»Ihr Vater …«, der Arzt stockte, schien nach Worten zu suchen. »Hat sehr schwere Verletzungen erlitten. Wir konnten ihn so weit stabilisieren, aber er ist immer noch in einem kritischen Zustand. Wir haben ihn mit Medikamenten sediert, damit sich sein Gehirn erholen kann, aber selbst ohne die Sedierung wäre er nicht bei Bewusstsein. Wir überprüfen ständig den intrakraniellen Druck, das heißt, wir müssen sicherstellen, dass sein Gehirn nicht zu sehr anschwillt. Wenn die Schwellung abgeklungen ist, können wir ihn langsam aufwachen lassen und sehen, wie es ihm geht. Bis dahin sind alle Prognosen reine Spekulation.«
»Aber … ist es möglich, dass er wieder ganz gesund wird?«
»Möglich ist es.«
»Und wahrscheinlich?«
Der Arzt hob die Augenbrauen und wackelte leicht mit dem Kopf hin und her. Dann zuckte er mit den Schultern. In entschuldigendem Tonfall sagte er: »Das kann ich wirklich nicht sagen. Ich hab schon Leute hier rausspazieren sehen, da hatten wir alle Hoffnungen aufgegeben. Und andere sterben, da hätte man es niemals erwartet. Wir müssen abwarten.«
Ada konnte sich denken, was das heißen sollte. Ihr Vater war erst im Frühling 66 Jahre alt geworden. Sicher, er war schlank und sportlich und man hätte ihn ohne Probleme fünf Jahre jünger schätzen können. Aber er war trotzdem kein junger Mann mehr. Vorletzten Winter hatte er sich bei einem Sturz die Hand gebrochen. Bis heute klagte er über Schmerzen, Steifigkeit und Taubheitsgefühl – und das war nur eine kleine Fraktur gewesen. Sie sah zu der Mumie im Bett und schüttelte den Kopf. Ihr war, als würde sich in ihrem Innersten ein schwarzes Loch auftun, ein Mahlstrom, der jedes Gefühl, jeden Hauch von Hoffnung in einen schwarzen Abgrund jenseits dieser Welt zog.
Und wenn ich auch um sein Überleben gefleht hätte?, kroch eine Frage über den Rand des Strudels, doch Ada schluckte sie herunter, bevor sie sich bis zu ihrem Mund hinaufwinden konnte.
»Sie können ruhig bei ihm bleiben und auch mit ihm reden, wenn Sie wollen. Haben Sie keine Angst, sprechen Sie mit ihm, als wäre er wach. Sie müssen nicht schüchtern sein. Falls er sie versteht, wird er sich freuen, und falls er nichts mitbekommt, können Sie auch nichts falsch machen. Es ist immer gut, mit den Patienten so umzugehen, als wären sie wach. Das verhindert auch, dass man über sie spricht, verstehen Sie?«
Zurück in ihrem Zimmer war Ada so erschöpft, als hätte sie eine Weltreise hinter sich. Stöhnend glitt sie ins Bett und zog sich die Decke bis unter die Nase.
Sie musste eingeschlafen sein, denn sie erwachte, als ein Pfleger das Tablett mit dem Abendessen brachte und eine weiße Tüte auf den Stuhl neben ihrem Bett stellte.
»Was ist das?«, murmelte sie schlaftrunkener, als sie eigentlich war, denn sie wollte nur Antworten, keine Fragen hören.
»Das sind Ihre persönlichen Sachen. Ein Mitarbeiter der Polizei hat sie abgegeben. Wenn Sie wollen, kann ich sie auch in den Safe legen?«
»Nein, danke, geben Sie bitte her.«
Er reichte ihr die Habseligkeiten und ließ sie dann allein. Ada lugte in die Tüte. Tatsächlich lagen dort ihr Geldbeutel sowie der ihres Vaters, mehrere Schlüsselbunde, sein altes Handy und ihr eigenes Smartphone. Das Schutzglas war in ein Spinnennetz zersprungen, doch als sie auf den Power-Knopf drückte, leuchtete das Display auf. Ada versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, wo das Handy während des Unfalls gewesen war. Die Erinnerung pochte in ihrer Magengrube wie ein Faustschlag: Sie hatte es in der Hand gehalten, sie hatte die Rehe gefilmt. Vor lauter Schreck entglitt ihr das Telefon, landete aber weich auf der weißen Decke. Mit zitternden Fingern nahm sie es erneut hoch, konnte ihren Tremor aber kaum unter Kontrolle bringen, sodass es sie einige Mühe kostete, die Kamerafunktion zu öffnen. In einem kleinen runden Fenster erschien das Vorschaubild des letzten Videos, das sie aufgezeichnet hatte: ein Standbild des verwackelten Wagenfensters. Ada zögerte. Wollte sie das wirklich sehen? Konnte sie es aushalten? Bevor sie sich entschieden hatte, tippte ihr Daumen schon auf Play.
Sie hörte das Brummen eines Motors, das Display zeigte ein wackeliges, hellgelbes Weizenfeld durch das geschlossene Beifahrerfenster, dann die Einfahrt eines Wirtschaftsweges, Bäume, die am Straßenrand vorbeiflogen. Die wohlbekannte Stimme ihres Vaters sagte: »Schau mal, da vorn.« Die Landschaft bewegte sich abrupt nach rechts. Rehe auf einer Wiese. Dann ein Schwenk zurück über die leere Straße in Richtung der Baumreihen, doch bevor das Objektiv wieder fokussieren konnte, sagte ihr Vater: »Ach du …«, das Bild flog zur Seite, wilde Farben tanzten, ein Schrei, Ende. Ada schluckte. Sie erinnerte sich noch genau, ja, ihre Erinnerungen deckten sich mit dem Video, da sie im Augenblick des Unfalls auf eben dieses Display geblickt hatte. Doch etwas war anders. Es waren nicht nur die fehlenden Gefühle, die den Film von ihrer Erinnerung unterschieden. War da nicht … Erneut spielte sie das Video ab. Es ging alles so schnell, das Bild war verhuscht, die Töne dumpf, doch sie war sich sicher: Irgendetwas stimmte nicht! Sie drückte auf Pause und schob den Fortschrittsbalken mit dem Finger langsam an die richtige Stelle. Da war es: Die Straße vor dem Auto war leer.
Das Bild zeigte eindeutig eine vollkommen freie Fahrbahn. Weder links noch rechts war ein Reh zu entdecken. Aber sie hatte es doch gesehen! Das siebte Reh. Ihr Vater hatte deshalb das Lenkrad verrissen. Warum hätte er das bei einer leeren Straße tun sollen? Der dunkle Ort in ihrem Magen begann sich langsam zu drehen. Ihre Gedanken rasten. Wie konnte das sein? Wieso hatte das Handy nicht aufgezeichnet, was sie und ihr Vater eindeutig erkannt hatten? Es musste ein Fehler sein. Irgendein technischer Defekt, wie ein toter Winkel oder ein fehlender Frame, ein gelöschter Datenpunkt durch die Kräfte des Unfalls. Irgendetwas. Hatte die Polizei das Handy geprüft? Hatten sie das Video gesehen? Hatten sie vielleicht irgendwelche Daten gelöscht? Aber warum sollten sie so etwas tun? Sollte sie ihnen das Video zeigen? Oder würde das beweisen, dass ihr Vater völlig grundlos in den Graben gefahren war? Vielleicht würden sie Ada verdächtigen, irgendetwas getan zu haben – ich habe nur um mein Überleben gefleht! – obwohl sie doch vollkommen unschuldig war … Das Handy klingelte und Ada fuhr erschrocken zusammen. Sie schaute aufs Display: Es war ihre Mutter.
Dankbar für diesen Ausweg aus dem Chaos nahm Ada das Gespräch an.
»Hallo, Mama« Sie schluchzte, da sich augenblicklich alle Gefühle Bahn brachen und durch ihre Augen nach draußen quollen.
»Hallo, Ada«, quäkte die Stimme ihrer Mutter blechern aus dem Lautsprecher. »Du erinnerst dich doch sicher noch an Mike von Creatom, der Werbeagentur, mit der wir die letzte Nudging-Kampagne hatten. Mit dem habe ich beim Lunch über dich gesprochen und stell dir vor, er hat vielleicht einen Job für dich. Natürlich müsstest du ihn …«
»Mama …«, unterbrach Ada ihre Mutter, doch die redete unbeeindruckt weiter.
»… erst mal kennenlernen. Er kann auch nicht zaubern und muss sich auf die Expertise seiner Personaler verlassen, aber ganz sicher wird er da ein Wörtchen mitzureden haben, ich weiß doch, wie das läuft. Er ist mir nämlich noch einen Gefallen …«
»Mama …«
»…schuldig, wegen er Sache mit Nordchip. Das hat er in den Sand gesetzt und deshalb habe ich was gut bei ihm. Man mag es kaum glauben, aber ja, auch Männer haben ein schlechtes Gewissen. Vor allem, wenn es um Geld geht, aber …«
»Mama!«
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