Nimue musterte den geschlossenen Spiegel noch eine ganze Weile, bis sie bemerkte, dass es Zeit zum Abendmahl war. Gleich darauf machte sie sich auf den Weg zum Tafelsaal, denn an diesem Tag wollte sie auf keinen Fall zu spät kommen.
Auf dem Schlossgang fiel ihr ein Piepsen auf, das mal lauter, mal leiser ertönte. Jeweils dreimal »piep, piep, piep«, bis es vermeintlich die Richtung wechselte. Einmal klang es, als ob es hinter ihrem Rücken wäre, dann vor ihr, dann neben ihr rechts oder mal links. Sie konnte keinen Ort definieren, von dem es mit Bestimmtheit ausging. Sie zuckte mit den Schultern und ging weiter, doch gleichzeitig schärfte sie ihren Gehörsinn. Als sie das Geräusch intensiver wahrnahm, erkannte sie, dass dies von einem Wesen ausgehen musste und es nicht die Holzbalken oder andere im Gang vorhandenen Gegenstände sein konnten.
»Wer und wo bist du?«, fragte sie daraufhin harsch.
Nichts. Keine Reaktion, außer einem erneuten Piepen.
»Zeig dich«, forderte sie das unbekannte Wesen auf. Da entdeckte sie vor sich einen Lichtkegel, der in der Dunkelheit der Abenddämmerung schwach schimmerte. Die Lichtquelle schwankte derart stark hin und her, dass sie keinen Körper ausfindig machen konnte.
»Wer bist du und warum verfolgst du mich? Sprich endlich!«, rief sie aufgebracht.
Gleich darauf sah sie ein kleines Wesen direkt auf sie zu stolzieren, das je Schritt klarer und sichtbarer wurde, wobei das Licht um es herum zunehmend verblasste.
»Mea culpa, Eure Hoheit, ich wollte Sie nicht verärgern«, antwortete es mit weicher Stimme.
»Mea culpa?«, fragte sie nach.
»Meine Schuld, Eure Hoheit.«
»Ach so, sag das doch gleich.«
»Ich möchte mich vorstellen, Eure Hoheit.«
»Das hört sich doch gut an«, bemerkte Nimue nun mit einem Lächeln.
»Ich bin ein Geist, genauer gesagt ein Plagegeist, und kann es den Menschen und anderen Wesen oft schwer machen. Ich liebe es, sie zu ärgern und ihnen Sachen zu verlegen oder sie zu kitzeln oder Dinge, die sie tragen, anzustupsen, sodass sie ihnen auf den Boden fallen.«
»Das ist aber nicht nett, Geist.«
»Na ja, wir sind Lichtgeister und manchmal, da rütteln wir die Körper der guten Seelen auf, um im Alltag nicht einzuschlafen.«
»Was meinst du damit?«, fragte sie wenig überzeugt von seiner Theorie.
»Wir plagen die Menschen so lange, bis sie anfangen, ihre Wahrnehmungsfähigkeit in ihrer Feinheit wieder zu empfinden, um ihre vermeintliche Ungeschicklichkeit zu beenden. Sie erkennen unerwartet wahre Strukturen in oder um etwas herum.«
»Strukturen, um etwas herum?«
»Manchmal verschließt der sich stetig wiederholende Alltag und dessen geistige Nachlässigkeit die Augen vor der Wirklichkeit. Also, träge Menschen sehen nicht so gut wie schwungvolle Menschen. Oder Zauberwesen, denen geht es da ja nicht anders«, erklärte der Geist.
»Und was sehen sie dann nicht?«, wollte Nimue wissen.
»Die Wahrheit in Dingen, wie zum Beispiel Verträgen, Untaten von vermeintlich lieben Freunden oder Partnern oder, oder, oder, da gibt es so eine lange Liste, dass wir hier noch ewig stehen könnten.«
Das war das Stichwort für Nimue. Ewig hatte sie keine Zeit und wahrscheinlich war sie jetzt eh schon wieder zu spät dran.
»Wie heißt du und was willst du?«, fragte sie dennoch.
»Mein Name ist Plagosius und ich würde gerne mit meiner Familie zu deinem Fest kommen.«
»Wie viele?«
»17, Eure Hoheit.«
»Gut, ich freue mich. Bis bald.«
Sie schwebte zügig los, während er noch sprach: »Wir uns auch. Bis bald.«
Als sie den Saal erreichte, sah sie mit Erleichterung, dass die meisten Elfen ebenfalls gerade erst eintrafen. Deshalb ging sie in aller Ruhe durch die Reihen zu ihrem Tisch, der an diesem Abend besonders festlich gedeckt war. Die Kerzen hatten die Farbe ihres Kleides. Zudem waren Blumen überall auf dem Tisch verstreut und schufen eine warme und angenehme Stimmung.
Nimue freute sich, heute als Erste an ihrem Familien-Tisch zu sein. Dann sah sie Marie und Sophia auf sie zukommen und kurz darauf auch Aoife den Saal betreten. Nacheinander kamen Oona, Aar und Tante Tiara mit ihrem Mann Seog und ihren fünf Kindern: Christian, Michael, Tagh, Claudine und Kristin. Alle setzten sich. Gleich darauf kam Marie, die Schwester des Königs, mit ihrem Mann Camin und Acair, der Bruder des Königs mit seiner Frau Cloet, gefolgt von Maries Kindern, Claudius und Léa. Letztere wurde auf der Flucht in Frankreich geboren, kurz nachdem sich ihr Onkel Katar verlobt hatte; deshalb bekam sie den Namen ihrer zukünftigen Tante.
Es dauerte nicht lange und auch die Kinder von Acair kamen herein und setzten sich an den Tisch; Chridon, Massmo und Spanie. Diese Namen waren die ungewöhnlichsten am Hofe, aber Cloet liebte das Außergewöhnliche. Darauf schwebten eilig Lila und ihr Bruder Chrisan herein, Aars Geschwister, und hinter ihnen her ihre Familien. Jeder sprach mit jedem und Nimue beobachtete, wie gutgelaunt alle waren. Die Tür schnellte erneut auf und Nimue sah überrascht, dass ihr Onkel Seoc von der Zauberinsel mit seiner Frau und Kindern gekommen war. Freudig lächelte sie ihrer Cousine Cara entgegen, die ihr schon von Weitem zuwinkte. Sie setzte sich neben Nimue, während Seoc, seine Frau Hauch und ihre Kinder Leon und Musik auf der anderen Seite des Tisches Platz nahmen.
Nimue bemerkte zu Cara: »Super, dass ihr heute schon da seid.«
»Nur für diesen Abend, Nimue.« Dann nahm Cara ihre Hand und legte etwas Hartes auf die Innenfläche. »Hier, das habe ich für dich mitgebracht.«
Nimue konnte das Objekt nicht einzig und allein mit dem Gefühl bestimmen und erhaschte einen Blick darauf. Es war ein Stein, genauer gesagt ein Frosch aus Stein oder ein Steinfrosch, wie auch immer man es nennen mochte.
»Ich habe ja noch gar nicht Geburtstag?«
»Nein, der Frosch hat mich gebeten, ihn mitzunehmen. Er möchte mit dir sprechen.«
»Ach so«, antwortete Nimue, ein wenig irritiert über einen sprechenden Stein. Sie konnte jedoch keine weiteren Fragen mehr stellen, denn sogleich ging die große Eingangstür auf und alle Elfen verstummten. König Seoras und Katar traten langsam über die Schwelle herein in den Saal. Gleichzeitig hörte Nimue ein »Céad míle fáilte« rufen und mehrere weitere Willkommensrufe darauf. Der König und Katar verbeugten sich und gingen langsam an den Tischen vorbei auf sie zu.
Nimue kannte den Ausspruch »Céad míle fáilte.« Ihr Großvater hatte ihr erzählt, dass es sich hierbei um einen irisch-gälischen Ausspruch handelte, der »tausendfach willkommen« heißt. Das Elfenvolk Shenja hatte diesen Willkommensgruß von ihren guten Elfenfreunden aus Irland bereits Jahrtausende zurück übernommen und pflegten diesen noch heute, wenn sie eine besondere Elfenseele begrüßten.
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