Nimue stellte sich derweilen die Fragen: »Wer könnte das sein? Kenne ich ihn womöglich oder einen seiner Nachfahren vielleicht?« Sie schüttelte den Kopf. Ihr war klar, dass sie ihn nicht kennen konnte. Keiner der Halbelfen im Reich kam für sie dafür infrage, und doch konnte sie sich täuschen.
Nach einer Weile holte Yavira tief Luft. Daraufhin erzählte sie weiter: »Irgendwann erfuhr die Schattenwelt von der Geschichte, die nun von Dhuorc, dem König der Dunkel- und Schattenelfen, aufs Härteste regiert wurde. Ihm wurde mitgeteilt, dass der Stein im Königreich Shenja war und so bildete er ein Kriegsheer aus und überfiel unser Königreich, um den Stein des Orisolus zu erobern. Unsere Vorfahren wurden vorgewarnt. Dennoch stellten sie sich dem Kampf. Das erste Gefecht endete zu ihren Gunsten. Das zweite forderte viele Opfer. Als dann die Dunkel- und Schattenelfen die Koaks, Fakane und weitere böse Wesen aufriefen, ihnen zu helfen, mussten sie fliehen. Unsere Elfenkrieger waren deutlich in der Minderheit. Das Ziel war zu dieser Zeit nur noch, das Leben zu erhalten und den Stein in Sicherheit zu wissen. Während ihrer Flucht trafen sie immer wieder auf Krieger, die den Stein des Orisolus erobern wollten, und eines Tages passierte es, dass Dhuorc die Holzkugel feierlich in seinen Händen hielt. Ein guter Zauberer vor Ort hatte von dem Kampf um den Stein erfahren und rannte zum Schlachtfeld. Er sah den König sachte mit der linken Hand über den damals kleinen sichtbaren Riegel streichen. Dhuorc wollte gerade das Schloss entriegeln, als der Zauberer die Kugel mit einem Schließungszauber belegte. Der Verschluss verschwand vor seinen Augen. Er drehte und wendete die Kugel in alle Richtungen, aber sie blieb verschlossen. Dhuorc schrie laut vor Wut, was den Boden erzittern ließ. Er legte den Zauberer in Ketten und folterte ihn so lange, bis er daran starb. Der Zauberer verlor niemals ein Wort über den Gegenzauber oder die magische Formel, mit der er sie belegte. Auf den ersten Blick sollte niemand mehr in der Lage sein, die Kugel zu öffnen.«
»Wie soll dann irgendjemand auf dieser Welt in der Lage sein diese Kugel zu öffnen?«, fragte Nimue irritiert.
»Nachdem der Zauberer den Zauberspruch ausgesprochen hatte, kam ihm ein Elf unseres Heeres zur Hilfe. Noch bevor Dhuorcs Krieger ihn in seine Hände bekamen, flüsterte er ihm zu, dass nur der den Zauber lösen könne, der nicht nur mit der magischen Formel verbunden ist, sondern sie auch lösen kann.«
»Magische Formel?«, fragte Nimue.
»Ja, eine magische Formel. Dhuorc glaubte, dass der Zauberer unserem König die Lösungsformel bereits vor der Eroberung mitteilte und überfiel unsere Familie noch einmal, dieses Mal in Cornwall.«
»Und dabei starb seine Frau Barabel, nicht wahr, Mama?«
»Ja, meine Liebe, so ist es. Ich habe gehört, dass sie Dhuorc überlistet hat, um ihren Mann zu retten.«
»Das war ganz schön mutig, Mama.«
Yavira nickte. »Dabei nahm sie die Holzkugel an sich. Dhuorc hat sich mit ihrem Tod gerächt.«
»Seoras wird sie nie vergessen, Mama, er ist so traurig ohne sie.«
»Er liebt sie noch genauso wie am ersten Tag, an dem er sie kennenlernte. Man erzählt sich, es war Liebe auf den ersten Blick. Solch eine Liebe kann auch der Tod nicht zerstören.«
Ein lautes Donnern von Hufen unterbrach die beiden.
»Was war das?«, wollte Nimue wissen.
»Die ersten Elfenkrieger sind zurück. Es wird wohl nicht mehr lange dauern und auch dein Großvater und Katar sind da.«
Nimue wollte ihnen gleich entgegenlaufen und doch siegte die Neugierde, da sie noch einige Fragen hatte.
»Wo ist die Kugel jetzt?«
»Ich weiß es nicht. Das weiß nur der König selbst.«
»Was hat das alles mit mir zu tun? Auch wenn ich Königin werden sollte, ich muss die Kugel deshalb noch lange nicht öffnen können.«
»Nachdem sich das Volk hier unten am Chiemsee angesiedelt hatte, bekam der König einen langen Brief von einem kleinen Finken überbracht. Seoras sagte, dass der Brief so schwer war, dass er ihm beinahe aus dem Schnabel gefallen wäre. Dieser Fink war ein Nachkomme des Finks, der bei dem Zauberer lebte. Der Zauberer konnte voraussehen und hatte vor seinem Tod diesen Brief verfasst. Darin steht die magische Formel, jedoch keine Auflösung. Dein Großvater weiß mehr darüber. Ich weiß nur so viel, dass ein Teil dieser Formel eine Zahl ergibt, die mit deinem kosmischen Geburtsdatum übereinstimmt. Zudem muss der Öffner und somit der Besitzer ein auserwählter Elf sein, so wie es nur Könige sind.«
»Und falls ich eine Auserwählte bin, könnte ich die magische Hülle der Kugel vielleicht entzaubern?«
»Man vermutet dies«, erwiderte Yavira.
»Aber warum öffnen? Es gibt doch keinen Grund dafür«, wollte Nimue wissen, die dabei vor allem an die Gefahr aus der Dunkel- und Schattenwelt dachte, die eine Öffnung mit sich bringt.
»Oh, meine Liebe, den gibt es. Die Schattenwelt ist auf dem Vormarsch. Ganz England, Teile Europas und Amerika sind unter einem grauen Nebel verschwunden. Das Land Neuseeland kann nicht einmal mehr geortet werden, und Australien zieht sich allmählich auch zu. Die Zauberwesen leiden dort Hunger und Nöte, und auch den Menschen geht es nicht gut. Viele wandern in die lichtvollen Gegenden aus. Doch dort wird der Raum eng, was Streit und Hass fördert. Dies wiederum macht es den dunklen Mächten leicht, auch diese Gebiete zu erobern. So ist kein Halt und die Ausbreitung des Schattens nimmt seinen Lauf. Zudem wird dies alles von der heutigen, ungesunden Lebensweise der Menschen verstärkt. Schau dir nur ihre zunehmende Umweltverschmutzung an. Das natürliche Lebensumfeld wird durch die Belastung der Natur durch Abfall- und Schadstoffe schwer beeinträchtigt. Das ist es, was die dunklen Mächte anstreben, denn allein die Abgase der Dampflokomotiven oder der neu entwickelten Industrieanlagen vernebeln das Licht und reduzieren dessen Energie. Du weißt doch, wie oft der Abfall von Menschen hier in unser Reich gelangt und wie viel Kraft es kostet, ihn aufzulösen. Maeve unterstützt uns und die Natur ganz und gar. Aber auch ihre Heilkräfte sind begrenzt. Denk nur an die Grünen Kinder. Sie sind besonders gefährdet.«
»Grüne Kinder?«, fragte Nimue und erkannte, dass sie noch so gut wie gar nichts über die Welt wusste.
»Sie leben im Wald oder anderen natürlichen Plätzen. Ihr Lebensraum wird immer kleiner. Die Menschen holzen ab oder zerstören natürliche Lebensräume auf eine andere Art und Weise. Nun siedeln sie sich vermehrt an Gewässern an, die nicht so einfach umgebettet werden können.«
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