In Alans Ohren klang es, als habe er Delacroix gerade zum Duell herausgefordert.
Delacroix stand auf und legte die Hände hinter seinem Rücken ineinander. »Öffnen Sie einen Kanal, Mister Nguyen.« Als Nguyen ihm zunickte, straffte er sich und blickte direkt in Richtung des Aufnahmegeräts. »Commander … Kass-Un Jean-Pierre Delacroix vom Aufklärungskreuzer Sydney , Vereinte Nationen der Erde.«
»Vereinte Nationen der Erde?«, wiederholte der Krail-on, als höre er die Worte zum ersten Mal. »Was ist Euer Begehr?«
»Wir möchten Handelsbeziehungen knüpfen.«
»Handelsbeziehungen?« Der Krail-on drehte sich um, sodass sein Gesicht den Aufnahmebereich des Aufzeichnungsgerätes verließ, und sprach mit einer Person, die hinter ihm stand. Nach einer Weile drehte er sich dem Aufzeichnungsgerät wieder zu. »Welche Handelsgüter könnt Ihr uns anbieten?«
»Gewürze, Rohstoffvorkommen. Ich denke, dass sich sicherlich etwas finden lässt, was Ihrem Geschmack entspricht.«
»Was wollt Ihr dafür?« Die Augen des Fremdwesens schienen zu glühen.
Delacroix räusperte sich. »Proviant, Energiereserven. Was Sie entbehren können.«
Wieder tauschte sich der Krail-on mit der Person außerhalb des Aufnahmebereichs aus, bevor er antwortete. »Kommt mit Eurem Stellvertreter und Eurem Nachfolger auf mein Schiff, damit wir darüber reden können.«
»Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen gerne Proben unseres Angebots zukommen lassen.« Delacroix verlagerte sein Gewicht.
Auf der anderen Seite der Brücke fädelte sich in diesem Moment Pola hinter einem leer stehenden Pult ein. Ein Blinken auf Alans Display zeigte ihm, dass sie sich die Navigationsdaten auf ihren Monitor lud. Hinter Pola tauchte Yael auf und besetzte den Platz zwischen Pola und Nguyen. Nur Jäggi fehlte noch.
Die Zöpfe des Krail-on schlugen um seinen Kopf, als er sich wieder der Person hinter sich zuwandte. Nach einem kurzen Wortwechsel trat eine weiß gekleidete Gestalt neben ihn und verbeugte sich vor den Menschen mit vor der Brust zusammengelegten Händen. Dunkle Zöpfe wurden von weißen Bändern auf ihrem Kopf zusammengehalten, umrahmten ein zartes Gesicht, das aus Ebenholz geschnitten zu sein schien. Neben dem Krail-on wirkte sie wie eine Erscheinung.
Alan hielt den Atem an.
»Ich bin Sorai-an. Der Kass-Un bittet Euch durch mich, seine Gastfreundschaft anzunehmen.«
In dem Moment ließ sich Jäggi mit einem Keuchen wie eine Bombe neben Dean in den letzten freien Stuhl fallen. Alan sah auf und wandte sich wieder der Kommandotafel zu.
Delacroix legte den Kopf in den Nacken. »Ihr Angebot ehrt mich. Erlaubt, dass ich Ihnen meine Stellvertreterin schicke, um Ihnen in meinem Namen ein Angebot zu unterbreiten.«
»Womit haben wir Euer Misstrauen verdient, Kass-Un.«
Alans Blick zuckte zu Delacroix, suchte die Kommandotafel zu durchdringen, um in seinem Gesicht lesen zu können.
»Wir misstrauen Ihnen nicht. Wir lassen nur die nötige Vorsicht walten«, erwiderte Delacroix kühl.
Stark ballte die Faust, aber Sorai-an verneigte sich und antwortete an seiner Stelle. »Eure Worte sind weise, Kass-Un. Erlaubt, dass wir Euch eine Auswahl unseres Proviants zukommen lassen, damit Ihr unser Angebot prüfen könnt. Derweil kann Euer Chefingenieur Eure Energiespezifikationen schicken, damit wir Ihnen auch diesbezüglich ein Angebot machen können. Wenn Ihr erlaubt, kann Ihre Stellvertreterin währenddessen Ihre Handelsgüter auf unser Schiff bringen. Sie ist herzlich eingeladen.«
Alan lehnte sich zurück. Gut, dass diese Sorai-an das Gespräch an sich gerissen hatte. Stark hätte dem Vorschlag des Commanders sicherlich nie zugestimmt.
»Ich freue mich darauf, unser Gespräch fortsetzen zu können.«
Sorai-an neigte bei Delacroix’ Worten den Kopf. »Ich ebenso.«
Nach Sorai-ans Worten wurde die Kommandotafel wieder transparent und gab die Sicht auf den Commander frei, der sich mit den Fingern an den Mund tippte.
»Komische Typen«, meinte Dean, als der Commander mit White und Racek im Bereitschaftsraum verschwunden war.
»Findest du?« Alan fixierte seinen Monitor. Die Bilder in Boldens Bericht hatten die bedrohliche Präsenz, die er angesichts des Krail-on verspürt hatte, nicht vermitteln können. Sie waren ganz anders, als er erwartet hatte. Wie sie wohl rochen? Er versuchte, sich an die Funktion der Frauen in Weiß zu erinnern. Bolden hatte sie beschrieben und ihre Funktion als die einer Heilerin übersetzt. Nach dem, was er vor wenigen Minuten erlebt hatte, wagte Alan, das zu bezweifeln. Sie schienen eher eine Art Beraterin zu sein. Merkwürdig. Er sollte den Commander darauf hinweisen.
»Wo steckt eigentlich Mabuto?«, fragte Dean.
»Keine Ahnung. Ich glaube, der Commander hat ihn verwarnt.«
»Kein Wunder, so seltsam, wie er sich in den letzten Wochen benommen hat.«
Alan seufzte. »Haben wir uns nicht alle seltsam benommen in den letzten Wochen?«
»Mag sein.« Die Antwort war für Deans Verhältnisse ungewohnt einsilbig.
Aber Alan war das im Moment gleichgültig. Er wollte die Krail-on sehen, einem von ihnen Auge in Auge gegenüber stehen. Ohne dass ein Aufnahmegerät und ein Monitor zwischen ihnen lagen. Der Commander musste das einfach verstehen.
Der Commander verstand es nicht. »Ich will Sie auf Ihrem Posten haben, falls es zu Komplikationen kommt«, war seine Antwort gewesen, als sich Alan freiwillig meldete, um bei der Übernahme des Proviants im Hangar zu helfen. Der Chief sollte das Geschehen überwachen, während White mit dem Shuttle und zwei Crewmen die Krail-on besuchte. Alan beneidete sie.
Stattdessen saß er mit Delacroix und den Angehörigen der Einser- und Zweierschicht auf der Brücke und langweilte sich, während Ameisen in seinen Eingeweiden zu wohnen schienen. Der Commander rechnete also mit Komplikationen. Dass ihm daran lag, dass sich Alan deshalb auf der Brücke aufhielt, betrachtete Alan als Kompliment. Alans Hinweis auf die weiß gekleidete Frau hatte er mit einem in die Ferne gerichteten Blick und einem Kopfnicken beantwortet. Das war alles gewesen.
Nach Stunden des Wartens ging eine Nachricht von Hayes über den internen Komm ein. »Die Lebensmittel sind einwandfrei, Sir. Weder toxikologische noch bakteriologische Befunde. Einige der Pflanzen enthalten zu viele Alkaloide für einen menschlichen Organismus, aber ich habe sie aussortieren lassen und Misses White angewiesen, sich auf die besser verdaulichen zu konzentrieren.«
»Gute Arbeit, Doktor. Machen Sie weiter.«
»Aye, Sir.«
Kurz nach ihr meldete sich Racek. »Es gibt’n paar Probleme, Sir. Unsere Energiespezifikationen stimmen mit denen der Krail-on nicht überein.«
»Dann passen Sie sie an.«
Man hörte, wie Racek sich kratzte. »Ja, Sir. Das versuchen wir ja. Aber wir können die Symbole der Krail-on nicht umsetzen und sie nicht die unseren. Wir bräuchten einen Zahlenkünstler mit Kenntnissen der Krail-on-Sprache, damit wir vorankommen. Ich dachte mir, sie könnten mir vielleicht Mister McBride ausleihen.«
Alan horchte auf. Er wagte nicht, sich umzudrehen, aus Angst, den Wunsch zu helfen damit zu verraten. Hoffentlich lehnte der Commander Raceks Bitte nicht ab.
Der Moment zog sich in die Länge.
»Spielen Sie ihm die Daten auf Monitor drei«, antwortete Delacroix endlich.
»Aye, Sir.«
»Mister McBride.«
Alan drehte sich um und konnte mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. »Ja, Sir.«
»Sie haben gehört, was Mister Raceks Problem ist. Machen Sie sich an die Arbeit. Miss Skobzewa, Sie übernehmen solange das Ruder.«
»Aye, Sir. Danke, Sir.« Alan glaubte, ein Zucken um Delacroix' Mundwinkel zu sehen, bevor er sich wieder seinem Monitor zuwandte. Datensalat machte sich darauf breit. Alan lud sich die Übersetzungsdatei dazu und suchte nach Übereinstimmungen. Nach einer Weile wurde er auf eine Gruppierung aufmerksam. Er isolierte sie und schrieb einen Suchalgorithmus, der sich an der Struktur der Gruppe orientierte. Als das Ergebnis sichtbar wurde, lächelte er befriedigt. Er kam der Sache näher.
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