»Wir leben noch. Ihr seid nicht allein.« Das wollte er ihnen damit sagen. Der Sydney und all den anderen, die das Massaker überlebt hatten. Nishimura riskierte sein Schiff und all die Leben darauf, um ihnen das zu sagen.
Das war Irrsinn. Oder reine Verzweiflung. Aber Nishimura war der beste Stratege der Flotte. Es musste ein Sinn darin liegen, dieses Risiko einzugehen.
Keine Zeit dafür. Er musste sich auf die Daten konzentrieren. Ein paar Suchalgorithmen, ein paar Permutationen und er hatte den Ursprungsort des Signals. Mit ein paar Befehlen stülpte Alan eine Sprungmatrix darüber und ermittelte die Kursvektoren.
Der Rand des Pferdekopfnebels hinter dem Krail-on-Raum. Alan starrte auf sein Ergebnis.
Das ergab Sinn. Der Admiral hatte die gleiche Idee wie er gehabt. Der Nebel störte die Sensoren gewaltig und machte das Aufspüren selbst dann schwierig, wenn man wusste, wo man suchen musste, und die Krail-on waren gutes Kanonenfutter, um die Irhog von der kleineren Beute abzulenken. Dort konnte man die verbliebenen Schiffe sammeln und unterwegs Proviant und Energiereserven aufnehmen, um dann das weitere Vorgehen zu planen. Und jetzt rief Nishimura seine Schäfchen zusammen.
»Die Antarctica! Die Antarctica . Das ist unglaublich!« Dean packte Alan an den Schultern und schüttelte ihn. Außer Atem und mit erhitztem Gesicht hielt er inne. Seine Augen strahlten. »Ich könnte dich küssen!«
Sie waren unterwegs zum Besprechungsraum, wohin der Commander alle Offiziere gebeten hatte, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Ein Crewman, der vor ihnen den Gang entlang eilte, warf einen Blick zurück, bevor er um eine Ecke verschwand.
»Lass das!« Mit einem Ruck befreite sich Alan aus Deans Griff. Ihre Schritte hallten auf dem Stahlblech des Bodens wider.
Dean deutete im Laufen einen Schlag gegen Alans Nieren an, doch Alan blockte ihn ab. »Ich sagte, lass das.«
»Was ist los mit dir? Freust du dich nicht? Wir sind gerettet. Die Antarctica ist ein Trägerschiff. Die haben jede Menge Platz an Bord, Lebensmittel, Medikamente, Energiereserven …«
»Träum weiter!« Alan blieb stehen. »Bist du so naiv oder tust du nur so?«
»Wie meinst du das?« Das Feuer in Deans dunklen Augen erlosch.
Er war ein Idiot! Dean konnte nichts für ihre Situation. Es war nicht fair, wenn er seine Wut an ihm ausließ. »Tut mir leid«, murmelte Alan und ging weiter.
Aber Dean verbaute ihm den Weg. »Wie meinst du das? Los! Wenn du mehr weißt als ich, dann erklär es mir!«
Deans Blick war nicht zu ertragen. Alan starrte an Dean vorbei den Gang entlang und dann auf den Stahlboden.
»Alan, ich bitte dich …«
»Du hast die Flüchtlinge vergessen. Die Trägerschiffe wurden vor dem Kampf im Solsystem damit beauftragt, so viele Menschen wie möglich aufzunehmen. Ich kenne die Daten. Die Antarctica war die Erste, die damals gesprungen ist. Wahrscheinlich konnte sie deshalb entkommen. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn die Antarctica nicht allein ist.« Bestimmt hatte Nishimura schon ein paar Schäfchen eingesammelt.
»Und du meinst, die Flüchtlinge …«
»Die Antarctica dürfte mit all den Flüchtlingen an Bord ihre Versorgungskapazitäten weit überschritten haben. Ich befürchte, dass sie schlimmer dastehen als wir. Nein, sie können eigentlich nur überlebt haben, wenn sie irgendwo Proviant und Energiereserven aufnehmen konnten. Da bin ich sicher.«
»Du meinst, sie haben die Krail-on kontaktiert? So, wie du es dem Commander vorschlagen wolltest?«
»Nein.« Alan schüttelte den Kopf. »Die Antarctica ist ein Trägerschiff. Sie hat wesentlich mehr Feuerkraft als die Sydney . Für sie dürfte es ein Leichtes gewesen sein, einen unserer Versorgungsstützpunkte von den Irhog zu erobern. Im Gegensatz zu uns. Wir können von Glück sagen, dass wir dem Hinterhalt bei Delta-Neun entkommen sind.« Die Worte schmeckten bitter.
»Und wo ist dann das Problem? Ich meine, wenn wir uns der Antarctica anschließen, können wir doch auch von ihrer Feuerkraft profitieren und von ihren Reserven. Du sagst doch selbst, dass sie Reserven haben müssen, weil sie sonst mit den Flüchtlingen an Bord schon längst am Ende wären.«
»Dean, der Ursprungsort des Signals lag jenseits des Pferdekopfnebels. Wenn wir dorthin fliegen, dann sind unsere Energiereserven am Ende. Dann ist es aus. Vorbei. Finito. Verstehst du?«
»Ja, aber dann haben wir doch die Antarctica …«
»Und wenn sie nicht mehr da ist? Glaubst du im Ernst, die warten auf uns, damit die Irhog kommen und sie eliminieren können?«
Deans Gesicht wurde starr. »Ich verstehe«, murmelte er.
»Es tut mir leid.« Wofür entschuldigte er sich? Etwa dafür, die Wahrheit gesagt zu haben?
»Dann sind wir trotzdem am Arsch«, sagte Dean bitter.
»Es gibt immer noch die andere Möglichkeit.«
»Die Krail-on?«
Alan nickte.
»… Rückzug … befehle allen … sich unter … sammeln … wiederhole … allen … Erdstreitkräften und zivilen … sammeln … Gegenschlag …«
Die ruhige Stimme schaffte es kaum, das Rauschen zu durchdringen. Aber sie gehörte unverkennbar Admiral Nishimura.
Alan erinnerte sich an ihn: ein untersetzter Japaner mit ergrauten Schläfen und kantigem Kinn. Genauso ruhig hatte Nishimuras Stimme geklungen, als dieser ihm im Auftrag der Prüfungskommission mitgeteilt hatte, dass er von der Akademie fliegen würde. Ob es Nishimura gewesen war, der sich damals für ihn eingesetzt hatte?
War das noch wichtig? Was war überhaupt noch wichtig angesichts dessen, dass fast hundert Prozent der Menschheit eliminiert worden waren? Wie viele Exemplare brauchte man eigentlich, damit eine Art überleben konnte? Ob fünfzig reichten? Mehr hatten sie nicht an Bord. Oder waren dafür mehrere Tausend nötig, wie an Bord der Antarctica ?
Wie konnte da irgendein vernünftiger Mensch von Gegenschlag faseln? Mussten die Überlebenden nicht vielmehr alles tun, damit es keine weiteren Verluste gab? Sie konnten es sich nicht erlauben, auch nur einen einzigen Mann zu verlieren. Wenn das jemand begriff – dann war es Nishimura.
»Entgegen allen Gerüchten – die Nachricht ist nicht gefälscht«, begann Delacroix. Mit einem Knopfdruck fuhr er die transparente Kommandotafel vor seinem Ende des Besprechungstisches aus der Decke. Eine zweidimensionale Abbildung des bekannten Raums mit einigen Sprungvektoren erschien darauf. Es waren diejenigen, die Alan vor einer halben Stunde ermittelt hatte.
»Wir befinden uns hier, in der Nähe von Syrakuse.« Delacroix zeigte auf einen roten Punkt. Bevor die Irhog Syrakuse erobert hatten, war er blau gewesen. Das Gleiche galt für Epsilon 5, Paradise, den Mars und die Erde. »Die Antarctica muss sich dort, am Rande des Pferdekopfnebels befinden, hinter der Grenze des Krail-on-Raums. Wir würden drei bis vier Wochen brauchen, bis wir dort sind, je nachdem welche Sprungroute wir wählen. Aber selbst wenn wir der Antarctica eine Nachricht schicken, dass wir kommen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie am Ursprungsort der eingegangenen Nachricht vorfinden, verschwindend gering. Denn wir können den Hyperfunk zwar auf den Ursprungsort ausrichten, aber wenn die Antarctica ihn wieder verlassen hat, kann es Wochen dauern, bis er sie erreicht. Ob die Antarctica dann zum Ursprungsort zurückkehren kann, bevor uns die Energiereserven ausgehen oder die Irhog uns finden, ist mehr als fraglich. Meinungen?« Delacroix blickte in die Runde.
Racek, der Chief, meldete sich als Erster zu Wort. »Selbst wenn wir soviel Energie sparen, wie uns möglich ist, bleibt uns am Zielort nur eine Woche, bis die Reserven erschöpft sind. Verflucht wenig Zeit, um die Antarctica zu finden, wenn Sie mich fragen, Sir.«
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