
Nimue schloss die Tür hinter sich und ging schnell auf Sophia zu.
»Wer ist es denn?«
»Rate mal?«
Nimue fing an, sich alle Elfen, Menschen und andere Wesen, die sie kannte, bildlich vorzustellen. Sie fragte sich, wer einen solchen Wirbel durch seinen Besuch verursachen könnte. Doch sie hatte keine Ahnung und vermutete: »Tante Hauch und Cara von der Zauberinsel?«
»Nein«, erwiderte Sophia gleich darauf mit einem Kopfschütteln.
»Stefan?«
»Nein. Wie du weißt, ist er ein Mensch und kann nur bedingt bei uns bleiben. Also, denk mal nach. Bald ist dein Geburtstag und da bekommst du …«
»Der Besuch kommt wegen mir?«, unterbrach sie ihre Schwester erstaunt.
»Yep, wegen dir.«
Nimue strengte sich nun noch mehr an, sodass ihre Stirn Falten zog. »Wer kann das nur sein?«, fragte sie sich in Gedanken. Nach einer Weile schoss es aus ihr heraus: »Katar, der Bruder unseres Urgroßvaters?«
Sophia sah sie zufrieden an. »Genau, Nimue. Er kommt extra wegen dir und deinem Uaneala-Tag. Es sieht so aus, als ob sie Großes mit dir vorhaben.«
»Wie meinst du das, Sophia?«, wollte Nimue irritiert wissen.
»Na ja, Katar hat Frankreich noch nie verlassen, um uns zu besuchen. Jetzt kommt er auf Bitten unseres Königs und das nur wegen deines Geburtstags. Das soll doch etwas heißen, oder?«
»König!«, ärgerte sich Nimue, ohne Sophia damit zu beeindrucken, denn sie mochte es ganz und gar nicht, wenn ihre Geschwister ihren Urgroßvater stets »König« nannten. Für Nimue klang dies kalt und unpersönlich. Er war ihr Urgroßvater und dabei war es ihr egal, welchen Rang er innehatte.
Nimue setzte sich neben ihre Schwester auf die Couch und dachte über Katar nach. »Was hat mir Großvater alles über ihn erzählt?«, murmelte sie vor sich hin. Dann arbeitete sie gedanklich die bereits erhaltenen Informationen über Katar ab. Sie wusste, dass er auf der großen Reise in Frankreich stecken blieb, weil er eine Frau kennen- und lieben lernte. Katar lebte von dort an mit Menschen zusammen und das in einem kleinen Häuschen direkt am Meer. Nimue war sich sicher, dass dies eine wunderschöne Gegend sein musste, da ihr Urgroßvater manchmal davon geschwärmt hatte. Dort gab es viel Sonne, das offene Meer vor der Nase und guten Käse. Alle Elfen liebten guten Käse und den französischen mochten sie ganz besonders gern.
»Weißt du etwas über Katar, Sophia?«, fragte Nimue.
Sophia war wieder in ihr Buch versunken und sah nur kurz auf, um zu erwähnen: »Natürlich, jeder weiß etwas über ihn.«
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