»Was ist denn? Wieso unterbrichst du mich ständig? Kannst du nicht abwarten, bis ich fertig bin? Und geh mal ans Fenster, wo du besseres Netz hast, ich versteh dich kaum.«
»Mama! Papa und ich hatten einen Autounfall. Mir geht es gut, aber Papa …«
»Was? Ich verstehe kein Wort.«
»Wir hatten einen Unfall.«
»Wer hat einen Anfall? Meine Güte, Ada, kannst du dir nicht endlich ein anständiges Handy kaufen? Ich rufe dich in fünf Minuten zurück. Und in der Zwischenzeit gehst du raus oder nimmst ein Headset oder sonst was. Ich hasse es, mit Leuten zu telefonieren, deren Handy nicht richtig funktioniert. Das liegt nur daran, dass du es ständig runterfallen lässt. Bis gleich.«
Damit war die Verbindung beendet. Fassungslos starrte Ada auf das Display. Am liebsten hätte sie das Telefon an die Wand geworfen! Doch das würde kein Problem lösen, außerdem durfte sie das Video nicht verlieren. Ihre Mutter würde wieder anrufen, so viel war klar. Vielleicht war der Empfang draußen auf dem Flur besser.
Sie steckte das Handy in die Brusttasche des Schwesternhemds und machte sich mit den Krücken erneut auf den Weg. Im Flur überprüfte sie den Empfang, doch hier draußen hatte sie noch weniger Netz als im Zimmer. Leise fluchend schleppte sie sich zum Aufzug und fuhr nach unten in die Patientenstraße, von der mehrere Türen nach draußen in den Innenhof führten. Ihr war zu kalt, um dort zu telefonieren, doch hier im Glasgang zeigte das Netz immerhin zwei Striche an.
Exakt fünf Minuten, nachdem Adas Mutter aufgelegt hatte, klingelte das Handy erneut.
»So, ich hoffe, du hast jetzt Netz, sonst leg ich gleich wieder auf.« Die genervte Stimme ihrer Mutter klang verzerrt durch den kaputten Hörer.
»Hörst du mich?«, fragte Ada. Ein Schluchzen drohte sich schon wieder nach oben zu bahnen, doch sie konzentrierte sich, es nicht heraus zu lassen. Hier waren überall Leute, außerdem wollte sie erst sicher sein, dass die Gefühle, die sie unter so schrecklichen Schmerzen hervorpresste, auch bei ihrer Mutter ankamen und nicht irgendwo im Äther versackten. Wie sehr sie sich wünschte, ihre Mutter wäre jetzt wirklich hier und würde sie in den Arm nehmen.
»Ja, ich höre dich, aber ganz abgehackt. Kann es sein, dass dein Telefon schon wieder kaputt ist?«
»Ja, kann sein. Das versuche ich dir doch die ganze Zeit zu erzählen. Wir hatten einen Autounfall und …«
»Ihr hattet einen was?«
»Einen Unfall.«
»Wer?«
»Papa und ich.«
»Wer? Kannst du mir vielleicht eine SMS schreiben, ich verstehe dich so schlecht.«
»Hör mir doch endlich zu, verdammt!«, schrie Ada. »Papa und ich hatten einen Autounfall. Ich bin okay, aber Papa liegt auf der Intensivstation und ist halb tot, verstehst du jetzt endlich?«
Die Stille, die Ada daraufhin umschloss, kam sowohl von ihrer Mutter als auch von den unzähligen Leuten, die um sie herum im Patientengang stehen geblieben waren. Gesichter, in denen sich Mitleid und Scham mit Erleichterung darüber mischten, selbst nicht ganz so schlecht dran zu sein.
»Ada …«, hörte sie endlich die Stimme ihrer Mutter, diesmal eine Nuance hektischer, was sie vermuten ließ, dass sie jetzt verstanden hatte. »Ada, geht es dir gut?«
»Nein … ja … ich hab nur ein paar Schrammen.«
»Und Frank?«
»Papa … hat es ganz schlimm erwischt.« Da waren sie wieder, die Tränen. Wie Ada sie hasste. Tränen machen hässlich, sagte ihre Mutter Karin immer; sie, die Ada noch nie hatte weinen sehen. »Er war nicht angeschnallt und hat sich tausend Sachen gebrochen und auch am Kopf ist es ganz schlimm und … also … ich weiß, so was darf man nicht sagen, aber ich glaube nicht, dass er es schaffen wird, weil …« Den Rest brachte sie nicht mehr heraus, weil die Schluchzer ihr die Kehle zuschnürten.
»Ada, wo bist du?«
»Im Rechts der Isar.«
»Bleib, wo du bist. Ich besorge dir ein neues Telefon, dann können wir in Ruhe reden, ja? In zwei Stunden ruf ich dich noch mal an.«
Das Gespräch war wieder beendet. Ada lehnte ihre Stirn gegen das kühle Glas, das unter ihrem heißen Atem sofort beschlug. Ihre Eingeweide strebten erneut dem Mahlstrom zu, den sie auf der Intensivstation gespürt hatte. Als würde sich ihr Innerstes auflösen. Als würde alles, was jemals wichtig gewesen war, verschlungen, ins Nichts, ins Nichts.
Knapp zwei Stunden später war Ada zurück in ihrem Zimmer, als jemand an die Tür klopfte. Eine Expresskurierin in Radlermontur brachte ihr einen dünnen Karton, in dem sich ein neues, aufgeladenes Smartphone und ein Ladegerät befanden. Auf einem gelben Post-it standen ihre neue Telefonnummer und die dazugehörige PIN.
Wenige Minuten später kam der erste Anruf.
»Hallo, Mama.«
»Ada, gut, jetzt verstehe ich dich endlich. Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Ich habe gerade schon mit dem Krankenhaus telefoniert, aber die wollten mir nichts sagen. Wie geht es dir? Bist du verletzt?«
»Es geht. Mein Knie ist angeschrabbt, aber die sagen, das heilt wieder.«
»Ein Glück!« Ada meinte, echte Erleichterung zu hören.
»Aber Papa ist ganz schlimm verletzt.«
»Ich habe ihm immer gesagt, dass er sich anschnallen soll, aber er wusste ja alles besser. Nur zwanzig Prozent der Todesfälle sind auf nicht angeschnallte Passagiere zurückzuführen. Der Rest stirbt also, obwohl er angeschnallt ist. Solche Sprüche hat er immer gebracht. So ein Unsinn. Dabei wusste er doch genau …«
»Mama! Ich will jetzt keine schlechten Sachen über Papa hören.«
»Wieso schlechte Sachen? Das hat dein Vater selber gesagt.«
»Ist mir egal. Eigentlich hatte ich mir nur gewünscht, dass du mich tröstest und sagst, dass alles gut wird und du herkommst.«
Ada biss sich auf die Lippen. Die Pause am anderen Ende ließ ihren Mahlstrom rotieren.
»Ada … ich bin sehr froh, dass es dir gut geht. Wenn etwas Schlimmes wäre, würde ich sofort kommen …«
»Es ist etwas Schlimmes … wie kann das nichts Schlimmes sein?«
»Nein, ich meine, wenn es dir schlecht ginge … aber wie es aussieht, bist du ja nur leicht verletzt. Im Augenblick … weißt du, grad ist es total schlecht. Ich komme jetzt nicht weg. Jedenfalls nicht die nächsten zwei Tage. Marsheimer hat mich allein gelassen und ich muss morgen eine Präsentation fertig haben und am Mittwoch ist noch eine Konferenz in Basel. Am Donnerstag könnte ich es schaffen, vielleicht komme ich einfach direkt nach München. Ich muss mal sehen.«
»Weißt du was? Vergiss es.« Ada trennte die Verbindung und schaltete beide Telefone aus.
Am nächsten Tag befand die Morgenvisite Ada für stabil genug, das Krankenhaus zu verlassen. Doch sie hatte kein Ziel, keinen Ort, an den sie sich hätte zurückziehen wollen. Ihre WG in der Agnesstraße stand bis auf ihr eigenes Zimmer leer. Ihre beiden Mitbewohnerinnen waren erst letzte Woche ausgezogen und der Makler führte im Stundentakt neue Interessenten durch die Räume. Unter normalen Umständen war das schon schwer zu ertragen gewesen, doch in ihrer jetzigen Situation schien es ihr unmöglich, dort zu sein. Ada überlegte, welche ihrer Freunde sie anrufen konnte, und erkannte mit Bitterkeit, dass es niemanden gab, dem sie sich selbst zumuten wollte. Sie hatte die letzten fünf Jahre als Projektmanagerin bei verschiedenen Kunden verbracht. Manche Aufträge dauerten Monate, andere nur Wochen. Kaum Zeit, um engere Beziehungen aufzubauen oder Freundschaften zu pflegen. Kurz nach dem Studium war sie noch zu dem ein oder anderen Abendessen, einigen Wohnungseinweihungen und sogar zu zwei Hochzeiten eingeladen worden. Doch da sie fast alle Termine hatte absagen müssen, weil das Projekt in Berlin oder der Abschluss in Zürich ihre Anwesenheit erfordert hatten, wurden die Einladungen weniger und blieben schließlich ganz aus.
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