Bevor sie ihn sah, hörte sie seine dunkle Stimme rufen: »Was machst du hier, Nimue?«
Sie erreichte ihn sogleich und antwortete: »Ich möchte wissen, was los ist, und du weißt doch immer alles.«
Auch wenn der Baum sich geehrt über ihre Worte fühlte, wusste er, dass sie bei Gefahr das Schloss nicht verlassen durfte.
»Geh in mein kleines Reich hinein, dann sprechen wir weiter«, flüsterte er.
Sie stand bereits im Bauminneren, als sie ihn ungeduldig aufforderte: »Also?«
»In ganz Europa ist bekannt, dass bald dein Geburtstag stattfindet. Jeder will zu deinem Fest kommen oder es verhindern.«
»Verhindern?«, erwiderte Nimue schockiert.
»Ja, Nimue, verhindern! Du wirst bald eine mächtige kleine Elfe sein. Na ja, klein wohl eher nicht mehr«, meinte er nun mit weicher Stimme, »auf jeden Fall wollen einige dunkle Mächte diesen Geburtstag verhindern, sodass du deine Geschenke nicht bekommst.«
»Meine Geschenke?«, fragte sie irritiert, »was wollen die mit meinen Geschenken?«
Er seufzte derartig tief, dass das Holz laut krachte. Die Bewegung erschütterte den Boden und warf Nimue und Stúhly dabei hin und her.
Die Stuhldame reagierte verärgert: »Verflixt und zugenäht!«
Ohne darauf zu reagieren, erklärte Aaro: »Manche Geschenke werden deine Energien anheben und dir neue Fähigkeiten verleihen. Diese Fähigkeiten werden dich auf deinem weiteren Weg begleiten und könnten für die dunklen Mächte eine Gefahr darstellen, denn dadurch wird die Macht des Lichtes verstärkt.«
»Wie bitte?«, bezweifelte Nimue seine Worte.
Da schüttelte die Stuhldame theatralisch ihre Rückenlehne. »Welch Jammer, dieses Mädchen hat ja gar keine Ahnung.«
»Halt dein freches Mundwerk, Stuhl!«, erwiderte Aaro barsch.
»Ja, ja, Maestro.«
»Wie bitte?!«, konterte er sogleich.
»Nichts und gleich gar nichts, ich habe nichts gehört und du, Nimue?«
Nimue war vollkommen in ihren Gedanken versunken. Sie nahm ihre Worte nur vage wahr und doch antwortete sie: »Gar nichts.« Dann schoss es aus ihr heraus: »Was heißt das alles?! Wie kann das durch meine Geschenke zustande kommen, und warum betrifft das mich?«
»So viele Fragen und ich kann dir keine davon beantworten. Dies alles musst du schon deinen Urgroßvater Seoras fragen. Nur er ist befugt, dir solche Dinge zu beantworten.«
»Dinge?« Nimue schüttelte den Kopf.
Aaro wollte sein Wissen mit ihr teilen. Dennoch war er sich bewusst, dass niemand im Land Seoras Aufgabe übernehmen durfte und so flüsterte er geheimnisvoll: »Wenn dein Wunsch passt, ist es wohl so und nicht anders, Nimue.«
»Mein Wunsch«, rief sie aufgewühlt, »was hat der damit zu tun?«
»Keine Panik, war nur so dahingesprochen.«
»Meinst du, es geht um Mama und Papa?«
Yavira und Hubert – einmal erwähnt und schon wurde der Baum schwermütig. Durch das tiefe Atmen bewegten sich die Holzwände im Takt hin und her.
Die Stuhldame wurde dabei permanent angerempelt und sagte streng: »Mach ihn bloß nicht traurig, Nimue. Oh, Himmel, lass ihn nicht traurig sein! Du weißt, Nimue, er ist nah am Wasser gebaut. Wenn er erst einmal das Weinen anfängt, sind wir hier nicht mehr sicher.«
Nimue verstand. »Ist schon gut, Aaro. Ich weiß ja, dass dies der einzige Wunsch ist, den ich nicht äußern darf.« Danach stellte sie keine Fragen mehr.
Die Stuhldame, nun auch von Emotionen berührt, dehnte sich aus, sodass ihr Sitz breit genug war, um Nimue aufzunehmen.
Nimue setzte sich mit einem leisen »Danke«.
Eine Weile ruhten sie in vollkommener Stille. Diese wurde von Aaro unterbrochen, mit der Auskunft: »Nimue, mir wurde gerade von der Eule mitgeteilt, dass die Fakane Katar und seine Frau entführt haben.«
»Wer sind die Fakane?«
»Sie sind boshafte, kleine Kobolde. Sie können sich in alle Tierarten verwandeln und dabei ihre Kräfte nutzen. Dies macht sie zu starken Kriegern.«
»Was wollen sie von Katar?«
»Nichts, einfach nur Schabernack treiben.«
»Warum treibt jemand einfach nur so Schabernack? Das kann in diesem Fall doch auch gefährlich sein«, fragte Nimue erstaunt.
»Es bringt ihnen ein großes Aufsehen und das wiederum Berühmtheit. Spätestens morgen werden sie im Tagblatt der Zauberwelt stehen; auf der Titelseite. Eine größere Aufmerksamkeit könnten sie nicht bekommen. In ganz Europa wird die Zauberwelt über sie sprechen!«
»Also, sie machen das nur wegen der Aufmerksamkeit?«
»Manche Wesen brauchen das, Nimue, so sind sie halt.« Er räusperte sich verlegen. »Unsereins kennt das natürlich nicht«, erwähnte er mit einem befangenen Unterton. »Geh jetzt heim, sie werden bald da sein.«
»Haben sie Katar und Léa schon befreien können?«
»Ja, sie sind auf dem Weg ins Schloss.«
Er öffnete den Höhleneingang.
Nimue trat heraus, worauf sie geblendet vom hellen Nachmittags-Licht blinzelte. »Danke!«, rief sie und lief schnurstracks nach Hause.
Da hörte Aaro die Stuhldame sagen: »So, so, die Fakane brauchen Aufmerksamkeit?«
»Sei still, Stuhl«, erwiderte er grimmig.
»Ist es nicht so, dass die Fakane sehr bösartige Wesen sind, die sich bereits seit Jahren damit brüsten, die Energieanhebung des Lichts verhindern zu wollen?«
Aaro blieb still.
»Meiner Meinung nach, natürlich, nach der bescheidenen Meinung einer Stuhldame, war das nur ein Vorgeschmack dessen, was die Zauberwelt noch zu erwarten hat. Sie zeigen uns ihre Macht, denn wenn man den Bruder des Königs so mir nichts dir nichts entführen kann, dann …?«
»Warum wären sie so dumm und würden die Elfen vorwarnen? Hast du darauf eine Antwort, Schlaumeierin?«, unterbrach Aaro.
Er war beunruhigt und die Stuhldame konnte dies spüren, denn Nimue schwebte in Gefahr und diese war unberechenbar. Der Eichenbaum liebte seine Freundin und so wollte er sie beschützen. Allerdings wusste er auch, dass dies nur bis zu einem geringen Grad möglich war, was ihn nun noch stärker beunruhigte.
Die Stuhldame räusperte sich. Mit ein wenig Wehmut in der Stimme meinte sie: »Kein Wunder, dass die Schattenwelt kopfsteht. Seit Nimues Geburt erleuchtet sie das Reich durch ihre besonders reine Seele. Mehr und mehr wird sie den Schatten vertreiben. Die Folge ist eine Eskalation, vor allem wenn sie gekrönt wird.«
»Sprich nicht so!«, bat der Baum Stúhly barsch, wenn auch nur aus Angst um Nimue. Er wusste, dass die Stuhldame ausnahmsweise recht hatte. Die Dunkel- und Schattenwelt träumte von einer Welt ohne Licht und Liebe. Hass sollte regieren, der die überlebenden Lichtwesen zu deren Sklaven machen sollte.
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