Drei Folgen, ein Prequel: In diesem aus Fledermaussicht geschilderten Epos tummeln sich naturgemäß zahlreiche Tiere. Allen voran Schatten, der Protagonist, der sich im Laufe des ersten Teils der Silberflügel -Trilogie vom verniedlichten Flaumbaby zum Mann fledermausert – zum »Batman« sozusagen.
Goth hingegen ist nicht nur ein Tier, sondern auch ein veritabler Schurke. Zu Beginn des vierten Kapitels von Silberflügel flieht er mit seinem Kumpanen Throbb aus einer Art Reptilienzoo und lacht sich den unfreiwilligen Abenteurer Schatten und seine neu gewonnene Freundin Marina an, damit diese ihm den Weg dorthin weisen, wo Schattens Kolonie überwintert.
Goth und Throbb kommen aus dem Dschungel und sind daher nicht für den Winter ausgestattet. Als sie gefangen wurden, hatten sie gewissermaßen keine Zeit zu packen.
Sie unterscheiden sich aber noch durch etwas anderes von den jungen, leicht beeinflussbaren, aber natürlich – Coming-of-age as Coming-of-age can – tapferen und wissbegierigen Jünglingen: Sie sind größer, gefräßiger, haben keine Angst vor Vögeln und ernähren sich bevorzugt von Fledermausfleisch. Genau, Goth ist ein Vampir, ein Kannibale vor dem Herrn.
Ach ja, apropos Herr: Auch das bietet Stoff für eine Kontroverse. Denn der Kampf zwischen Gut und Goth, also zwischen Schatten und Böse, ist auch ein religiöser: Während die Silberflügel an Nocturna glauben, eine Nachtgöttin, die ihnen angeblich versprochen hat, eines Tages wieder die Sonne sehen zu dürfen und vielleicht gar zu Menschen zu werden, ist Goth ein Anhänger von Cama Zotz und hält sich großspurig für dessen Auserwählten im Kampf gegen alle anderen Tierarten. Auch die Frage, ob die Menschen nun grundsätzlich helfen oder grundsätzlich schaden wollen, spaltet die Ideologien. Wenn die Tiere nur wüssten, dass diese Frage echt nicht so einfach zu beantworten ist!
Goth ist schlau, aber empathielos. Seinen Kollegen Throbb unterdrückt er permanent mit der Drohung, ihn aufzufressen. Schatten und Marina lässt er lange in dem Glauben, auf ihrer Seite zu stehen, während er insgeheim schon wie Gargamel das Fledermausmenü plant. Fun Fact: Auf den Seychellen ist bat curry auf den Speisekarten der meisten Restaurants zu finden.
Wie viele gute Antagonisten wird Goth von den Haupthelden längere Zeit für tot gehalten, ist aber nicht umzubringen. Je nachdem, ob man ihn fürchten oder verlachen möchte, sollte man sich den lateinischen Namen seiner Gattung, Vampyrum spectrum , vor Augen führen oder den prosaischeren deutschen: Große Spießblattnase. 
GATTUNG: Vampyrum spectrum
LEBENSRAUM:Dschungel
GESCHLECHT:Männchen
ERNÄHRUNG:Glanzflügelfledermäuse
SCHWÄCHE:friert leicht
STÄRKE:gute Echoortung
TIER/SCHURKE-SCORE:hoch
RELIGIONSBEKENNTNIS:c.z. (Cama Zotz)
AUTOR:Haruki Murakami
TITEL: Frosch rettet Tokyo (aus dem Japanischen von Ursula Graefe)
ORIGINALFASSUNG:2000
Nennen Sie mich bitte einfach Frosch«, sagte der Frosch mit kräftiger, sonorer Stimme.
Es ist verständlich (und »Verständnis ist äußerst wichtig«, sagt Frosch), dass Haruki Murakami nach dem fatalen Erdbeben von Kyoto am 17. Januar 1995 Angst hatte. Gleich mehrere seiner Geschichten kreisten um das Beben, auf Deutsch sind sie im Band Nach dem Beben zusammgefasst.
Die Schreckensfantasie, es könnte auch Japans Hauptstadt Tokio treffen, teilt Murakami mit einer seiner Hauptfiguren, dem Bankangestellten und Schuldeneintreiber Herrn Katagiri.
Ihm – uns allen! – zur Erleichterung eilt ein mannshoher Frosch mit Schwimmhäuten zwischen den Händen. Der erklärt Herrn Katagiri, er brauche seine Hilfe beim unterirdischen Kampf gegen Wurm, den Wurm, der nämlich sonst am 18. Februar 1995 die Erde bei Tokio zum Erbeben bringen und 150.000 Todesopfer fordern würde.
»Sind Sie ein echter Frosch?«, fragt ihn Katagiri. »Natürlich, das sieht man doch«, antwortet Frosch. »Keine Metapher, kein Zitat, keine Dekonstruktion, keine Attrappe oder sonst etwas Kompliziertes. Ein Frosch, wie er leibt und lebt. Soll ich mal ein bisschen quaken?«
»Keine Metapher«, das ist natürlich gelogen. Der Frosch symbolisiert unsere innere Kaulquappe, indem er sich aus Katagiris Fantasie heraus entpuppt hat und ausgerechnet den gesellschaftsscheuen Durchschnittsmenschen, der keine Freunde und keine Frau hat, zum Anfeuern für den ultimativen Kampf benötigt.
Ein Superheld auf glitschiger, lurchiger Unterlage. Ein Superheld aber auch, der Tolstoi und Dostojewski liest und selbstironisch sagt: »Es ist eine Frage der Männlichkeit. Ich habe ja leider keine. Hahaha.« Ein perfekter Freund.
Murakami wäre nicht Murakami, würde diese epische Schlacht tatsächlich stattfinden (dann wäre er J.K. Rowling oder J.R.R.R. Martin oder ein anderer Autor mit Initialen als Vorname). Denn am Abend davor erleidet Katagiri einen Zusammenbruch. Als er im Spital erwacht, ist der Kampf vorbei. Frosch besucht ihn und dankt ihm für seine Mithilfe, die wohl eine rein geistige, traumartige war. Frosch ist daher auch so müde, dass er neben dem Krankenbett einschläft, übersät von Wunden, Beulen und Striemen.
Und dann, dann platzt Frosch. Ja, einfach so. Und mit wohligem Grinsen erkennen wir, dass Frosch, der Frosch von seinem Schöpfer nur ersonnen wurde, damit der ihn am Ende platzen lassen konnte. Murakami wäre nämlich auch nicht Murakami, wenn er einen Frosch vorkommen ließe, der kein veritabler Knallfrosch ist. 
GATTUNG: Anura
LEBENSRAUM:Tokio
GRÖSSE:> 2 m
STIMME:kräftig und sonor
LACHEN:laut und hell
ERNÄHRUNG:Tee
SYMBOLFAKTOR: 
BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR: 
LIEBLINGSBUCH: Anna Karenina
NATÜRLICHER FEIND:Wurm
AUTORIN:Andrea Grill
TITEL: Das Paradies des Doktor Caspari
ORIGINALFASSUNG:2015
Mein Verhältnis zu diesen Schmetterlingen gleicht, könnte man sagen, und nicht einmal nur in Retrospektive, nein, bis jetzt, bis zu diesem Augenblick, in dem ich das niederschreibe, einer Ehe im Sinne Dostojewskis; große Gefühle, endlose Missverständnisse, Enttäuschungen, Erklärungsversuche, Geldknappheit – und all das zu niemandes Nutzen, weder für mich noch für andere.
Читать дальше