»Wie sehen die Kinder aus, Mama?«
»Sie sehen aus wie Menschenkinder, nur mit grüner Haut und sehr dünner Statur, beinahe ausgemergelt. Sie haben, wie wir Elfen, spitze Ohren, ein paar grüne Haare auf dem Kopf und tragen in der Regel nur eine aus braunem Leder bestehende kurze Hose. Es sind gute Wesen, die an der Erhaltung der Natur teilnehmen, dennoch haben sie keine Zauberkräfte und müssen dem schrecklichen Verlauf mehr oder weniger zusehen.«
Nimue empfand ein Mitgefühl diesen Wesen gegenüber und auch den Wunsch, sie einmal kennenzulernen. Kurz darauf verschwamm alles um sie herum; ihre Welt drehte sich um 180 Grad und sie konnte sich nicht dagegen wehren. Alles war anders, und doch war es wie zuvor. Sie spürte, dass das Wissen einer Sache eine Veränderung nach sich zog, sodass sich eine scheinbar gleiche Welt urplötzlich ganz anders anfühlen konnte. Sie atmete tief durch.
Nach einer Weile musste sie wieder an die Grünen Kinder denken und sie fragte: »Aber wenn sie so anders aussehen, wie können sie mit den Menschen zusammen auf der Erde leben?«
»Sobald Menschen auftauchen, können sie sich mit der Natur verschmelzen. Also, steht ein Baum in der Nähe, gleichen sie sich dem Baum an oder dem Wasser oder der Wiese.«
Nimue verstand: Es waren Naturwesen, die aufgrund ihrer vollkommenen Reinheit mit der Natur eins sein konnten. Da begannen ihre Gedanken erneut wie in einer Achterbahn auf- und abwärtszufahren. Doch dieses Mal kreisten sie nicht nur unkontrollierbar in ihrem Kopf umher, sondern schafften Bilder, die wie ein Film vor ihrem inneren Auge abliefen. Die dadurch entstandenen Eindrücke warfen wiederum neue Fragen auf. Was bedeutet Yaviras Erzählung für sie? War sie eine auserwählte Elfe? War sie die Elfe, die den Stein finden, die Holzkugel öffnen und somit dem Licht Energie geben sollte, um die Menschen- und Zauberwelt zu reinigen und zu beschützen? Sie hatte keine Ahnung und entschloss sich kurzerhand, keine dieser Fragen jetzt in diesem Moment zu stellen. Sie erkannte, dass ihre Mutter stark geschwächt von all dem Sprechen war. Trotzdem wollte sie noch wissen: »Ist das nun gut für mich, Mama?«
»Es gibt darin kein Gut oder Schlecht. Es kommt darauf an, was du daraus machst.«
»Aber was soll ich machen, ich meine, falls ich es bin, die auserwählt ist?«
»Mach dir keine Sorgen, meine Kleine. Falls du es bist, werden sich dir die Lösungen zeigen.«
»Und wenn die dunkle Macht trotzdem siegt?«
»Das wird nicht passieren, mein Schatz.«
»Und falls doch?«
»Dann müssen wir damit leben und uns den Gegebenheiten anpassen.«
»Das wäre deiner und Papas sicherer Tod?«
»Mach dir keine Sorgen, meine Liebe. Es gibt immer eine Lösung, auch wenn es nicht danach aussieht.«
»Natürlich kämpfe ich, Mama. Trotzdem hoffe ich, dass ich es nicht bin«, gestand Nimue eingeschüchtert von der großen Verantwortung. »Was wäre, wenn ich mir etwas wünsche, was auf keinen Fall mit all dem zu tun hat?«
Yavira lachte. »Wünsch dir, was dein Herz begehrt. Es wird dich auf den richtigen Weg leiten. Denk immer daran, falls du die auserwählte Elfe bist: Es ist eine große Ehre. Du wirst nie allein sein, mein Schatz, das verspreche ich dir.«
Sollte sie diese Aussage beruhigen? Dann machte ihre Mutter alles richtig, denn genau das tat sie.
Da übertönten eine Trompete und ein Durcheinander von Stimmen die Laute der Pferdehufe.
»Sie sind da«, schrie Nimue und sprang auf. Blitzschnell entfernte sie ein paar Strohhalme von ihrem Kleid und erklärte: »Ich gehe in den Hof, Mama.«
»Ja, tu das. Ich komme nach.«
Nimue verließ den Stall und sah viele Elfenmänner in den Hof reiten. Ihre Blicke suchten ihren Großvater, doch der war weit und breit nicht zu sehen. Da entschloss sie sich, bei den Tara-Ställen zu suchen. Kurz bevor sie diese erreichte, kamen zwei Elfen heraus; ihr Großvater und ein ihr unbekannter Mann: Katar.
»Opa!«
Ihr Großvater erklärte stolz: »Meine Enkelin Nimue, lieber Onkel.«
Sogleich verbeugte sich Katar vor ihr. »Es ist mir eine große Ehre, Nimue. Ich habe schon viel von dir gehört.«
»Ich von dir auch. Schön, dass du da bist. Kannst du mir von Frankreich erzählen?«
Er bejahte ihre Frage.
Doch Aar meinte: »Na, na, lass ihn erst einmal ankommen, Nimue. Dazu haben wir später auch noch Zeit.«
Nimue nickte zustimmend. Zur gleichen Zeit sah sie eine Frau aus dem Stall herausgehen, gefolgt von ihrer Großmutter. Katar drehte sich nach ihnen um. »Nimue, das ist meine Frau Léa.«
»Wie schön, ein echter Mensch bei uns auf dem Schloss. Wie geht es dir bei uns hier unten?«
Léa bekam keine Zeit für eine Antwort, da Oona sogleich erklärte: »Maeve hat ihr einen Kräuterzaubertrank zubereitet, mit dem sie ohne Weiteres für mehrere Wochen hier unten angenehm leben kann.«
»Und der hat sogar gut geschmeckt«, warf Léa ein, »ich freue mich sehr, bei euch zu sein.«
Danach gingen die Herren in Aars Büro und die Damen in das Gewächshaus, da Oona Léa die Blumen und Kräuter zeigen wollte.
Nimue schlenderte derweilen durch die große Eingangshalle in Richtung ihres Zimmers.
»Nimue, da bist du ja! In der Küche wartet eine Seejungfrau auf dich«, rief ihr Uhrilia entgegen.
»In der Küche?«, fragte Nimue überrascht.
»Ich wusste nicht, wo ich sie sonst hinschicken soll. Vielleicht in dein Zimmer? Die kommt hier einfach herein und will mit dir sprechen!«
»Okay«, beruhigte Nimue die aufgeregte Uhrilia, »ich gehe sie suchen.«
In der Küche angekommen, sah Nimue viele Heinzelchen eilig umherlaufen. Sie steckten mitten in den Vorbereitungen für das Abendessen, und das sollte an diesem Tag besonders glatt verlaufen. Nimue ging langsam an den vielen verschiedenen Holzöfen vorbei. Dort standen große und kleine Töpfe, aus denen Wasser brodelte. Gleichzeitig sprachen einige Stimmen wirr durcheinander und vermittelten ihr ein Gefühl von Hektik. Darunter hörte Nimue einen Heinzelchen-Koch seine Helferinnen anschreien. Sie wandte sich ihm entsetzt zu. Sogleich verstummte er mitten in einem Satz, als ob er ihre Blicke auf seinem Rücken hätte spüren können. Zornig widmete er daraufhin seine ganze Aufmerksamkeit einem übergroßen Kochtopf, aus dem heißer Dampf entwich.
Nimue ging weiter in die Küche hinein und entdeckte viele große Holztische, an denen vereinzelt ein Heinzelchen saß, das Gemüse oder Fleisch zubereitete oder eine Kraftmahlzeit zu sich nahm. Auf einem anderen Tisch standen mehrere Kuchen und Pralinen. Als Nimue gerade eine stibitzen wollte, hörte sie die Seejungfrau mit einem jungen Heinzelchen-Koch am hinteren Ende des Raumes über das Leben und den Tod diskutieren.
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