Erstaunlich, wofür es alles eine eigene Bezeichnung gibt. Ein Ouroboros (Plural: Ouroboroi) ist wörtlich übersetzt ein Schwanzverzehrer.
Und jetzt bitte hier keine kannibalistischen Sexfantasien.
Gemeint ist ein Tier (häufiger jedoch ein Bild von einem Tier), das sich selbst in den Schwanz beißt und folglich den Eindruck kreisförmiger Unendlichkeit erweckt. Solche Ikonografien gab es schon im alten Ägypten.
Jörmungandr, die Midgardschlange, muss also Hobbyägyptologin gewesen sein und sich gedacht haben: Das probiere ich auch. Dabei umschlang sie die ganze Welt.
Die Seeschlange ist die gemeinsame Tochter des göttlichen Scherzkekses Loki und der Riesin Angrboda, geboren nach dem Wolf Fenrir und vor dem … undefinierbaren Zwischenwesen Hel. Ein mittleres Kind also, dessen Name »Erdenzauberstab« oder »gewaltiges Ungeheuer« bedeuten kann: Da sind die Probleme vorprogrammiert, vor allem bei so einem Riesenbaby, das dafür schon sehr früh, spielerisch und durch praktische Anwendung lernt, dass die Erde keine Scheibe ist.
Einmal lässt sich Jörmungandr in eine Katze verwandeln, die aber auch nicht weniger riesig ist. Thor soll die Katze anheben, um seine Stärke zu beweisen, und schafft immerhin ein Bein – wahrscheinlich kann Jörmungandr vor dem Hintergrund ihres gewohnten Schlangendaseins mit Beinen nicht so gut umgehen (und doch gibt es Gemälde davon – von einem gewissen Johann Heinrich Füssli!).
Ein andermal erschreckt sie Thor und den Riesen Hymir bei deren Angelausflug, als sie sich von ihnen in ihrer gigantischen, wahrhaft welthaltigen Größe aus dem Wasser ziehen lässt. In altnordischen Zeiten wurde kein Motiv so oft bildnerisch verewigt wie dieses.
Am Ende der Welt schließlich, zur Ragnarök, der Götterdämmerung, großspurig auch »Weltenbrand« genannt, wird die Midgardschlange den Himmel vergiften. Sie wird nebenbei auch Thor vergiften, der aber gerade lange genug durchhalten wird, um – bei ihrer dritten Begegnung – der Schlange mit seinem berühmten Hammer (genannt: Mjölnir) den Garaus und danach noch genau neun Schritte zu machen, bevor alles, alles endet.
Und eine neue Welt entsteht. Vielleicht ist die ja dann gut genug, um von wohlmeinenderen Ouroboroi umarmt zu werden. 
GATTUNG: Serpens ouroboros?
LEBENSRAUM:die ganze Welt
NAMENSBEDEUTUNG:Erdenzauberstab
BERUF:Kosmologin
ÖKOLOGIEVERSTÄNDNIS:umfassend
FABELTAUGLICHKEIT: 
SOZIALVERHALTEN:FREE HUGS
ERNÄHRUNG:Schlangenschwanz
NATÜRLICHER FEIND:der Hammer
AUTOR:Heimito von Doderer
TITEL: Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre
ORIGINALFASSUNG:1951
Ein graues Schleppen und Ziehen geschah auf dem erdigen Hang und von da an in den Zipfel der versumpften Stelle hinein; und jetzt auch schon auf der anderen Seite wieder heraus. Da hatte René den Kopf der schlange bereits entdeckt, der größten, die ihm je in freier Natur begegnet war.
Dieser eine Moment in der Pubertät, der das ganze Leben verändert, den man nie vergessen und der das Erwachsenenleben prägen wird! Nicht der erste Kuss oder etwas ähnlich Konkretes – sondern etwas, das, obwohl es einen nicht erkennbar betrifft, tiefe Wunden der Rührung hinterlässt.
Heimito von Doderer schaut mithilfe eines gigantischen Exemplars der Gattung Tropidonotus natrix in geradezu satanischer Manier ins Innere seiner Figur René Stangeler. Obergescheit, wie der 16-jährige Gymnasiast nun einmal ist, kennt er natürlich sofort den lateinischen Namen seiner bahnbrechenden Entdeckung, ist sich aber nicht sicher, ob er sie auf Deutsch als Lindwurm, Natter oder Blindschleiche bezeichnen soll. Oder – wenn man Doderers obsessiven Fetisch kennt: vielleicht ja als Drachen. Denn nichts anderes ist diese Schlange für den Verfasser als das Maximum an Fantasy, das er sich in sein hyperrealistisches, komplexes Monumental-psychogramm einer Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts einzufädeln erlaubte.
»René fühlte jede Bewegung der Natter, als sei er’s selbst, der sie ausführte, nur gleichsam umgeschlagen in sein Inneres: das Treffen auf ein Hindernis beim Kriechen, Ast oder Stein, während der lange Leib noch in Bewegung blieb und sich in engeren Windungen hinter dem zögernden Kopfe nachdrückend staute, das plötzliche Vorgleiten des nun gestreckten Halses aus dem entstandenen Knäuel heraus und dessen Übergehen in flachere Bogen, Schub um Schub …«
Und so weiter. Erotik pur. Stangeler überlegt denn auch, dass »eine Ringelnatter von solcher Ausgewachsenheit Schnürungen an seinen Armen bewirken könnte, die weit wirksamer wären als jene, wie sie auch die kleineren Stücke des öfteren versucht hatten«. Was immer er genau damit meint, jedenfalls entbrennt – kurz bevor er dann das Mädel Paula Schachl kennenlernt – »Liebe zu dem Tier«.
Die hält aber nicht allzu lange, denn bald schon wird ihm bewusst, »daß er hier zum ersten Male beim Anblick einer Schlange Ekel empfand. Vielleicht weil sie so groß war.« Vielleicht hält es die Online-Ausgabe der Welt deshalb für angemessen, von einer Würdigung ebendieser Szene durch den Autor Daniel Kehlmann direkt auf die Schlagzeile »Riesenschlange verschlingt Känguru auf Golfplatz« zu verlinken.
In diesem Wald, in der ekligen Natur jedenfalls, beginnt der Ernst des Lebens für René Stangeler. Wiewohl am Land, »schaltet« Doderer in Renés Kopf von diesem Sündenfall direkt weiter zur Assoziation von »Rampe über Rampe, Bühne über Bühne«. Und dort schlängelt sich – genau – die Strudlhofstiege. 
GATTUNG: Tropidonotus natrix
LEBENSRAUM:Österreich
GIFTIG:nein
STÄRKE:windige Wendigkeit
FABELTAUGLICHKEIT: 
BEUTESCHEMA:Stangeler
ERFOLGTE HÄUTUNGEN:>100
FASCHINGSKOSTÜM:Drache
AUTOR:Michael Ende
TITEL: Momo
ORIGINALFASSUNG:1973
Plötzlich fühlte sie, wie etwas sie leise an ihrem nackten Fuß berührte. sie beugte sich hinunter, denn es war ja sehr dunkel, und erkannte eine große schildkröte, die ihr mit erhobenem Kopf und seltsam lächelndem Mund mitten ins Gesicht blickte. ihre schwarzen klugen Augen glänzten so freundlich, als ob sie gleich zu sprechen anfangen wollte.
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