Doktor Franz Wilhelm Caspari hat diese Schmetterlinge wiederentdeckt, er hat ihnen das Leben gerettet – kein Wunder, dass da eine besondere Bindung entsteht. Und das, obwohl keiner von ihnen einen Namen hat, alle nur nach Geburtstag, Häutungsdatum und Anzahl der Verpaarungen katalogisiert werden, ein kurzes Leben leben und er sie auch so pragmatisch entsorgt, dass seine Freundin Shambhavi ihn für herzlos hält. Aber schließlich haben Falter ja auch kein Herz, oder?
Auf der Insel Mangalemi im Indischen Ozean hat er sich verschanzt, wie einer dieser durchgeknallten Wissenschaftler, die an atomaren Weltherrschaftsplänen brüten. Aber Caspari brütet nur Schmetterlinge. Er ist Biologe, arbeitet an seinem großen Durchbruch. Der Haken dabei: Dass die als ausgestorben geltende Art Calyptra lachryphagus von ihm neu belebt wurde, darf noch keiner wissen.
Auch die Menschen im Ort kennen nicht die ganze Wahrheit. Sie halten den etwas über Dreißigjährigen für einen schrulligen Kulturphilologen, weil er so gerne ihre Begräbnisse besucht. Der wahre Grund für den Trauerfetisch ist aber ein anderer: Casparis Schmetterlinge ernähren sich von den Tränen der Menschen.
Als daher eine Zeit lang niemand auf der doch überschaubaren Insel stirbt, sieht Franz Wilhelm sich gezwungen, ins Gefühlsleben etwa seiner Haushälterin vorzudringen und sie mit geschürten Sorgen über ihre kranke Mutter zum Heulen zu bringen. Evil scientist und Emo in einem. »Der Tod erleichtert mir das Leben«, schreibt Caspari einmal.
Durch die salzhaltige Ernährung gestärkt, pflanzen sich die Lachryphagen (der Name sagt es eigentlich: Tränenfresser, schade nur, dass unter den Insulanern offenbar niemand Altgriechisch gelernt hat) fort und sterben dann auch bald.
»Ohne sich anzusehen hängen sie aneinander, die Leiber verbunden, festgesaugt, rühren sich nicht, berühren sich nur an einer einzigen Stelle; Kuss fiele mir ein, das Wort; schwer zu lösen, Austausch von Körperflüssigkeiten, eine Eigenart von Kuss. Wäre eine nicht unzutreffende Beschreibung, aber verboten in meiner Art Wissenschaft.«
Nun, deshalb hat die Österreicherin Andrea Grill die Biologie auch zugunsten der Belletristik hinter sich gelassen. Der eloquenteste Schmetterlingsfanatiker unter den Schreibenden wird zwar noch länger Vladimir Nabokov bleiben, aber Grill flattert ziemlich eifrig mit ihren bunten literarischen Flügeln. 
SPITZNAME:Mützchen
ANZAHL BISHER:38669
LEBENSRAUM:Mangalami, Indischer Ozean
ERNÄHRUNG:Tränenflüssigkeit
HOBBY:Knutschen
ARTENSCHUTZ:empfohlen, aber gar nicht so einfach
BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR: 
Die
Kreuchenden
und Fleuchenden
TITEL: Das Alte Testament
(aus dem Althebräischen, Altaramäischen und Altgriechischen von Martin Luther)
ORIGINALFASSUNG:ca. 440 v. Chr.
Und die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Früchten der Bäume im Garten?
Wie sah die Schlange wohl früher aus, als sie beim Herrn noch nicht in Ungnade gefallen war?
Die Geschichte ist bekannt, es ist gewissermaßen die älteste Geschichte der Welt (auch wenn das natürlich überhaupt nicht stimmt, es ist sehr schwer, die Entstehungsgeschichte des Alten Testaments festzunageln). Adam und sein Weib – das zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal einen Namen brauchte – tollten nackt, unschuldig und glücklich durchs Paradies. Das klügste Tier im Garten war auch gleichzeitig das fieseste. Unter anderem konnte es sprechen und verführte die namenlose Frau zum Ungehorsam, nämlich dazu, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu pflücken und zu essen, obwohl der Herr ihnen das extra verboten hatte. Es war die Schlange.
Daraufhin erfand der Herr die Plagen Schwangerschaft und Arbeit. Vor allem aber machte er Adam und Eva Beine und nahm der Schlange die ihren weg. »Auf deinem Bauche sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang« sagte er (» Eat that !«, rufen bis heute gehässige Sieger englischer Zunge). »Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.«
Vermutlich eher in umgekehrter Reihenfolge. Diesen letzten Satz jedenfalls musste er der Schlange wahrscheinlich nicht zweimal sagen, ihr prominentestes Opfer sollte die ägyptische Königin Kleopatra VII. werden.
Aber wie war das vorher? Wie viele Beine hatte die Schlange? Zwei, vier? War der erste Verführer des Christentums vielleicht ein Tausendfüßler?
Bald schon im Alten Testament bekommt die Schlange Gelegenheit, sich mit Zauberkunststückchen zu rehabilitieren. Als Moses sich fürchtet, das Volk Israels anzuführen und zu erretten, weil man ihm dies nicht zutrauen würde, lässt der Herr ihn seinen Hirtenstab zu Boden werfen. Er verwandelt sich in eine Schlange; als er die am Schwanz packt, wird sie wieder zum Stock.
Der »falschen Schlange« hilft das wenig. Spätestens im Neuen Testament identifiziert das Christentum sie endgültig mit Satan. Seither packen Mafiosi sie in Kartons und legen sie vor Türen Einzuschüchternder, um Zeichen zu setzen. Vor Apotheken windet sie sich lasziv und macht Werbung für die Pharmaindustrie.
Bei den alten Hopi-Indianern war die Schlange noch ein Fruchtbarkeits-symbol, wurde sie doch mit der Nabelschnur verglichen. Nun, dieses Verhältnis ist seit Langem vergiftet. 
GATTUNG: Serpens satanicus
LEBENSRAUM:Paradies
SOZIALVERHALTEN:inakzeptabel
WWF-FAKTOR: 
FABELTAUGLICHKEIT: 
BEINE:hm, schlechtes Thema
ERSTES KUNSTSTÜCK:der Stocktrick
ERNÄHRUNG:Fersen
NATÜRLICHER FEIND:der Herr
AUTOR:Snorri Sturluson
TITEL: Prosa-Edda (aus dem Altisländischen von Karl Simrock)
ORIGINALFASSUNG:ca. 1220
Die Midgardschlange speit Gift aus, daß Luft und Meer entzündet werden; entsetzlich ist ihr Anblick, wenn sie dem Wolf zur seite kämpft.
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