Auch Nimue hörte immer wieder von den andauernden Kämpfen, konnte sich aber nicht wirklich etwas darunter vorstellen, denn bis jetzt lebte sie unbeschwert und sicher im Königreich. Der Rest waren lediglich Geschichten, die keine Wirklichkeit für sie darstellten, auch wenn sie immer wusste, dass diese Machtkämpfe der Wahrheit entsprachen.
Im Schloss war Nimues erster Weg in den Pferdestall, um ihre Mutter zu besuchen. Sie kniete sich vor dem Heu auf den Boden und begrüßte sie.
»Mama, hast du schon gehört, sie haben Katar gefunden und sind auf dem Rückweg.«
»Ja, meine Liebe, das habe ich gehört.«
Nimue legte sich zu ihrer Mutter auf das Heu. Yavira strich ihr sanft über die Wange, was Nimue kitzelte und sie zum Lachen brachte.
»Ich weiß, Nimue, du hast eine große Lebensaufgabe erhalten. Das ist sicherlich nicht leicht. Ich würde so gerne für dich da sein. Es tut mir leid.«
»Das ist schon gut, Mama. Ist ja nicht deine Schuld. Irgendwie weiß ich ja noch gar nicht, um was es hier eigentlich geht. Aaro hat so etwas angedeutet. Auf irgendeine Art und Weise sollte mein Wunsch zu etwas passen und wenn er nicht passt, dann passiert gar nichts. Und was passiert, wenn mein Wunsch doch passt, weiß ich auch nicht wirklich.«
»Gut, meine Liebe, dann werde ich es dir jetzt erklären. Es ist so oder so an der Zeit, dass du die Wahrheit erfährst. Wir, dein Vater und ich, haben zudem vom König die Erlaubnis erhalten, mit dir darüber zu sprechen«, erklärte Yavira mit ruhiger Stimme.
Beide lagen nun mit dem Rücken auf dem Heu und betrachteten das Holzdach der Stallung. Da bemerkte Nimue eine Unruhe, die im menschlichen Teil des Chiemsee-Wassers vorherrschen musste. Sie schärfte ihre Augen und sah am Flussufer einen Mann stehen, der angelte.
»Die armen Fische«, murmelte Nimue.
»Wie bitte?«, fragte Yavira nach, die gerade einen Anfang suchte.
»Ach, oben auf der Fraueninsel steht ein Fischer.«
»Ach so. Du isst Fisch doch auch sehr gerne.«
»Ja, schon, aber wenn ich von hier unten zusehe, wie sie sterben, verstehe ich Tante Tiara, warum sie Vegetarierin ist.«
Yavira lachte, dennoch zustimmend. Darauf folgte eine fast geisterhafte Stille im Raum. Dann hörten sie ein paar Hunde aus einem Napf fressen.
»Also, Nimue, pass auf. Du, meine Liebe, bist eine Elfenprinzessin, wie es sie zuvor noch nie gegeben hat. Als direkter Nachfahre der Könige unseres Reiches bist du eine mögliche Thronfolgerin.«
»Aber Mama, ich bin doch die Jüngste von uns vieren und ein Mädchen noch dazu!«, erwiderte Nimue entsetzt.
»Das bist du, dennoch bist du auch voller außergewöhnlicher lichtvoller Energien, die nicht nur das Reich Shenja positiv beeinflussen. Dein Herz strahlt die reine Liebe aus. Damit erhöhst du die Energien des Lichts auf der Erde. Die Menschen und andere Wesen fühlen das. Auch wenn nur wenige wissen, woraus die Veränderung resultiert. In der Geisterwelt wird über dich gesprochen. Man sagt, dass du die dunkle Schattenwelt mehr und mehr aufweckst und dabei ihre Gier nach dem Stein steigerst.«
»Nach welchem Stein?«, fragte Nimue neugierig.
»Eigentlich, meine Liebe, hätte dein Vater dieses Erbe antreten sollen, aber wir waren zu leichtsinnig und haben es vermasselt. Irgendwann hat sich herausgestellt, dass das magische Datum genau auf deine Geburtskonstellation fällt. Dies ist ein weiterer Beweis für den König, dass du von den Lichtmächten auserwählt worden bist. Du hast sehr viele Eigenschaften, die darauf hinweisen. Endgültig jedoch ist es immer noch nicht entschieden.«
»Was, Mama?«, wollte sie ungeduldig wissen.
»Ob du die erste Königin unseres Reiches Shenja wirst und die Holzkugel für das Licht öffnest.«
Nimue fiel das Kinn nach unten.
»Ich, Königin? Und welche Holzkugel?«
»Es ist eine kleine Holzkugel, die seit Jahrtausenden nicht mehr geöffnet worden ist, beziehungsweise kann sie nicht geöffnet werden, da sie durch einen magischen Zauber verschlossen worden ist.«
»Aha«, staunte Nimue.
»Die Kugel besteht aus feinstem Mahagoni und hat aufgrund des Zaubers keine sichtbare Öffnung mehr. Erkennen kannst du sie nur an der Intarsie, welche eine Rose darstellt. Niemand, so scheint es, ist in der Lage, diese Kugel zu öffnen. Man sagt, dass der Zauber nur von dem Zauberer selbst gelöst werden kann und …« – Yavira hielt kurz inne, um ihre Wortwahl zu überdenken – »dieser ist jedoch schon lange verstorben und hat keine fähigen Nachfahren hinterlassen.«
»Warum hat er das gemacht und was hat er genau verzaubert?«
»Er war ein guter Zauberer, der zu der Zeit lebte, als unser Volk von den Dunkelelfen aus Cridhe vertrieben wurde. Der Königstamm Shenja hatte damals einen Stein, genauer gesagt einen Diamanten, der aufgrund seiner Reinheit hell strahlte.«
»Einen Diamanten?«, staunte Nimue erneut, »Wie hat der ausgesehen?«
»Seine Form glich einem Tropfen. In der Mitte konnte man eine linksdrehende Spirale erkennen, die in einem sanften Goldschimmer glänzte. Die Spirale symbolisiert die Einheit von allem Bestehenden. Von der Stelle der Urschöpfung ausgehend, die direkt in der Mitte liegt, erhellt das Licht mehr und mehr seine Umgebung. Sein Name ist: Stein des Orisolus.«
»Hat die Linksdrehung etwas mit den Schneckenköniginnen zu tun?«
Yavira lachte und schüttelte dabei den Kopf. »Nein, ich denke nicht. Natürlich kann man das vermuten, denn die Königinnen, also die Schnecken mit einer Linksdrehung, gibt es unter einer Million nur einmal, und das ist schon eine Besonderheit. Ihr Gehäuse, oder wie es die Schnecken selbst nennen, ihr Schutzmantel, hebt sich von den Millionen rechtsdrehenden ab. Du bist eine schlaue Elfe, Nimue.« Yavira stupste ihre Tochter an der Nase an. »Ich glaube jedoch, dass mehr der Name auf den Ursprung des Steins hindeutet als die Drehung der Spirale. Solus ist das Licht, das im Ursprung, also Ori, durch einen Funken entstanden ist. Dieser Funke hat das Leben entzündet, so steht es geschrieben.«
»Der muss ja wunderschön sein«, vermutete Nimue verblüfft.
»Ja, das ist er, und weißt du, von wem sie diesen Stein geschenkt bekommen haben?«
Nimue schüttelte den Kopf.
»Vom Drachenführer Dracóran. Vor Tausenden von Jahren haben wilde Koaks das Königreich überfallen und eingenommen. In der Nähe des Reiches war eine Höhle, in der eine Drachenfamilie lebte. Diese waren Freunde des Königs. Nach der Besetzung befreiten die Drachen das Königreich von ihren Angreifern. Leider jedoch starb Dracórans Familie dabei. Nur er war noch am Leben, allerdings schwer verletzt. Während er im Sterben lag, ging der Elfenkönig zu ihm und pflegte ihn bis zum letzten Atemzug. Kurz bevor er starb, übergab er dem König diesen Diamanten mit der Botschaft, dass der Stein besondere Kräfte besitzen und das Reich Shenja beschützen würde.«
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