Schlich’s zur Nachbarin Ameise;
Fleht’ sie an, in ihrer Not
Ihr zu leihn ein Körnlein Brot.
Mit den Fabeln ist das sehr kompliziert. Jeder kennt die Tiermärchen mit der moralischen Zeigepfote, viele wissen, eigentlich hat der alte Grieche Äsop sie gedichtet, im 6. Jahrhundert vor Christus. Die wurden aber in erster Linie mündlich überliefert, und niedergeschrieben haben sie dann viele, viele Menschen, die sprachlich versiert waren, sich aber keine eigenen Geschichten ausdenken wollten: in Deutschland etwa die Gebrüder Grimm, Lessing und Goethe, in Frankreich La Fontaine, der sie in Versform gebracht hat, während wir als Kinder wahrscheinlich unter seinem Namen Bilderbücher mit ungereimten, nett erzählten Prosatexten vorgelesen bekamen.
In Prosa wurden die Verse auch vom Barockpoeten Abraham a Sancta Clara übertragen. Die bekannteste fabula , die uns selbst in Roland Schimmelpfennigs Drama Der goldene Drache noch begegnet, ist jedenfalls die von der Ameise und der Heuschrecke oder von der Ameise und der Zikade oder von der Libelle und der Ameise oder von der Grille und der Ameise (wie bei La Fontaine). Die mit der Ameise jedenfalls. Warum?
Vielleicht weil die Ameise, sonst dank ihres Fleißes und der unverkrampften Solidarität mit ihren Baugenossinnen positiv konnotiert (der Begriff lautet: Eusozialität!), hier auch durchaus arrogant, ja gemein gelesen werden kann? Weil die Geschichte sowohl politisch links als auch politisch rechts als Beispiel herhalten kann und somit die ewige Unversöhnlichkeit der beiden Seiten aufzeigt?
Die Ameise hat jedenfalls den ganzen Sommer Nahrung beiseitegeschafft und somit vorgesorgt, die alte Streberin.
Die Grille hat sich den ganzen Sommer die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und gezirpt, sich vielleicht zum Gaudium der Tierwelt als Zikade oder Libelle verkleidet und missachtet, dass sie im Winter einen ziemlichen Heuschreck erleiden wird, weil nichts mehr zu fressen da ist. Sie geht also zur Ameise und bettelt. Und die Ameise sagt: »Selber schuld.« Das war’s. Weiter geht es nicht. La Fontaine braucht ganze 22 kurze Verse dafür und lässt uns dann selbst im Regen stehen wie eine Grille vor dem Ameisenhaufen.
Diese Geschichte ist unfassbar unbefriedigend. Es ist ein Wunder, dass sie uns nicht zu Wutausbrüchen getrieben hat, als wir Kinder waren. Was sagt uns das denn jetzt? Dem Fuchs mit seinen Trauben gönnten wir das »Selber schuld«, der Ameise wollen wir es am liebsten um die Ohren hauen. Aber sie hat ja keine.
Soll die Grille verhungern? Soll sie es als Heuschrecke, Zikade oder gar Grashüpfer tun? Und soll dann die Ameise wegen unterlassener Hilfeleistung vor den Tiergerichtshof? Voten Sie jetzt. 
GATTUNG: Formicidae
LEBENSRAUM:Speisekammer
NOTE:sehr gut mit Sternchen
SLOGAN:Leistung für Leistung!
HYMNE:Ätschi-bätschi!
SOZIALVERHALTEN:Ui.
AUTOR:Fjodor Michailowitsch Dostojewski
TITEL: Der Idiot (aus dem Russischen von Arthur Luther)
ORIGINALFASSUNG:1869
Haben Sie meinen Igel erhalten?«, fragte sie mit fester und beinahe zorniger Stimme.
»Ja«, antwortete der Fürst errötend und starr vor Angst.
»Erklären Sie mir sofort, was Sie darüber denken! Das ist notwendig, um meiner Mutter und unserer ganzen Familie Ruhe zu verschaffen.«
Es sind doch immer die Igel, die leiden. Die kleinen, unglaublich süßen Wesen, von denen man dachte, sie werden unweigerlich die Beziehung retten. Sie meinen es gut, sie lassen einem das Herz aufgehen, aber dann wollen sie sich doch nicht immer streicheln und abbusseln lassen und erweisen sich als ein bisschen stachelig. Und dann, in null Komma nichts, ist alles kompliziert.
Wie Dostojewski auf die Idee kam, im vierten Teil seines monumentalen Romans Der Idiot ausgerechnet einen Vertreter der Gattung Erinaceidae – vermutlich den Nördlichen Weißbrustigel – als Dreh- und Angelpunkt für die aufgeladene Stimmung zwischen Fürst Myschkin und der liebreizenden Aglaia einzubauen? Es ist jedenfalls eine bestechend originelle Idee – dafür, dass der Igel nur als Symbol dient.
Und dann ist auch noch alles irgendwie Zufall, ein impulsiver Annäherungsversuch, mit dem der kindlich naive Fürst Myschkin, der natürlich in Aglaia verliebt ist, nicht umgehen kann: Die Gymnasiasten Kolja und Kostja haben von ihrem Kollegen Geld erhalten, um die Weltgeschichte von Schlosser zu kaufen. Stattdessen haben sie einem Bauern den Igel und ein Beil abgekauft, was ihnen sehr peinlich ist (das Beil peinlicher als der Igel). Aglaia überredet sie, ihr den Igel (nicht das Beil) zu verkaufen, setzt ihn in ein Körbchen, deckt ihn liebevoll zu und schickt ihn mit Kolja dem Fürsten Myschkin, jenem fragilen Freund der Familie, als Geschenk.
Und wir wissen ja alle, was ein Igelgeschenk bedeutet!
Nein, wissen wir nicht. Auch russische Adelige im 19. Jahrhundert hatten nicht die Tradition, pieksende Säugetiere per Botendienst zur Evozierung von Heiratsanträgen durch Petersburg zu jagen.
Nach Aglaias Logik entspricht der Igel aber praktisch einem Verlobungsring: rund, kostbar – na ja, das war es auch schon mit der Vergleichbarkeit. Der Fürst, unerfahren in Liebesdingen, versteht nicht. Es ist ein Igel. Er freut sich, er besucht sie am nächsten Tag. Sie stellt ihm ein Ultimatum: Hält er jetzt also um ihre Hand an oder nicht? Er ist überwältigt und sagt ja. Aber Aglaias Mutter ist über den potenziellen Schwiegersohn entsetzt, und ihre Schwestern brechen in hemmungsloses Gelächter aus. Sie behaupten glaubhaft, der Antrag sei nie ernst gemeint gewesen und begründen das mit dem Igel: »›Ich habe es ja gewußt, daß sie nur ihren Spott trieb und nichts weiter!‹ rief Adelaida. ›Von Anfang an, schon von dem Igel an!‹«
Myschkins ästhetische, zoologische oder auch kulturgeschichtliche Bewertung des Igels wird danach nie wieder abgefragt. Auch ob den armen Kerl in der Zwischenzeit irgendjemand gefüttert hat, steht nicht im Roman. Ein Jammer, diese symbolhafte Nachlässigkeit. 
GATTUNG: Erinaceidae
LEBENSRAUM:ein Körbchen in Russland
KUNDEN, DIE SICH DAFÜR INTERESSIERTEN, KAUFTEN AUCH:ein Beil
SOZIALVERHALTEN:abweisend
WWF-FAKTOR: 
AUTOR:Kenneth Grahame
TITEL: Der Wind in den Weiden (Aus dem Englischen von Harry Rowohlt)
ORIGINALFASSUNG:1908
Der Maulwurf«, meinte der Dachs, »hat im kleinen Finger mehr Verstand als manche Tiere im ganzen fetten Körper. Der Maulwurf wird es zu etwas bringen, das weiß ich heute schon.«
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