»Woher stammt der Stein?«
»Das wissen wir nicht. Was wir allerdings wissen ist, wie er zu der Drachenfamilie gelangte. Dracóran erzählte dem König, dass er selbst diesen Stein vor langer Zeit in der Tiefe des Meeres entdeckt hatte. Ein Licht, das aus dem Meer strahlte, hatte ihn angezogen. Als er danach tauchte, fand er diesen Stein. Er nahm ihn an sich, erkannte jedoch nicht auf Anhieb seine Macht. Aus diesem Grund legte er ihn in eine große Piratenkiste, in der bereits eine Menge Schmuck lag, und so vergaß er ihn für einige Jahre. Als die Dunkelwelt mehr und mehr das Land unter einen Schatten legte, verringerte sich die Nahrung erheblich. Menschen, Tiere und andere Wesen verstarben. Eines Abends saß Dracóran verzweifelt bei seinen Schätzen und überlegte, was er tun könnte, um seine Familie vor dem Hungertod zu retten. Da rüttelte sich etwas in der Piratenkiste, so heftig, dass sie sich hin- und herbewegte. Als er hineinsah, lag der Diamant strahlend obenauf. Er strahlte so hell, dass er den ganzen Raum erleuchtete. Dracóran nahm ihn in seine Kralle und da geschah es: Der Stein verband sich mit seiner positiven Energie. Dabei dehnte sie sich aus und füllte damit seine Umgebung. Gleichzeitig erwachte die Natur mit all ihrer schönen Vielfalt. Er sah niedergeschlagene Menschen aufstehen, genauso wie das Licht die Lebensgeister der Tiere und andere Wesen aufs Neue weckte. So wurde auch sein großer Wunsch erfüllt, denn seine Kinder hatten bald wieder genügend zu essen.«
»Und die Schattenwelt?«
»Diese wusste erst gar nicht, wie es zu dieser schnellen lichtvollen Veränderung kommen konnte. Doch sie hatten vom Mythos des Steins bereits gehört und waren sich einig, dass der Drache diesen gefunden haben musste. Das eröffnete ein neues Problem für Dracóran, denn die Dunkel- und Schattenwelt wollte den Stein für ihre Zwecke nutzen.«
»Wieso? Er ist doch lichtvoller Natur, oder?«
»Nein, meine Liebe, er unterstützt die Energie seines Besitzers. Dabei spielt der körperliche Erstkontakt eine große Rolle.«
»Aha«, staunte Nimue und versank in ihre Gedanken. In diesen ließ Yavira ihre Tochter für einen Moment in Ruhe verweilen.
»Warum hat Dracóran den Stein nicht einfach getragen, als der große Kampf gegen die Koaks stattfand? Das Licht hätte ihn und seine Familie doch gestärkt.«
»Hier bestand ein gravierendes Problem. Dieser Stein ist nicht dazu da, um ihn herumzutragen. Du weißt ja, Nimue, dass zu viel von etwas, auch wenn es gut ist, wieder ins Gegenteil umschlagen kann. Ich meine damit, dass nur der Erstkontakt zwischen dem Stein und seinem neuen Besitzer wichtig ist.«
»Ich weiß nicht, was du damit meinst, Mama.«
»Solus ist das Licht im Ursprung Ori, das die Urschöpfung darstellt.«
Nimue nickte.
»Wir haben zwei Urväter, das weißt du doch, oder?«
»Ja, das Gute und das Böse wurde als Zwillingspaar geboren.«
»Genau, also können beide die Urschöpfung darstellen.«
»Du meinst, Mama, dass beim Erstkontakt sich der Ursprung im Stein auf die Energie einstellt, die ihn besitzt?«, fragte Nimue schockiert.
»Ja, so ist es, meine kluge Tochter. Zudem verstärkt sich diese. Auch wenn sie lichtvoller Natur ist, so wie bei Dracóran, kann sie in ihrer ständigen Zunahme den Körper schwächen. Die Energien werden ihm zu viel. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Stein so aufzubewahren, dass er wirken kann und zur gleichen Zeit den Körper des Tragenden nicht belastet.«
»Und so war der Drache geschwächt und konnte nicht mehr kämpfen und deshalb …« Nimue hielt entsetzt ihren Mund zu.
»Ja, deshalb.«
»Der Arme!«
»Ja, er hatte sich große Vorwürfe gemacht. Um den König davor zu schützen, baute er eine Schutzhülle: die Holzkugel. Diese hat die gleiche Form wie der Stein. Vielleicht sollte man Holztropfen sagen. Obwohl, jeder nennt sie Holzkugel. Sie ist am oberen Ende an einem dunkelbraunen Lederband befestigt und wirkt auf den ersten Blick wie ein Amulett. Im engsten Sinne handelt es sich auch um einen Anhänger, denn so kann man den Stein mit sich herumtragen, ohne dass seine intensiven Energien den Körper schwächen. Ansonsten sollte er so aufbewahrt werden, dass er höchstmöglich wirken kann.«
»Und er nimmt wirklich die Energien seines Besitzers an?«
»Ja, das tut er. Jahre später haben die Dunkelelfen den Stein aus der königlichen Kammer geraubt. Man sagt, dass er in der Hand von Donntuagh, dem König der Dunkelelfen, eine andere Farbe angenommen hat. Das Rad der Schöpfung drehte sich um und schloss das Licht in sich ein. So nahm es auch das Licht der Erde mit sich. Die Zauber- und Menschenwelt litt unter dem Sonnenverlust genauso wie es tausende Jahre zuvor die Drachenfamilie erlebte, nur war dieses Mal der Schatten noch dunkler. Es wurden keine Feste mehr gefeiert, kein Wein mehr getrunken und das Essen war nur noch in geringen Mengen vorhanden. Es war furchtbar kalt und die Körper der Menschen, Tiere und Zauberwesen schmerzten permanent. Zu dieser Zeit war das Leben auf der Erde noch nicht so weit entwickelt, wie es heute ist. Trotzdem, die Menschen und Tiere spürten diesen Wandel ebenso wie die Zauberwesen. Die Natur hatte sich verändert und gab ihnen immer weniger Lebensraum. Viele Menschen mussten sterben, weil Beeren vergiftet waren oder friedliche Tiere plötzlich wild wurden. Es war eine grausame Zeit und dann, dann kam der Menschenjunge.«
»Ein Menschenjunge?«
»Ja, er war noch ganz klein, so etwa drei Menschenjahre alt und hatte besonders lichtvolle Energien. Die gleichen, wie du sie hast, Nimue. Er konnte dunkle Barrieren durchbrechen, und als der König der Dunkelelfen einmal unachtsam war, da lief der kleine Junge genau zu diesem Zeitpunkt in seine Höhle hinein und fand den Stein. Er wollte nur spielen und wusste nicht, was er da in seinen Händen hielt. Er nahm ihn mit zu seiner Familie und verwahrte ihn in seiner Schatzkiste. Die Dunkelelfen hatten keine Ahnung, wer den Stein gestohlen hatte und fingen an, ihn zu suchen. Doch durch den neuen Besitzer drehte sich das Rad der Schöpfung erneut, füllte den Stein mit Licht und erwärmte die Erde. Das Leben wurde wieder angenehmer, für die Menschen wie auch die Zauberwelt. Der Junge hatte keine Ahnung, was er besaß oder damit bewirkte. Als er älter wurde, versteckte er den Stein instinktiv und hütete ihn wie einen großen Schatz. Eines Tages dann, so sagt man, wurde er von einer ihm unbekannten Stimme zu den Lichtelfen des Königreichs Shenja gerufen, um dem König diesen Stein zu übergeben. Er wusste nicht, warum er das tun sollte, hinterfragte die Stimme trotzdem nicht. Er ging auf eine lange Reise. Auf dieser musste er sich einigen Gefahren stellen, doch er siegte in jeder Schlacht. Sein Glaube und der Wunsch, diesen Stein zu übergeben, hatten ihn stark gemacht. Er fand unseren Elfenstamm und überreichte den Diamanten. Er selbst wurde mit den Energien der lichtvollen Zauberwelt beschenkt.« Yavira verstummte für eine Weile aus Erschöpfung. Die vielen Worte strengten sie stark an.
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