»Ihr müsst sie doch fragen?«, bat die Seejungfrau den Koch verzweifelt.
Doch dieser schüttelte seinen Kopf.
Nimue verzichtete auf die Praline und steuerte auf die beiden zu. Sie warf dem Heinzelchen-Koch einen vorwurfsvollen Blick zu, während sie sagte: »Natürlich machen wir das! Meine Großeltern haben es zur höchsten Regel gemacht, dass kein Lebewesen ohne ihre Zustimmung getötet oder verzerrt werden darf. Dafür gibt es ein wichtiges Ritual im Reich Shenja, das zwischen Koch und Tier stattfindet. Ansonsten dürften wir es nicht essen. Er will dich nur ärgern.« Sie wandte sich dem jungen Koch zu. »So frech sind die Heinzelchen nur bei uns hier im Land Shenja!«
Die Wangen des Heinzelchens röteten sich. Er senkte seinen Kopf und ging zu seinem Arbeitsplatz zurück.
»Oh, da bin ich aber froh«, erwiderte die Seejungfrau erleichtert, denn in der Zauberwelt war es von besonderer Bedeutung, dass kein Lebewesen ohne seine Zustimmung rein für den Verzehr getötet wurde.
»Hallo, ich bin Piera«, stellte sie sich sogleich vor und reichte Nimue ihre rechte Hand.
Nimue nahm sie an. »Hallo, ich bin …«
»Das weiß ich doch.« Piera lächelte vor Freude, Nimue endlich kennenzulernen. »Darf ich dich fragen, ob wir zu deiner Geburtstagsfeier kommen dürfen?«
Nimue war erstaunt über die erneute Anfrage eines ihr unbekannten Wesens. »Hmm, ich kenne dich doch gar nicht, wer bist du?«
»Ich bin eine Seejungfrau und lebe hauptsächlich im Starnberger See.«
Nimue spürte die vor Neugier stechenden Blicke der Heinzelchen auf ihrem Körper. Da deutete sie der Seejungfrau mit einer Handbewegung an, ihr zu folgen. Kurz darauf schwebten beide aus der Küche in den Hofgarten hinaus. Sie setzten sich auf eine Bank direkt vor einem Strauch mit roten und gelben Rosen. Diese blühten besonders herrlich und so bemerkte Piera: »Schön habt ihr es hier!«
»Ja, Oma ist eine wahre Gartenkünstlerin.«
Als sie zur Ruhe kamen, erklärte die Seejungfrau: »Unsere Heimat ist im Wasser. Wir können aber auch auf dem Land leben. Dort verwandelt sich unsere Flosse zu zwei menschlichen Beinen. Aus diesem Grund leben einige aus meiner Familie unter Wasser und andere auf dem Land.«
»Ihr lebt inmitten der Menschen?«
»Ja, das tun wir. Unsere Körper gleichen den ihren, was unsere wahre Identität versteckt. Nur sehr feinfühlige Menschen spüren unsere reine Energie. Sie fühlen sich von uns angezogen, verstehen jedoch nicht, woher diese Anziehung kommt.« – Piera lachte kurz auf – »Manche glauben, dass sie sich unsterblich in uns verliebt haben. Doch meistens sind es nur die Energien, auf die sie reagieren.«
»So habt ihr viele Verehrer?«
Piera sah Nimue fragend an.
»So sagt man doch, Verehrer, oder nicht?«, war sich Nimue plötzlich unsicher.
»Wir haben viele Verehrer, ja, das stimmt. Aber wir spüren ganz deutlich, ob es die wahre Liebe oder nur eine Anziehung aus erwähnten Gründen ist. Somit werden es schon bedeutend weniger.«
»Wie viele seid ihr?«
»Wir sind 16 und würden uns alle über eine Einladung sehr freuen.«
Nimue mochte dieses schöne Wesen, das in der magischen Wasserenergie des Reiches Shenja leicht golden schimmerte. Aus diesem Grund fiel es ihr nicht schwer, zuzusagen. »Gut, ich freue mich auf euer Kommen.«
Piera bedankte und verabschiedete sich.
Nimue blieb zurück und beobachtete ihre schönen, weichen Schwünge, während sie in Richtung Wald schwebte. Sie war eine wunderschöne Seejungfrau mit hellblonden, fast weißen Haaren. Ihre Flosse war königsblau und von feiner Statur. Ihre Brust war durch ein gleichfarbiges Oberteil bedeckt, das durch dünne Träger rundum verbunden war. Es sah aus, als ob es ein Spinnennetz wäre, welches sich über ihren Oberkörper webte.
Nach ein paar Minuten verschwand Piera im Wald. Dann ging Nimue auf ihr Zimmer. Dort fing sie an, alle von ihr eingeladenen Gäste aufzuschreiben. Ansonsten würde sie bald den Überblick verlieren, denn aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, dass es noch mehr werden würden.
Nachdem sie ihren Stift zur Seite gelegt hatte, betrachtete sie im Spiegel ihr Kleid mit Entsetzen.
»Ich habe das Kleid viel zu früh angezogen. Nun schau, es ist schmutzig geworden«, beklagte sich Nimue bei der Spiegeldame.
»Ja, du hast recht. Das ist kein Problem, Nimue. Willst du es zum Abendessen anbehalten?«
»Ja, natürlich. Ich habe gehört, dass es Katars Lieblingsfarbe ist.«
»Nun gut. Komm näher zu mir an den Spiegel heran. Ich muss dir jedoch gleich sagen, dass ich das nicht immer machen kann. Es kostest mich viel Energie, und wofür gibt es Wellenschlagmaschinen, die die Wäsche waschen?«
Nimue wusste nicht, was sie vorhatte. Sie vertraute ihr dennoch und stellte sich direkt vor den Spiegel.
»Also«, wies die Spiegeldame sie an, »bleib in diesem Abstand stehen und dreh dich, wenn ich es dir sage.«
»Okay, Spiegel«, antwortete Nimue, neugierig auf das, was nun passieren würde.
Es dauerte Sekunden oder vielleicht sogar Minuten, in denen nichts geschah. Nimue hatte das Gefühl, dass es ewig anhielt, so still auf einem Platz zu stehen und auf etwas zu warten, das sie noch nicht kannte. Dann ging es auf einmal los. Die Spiegeldame füllte sich mit hellem Licht. So hell, dass sich Nimue nicht mehr darin sehen konnte. Daraufhin fing das Licht an, weit in den Raum hineinzuleuchten. Doch nur einen Moment später fokussierte es sich voll auf Nimue, als ob es eine Hülle um ihren Körper bilden wollte. Sie drehte sich auf Befehl und schon war alles wieder vorbei.
Die Spiegeldame erklärte erschöpft: »Ui, jetzt muss ich mich ausruhen.«
Nimue musterte ihr Kleid. Es war sauber, als ob sie es gerade angezogen hätte. »Danke, lieber Spiegel.«
»Ist schon gut, hab‘ ‘nen schönen Abend, Nimue.«
Sofort schnellten an beiden Seiten Türen aus dem Holzrahmen, so schnell, dass Nimue rückwärts springen musste, um ihnen auszuweichen. Sie schlossen sich gleichzeitig mit einem tiefen Atemzug der Spiegeldame. Kurz darauf schlief sie ein.
Nimue war verblüfft über ihre Künste. Noch nie zuvor hatte sie ein Kleid gereinigt.
»Ob sie noch mehr kann, wovon ich nichts weiß?«, wunderte sich Nimue. Da wurde ihr plötzlich klar, dass sie seit fast Jahrzehnten mit der Spiegeldame in diesem Zimmer zusammenlebte und nichts über sie wusste, zumindest nicht, dass sie außer einem Spiegelbild und einem allzu oft frechen Mundwerk auch andere Fähigkeiten besaß. Noch nicht einmal die Türen hatte sie bis zu diesem Tag gesehen, die aus feinstem Mahagoni bestanden. Zudem hatten sie Intarsien über die ganze Länge hinweg. Die Holzverzierungen stellten eine große Blume jeweils in der Mitte der Tür dar. Ringsherum waren kleinere, die sich an den Stängeln miteinander verbanden. Die äußeren Blumen hatten die Farbe Helllila, während die innere unbemalt war.
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