Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde diese Praxis etwas modifiziert. Im Jahr 1956 wurde zur Verbesserung der staatlichen Planungsmöglichkeiten ein gewisses Maß an Dezentralisierung eingeführt, und 1982 wurden Regionalräte geschaffen. Seither ist Frankreich in 22 Regionen gegliedert, die in Größe und Form weitgehend den 34 vorrevolutionären Provinzen entsprechen. Eine dieser Regionen heißt Bourgogne, ihr unmittelbarer Nachbar Franche-Comté.121 Doch die französischen Regionen besitzen keine vergleichbaren Kompetenzen wie die Landesteile des Vereinigten Königreiches nach der Umsetzung der Devolutionspolitik oder die schweizerischen Kantone. Die Macht der französischen Zentralregierung wurde nicht eingeschränkt, sondern nur ein wenig beschnitten; Bezüge auf historische Formationen spielen kaum eine Rolle. Die Bürokraten und Politiker der Nachkriegszeit, welche die Regionen schufen, dachten anscheinend nur bis zum Ancien régime. Sie ignorierten die burgundischen Hintergründe von Franche-Comté und wiesen den Namen Burgund ausschließlich dem früheren Herzogtum zu. Dabei wird übersehen, dass die Region, die heute »Rhône-Alpes« heißt, ebenso stark burgundisch geprägt ist wie die übrigen.122
Dennoch ist die historische Erinnerung noch bemerkenswert lebendig. Sie mag ungenau, verworren oder verzerrt sein, aber sie ist nicht völlig verschwunden. Zwischen der Auflösung des merowingischen Burgund und der Gründung des karolingischen Herzogtums vergingen 111 Jahre; zwischen der Abschaffung der königlichen französischen Provinz »Bourgogne« und ihrem Wiederaufleben als Region verstrichen 162 Jahre. Diese Zeitspannen sind nicht lange genug, dass das kollektive Bewusstsein alles vergisst. Heute scheint es, als habe die Erinnerung an das Burgund des 15. Jahrhunderts jene an die anderen Epochen verdrängt, wahrscheinlich wegen der künstlerischen Pracht dieser Zeit. Doch man sollte niemals »nie« sagen. Vielleicht kommt noch der Tag, an dem die Bürger von Genf, Basel, Grenoble, Arles, Lyon, Dijon und Besançon ihre Banner entrollen und ihre Hymne singen werden: »Burgund ist nicht vergangen, so lange wir leben!« Und dann laden sie vielleicht einen Vertreter oder eine Delegation aus Bornholm zu ihren Feierlichkeiten ein.
Die »Anmerkung A« von Bryce über die burgundischen Reiche umfasste zehn Punkte und er erwähnte einen möglichen elften. Bryce beschäftigte sich nicht mit den Provinzen des Ancien régime und konnte aus offensichtlichen Gründen auch die heutigen Regionen nicht aufnehmen. Dennoch ist seine Aufzählung von zehn oder elf »burgundischen Reichen« eindeutig zu kurz. Je nach Definition gab es fünf, sechs oder sieben Königreiche, zwei Herzogtümer, eine oder zwei Provinzen, eine Frei- oder Pfalzgrafschaft, eine Landgrafschaft, ein Gebilde, das man als »Vereinte Staaten« bezeichnen könnte, einen Reichskreis und zumindest eine Verwaltungsregion. Damit umfasst die Liste mindestens 13 und maximal 16 Staaten. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, kann man durchaus davon sprechen, dass es in der Geschichte insgesamt 15 burgundische Reiche gegeben hat. Das erinnert an den lateinischen Wahlspruch von Philipp dem Guten Non Aliud (»Nichts anderes«) – den man frei vielleicht auch mit »Genug, aber nicht zu viel« übersetzen könnte.123
Es erscheint daher angebracht, die Auflistung von Bryce in überarbeiteter Form noch einmal aufzugreifen:
1. 410–436 |
Das erste burgundische Königreich von Gundahar (Bryce Nr. I) |
2. 451–534 |
Das zweite burgundische Königreich, gegründet von Gundioch |
3. um 500–734 |
Das dritte (fränkische) Königreich Burgund (Bryce Nr. II) |
4. 843–1384 |
Das französische Herzogtum Burgund (Bryce Nr. X) |
5. 879–933 |
Das Königreich Niederburgund (Bryce Nr. III) |
6. 888–933 |
Das Königreich Hochburgund (Bryce Nr. IV) |
7. 933–1032 |
Das vereinte Königreich der beiden Burgund (Königreich Arelat) (Bryce Nr. V) |
8. um 1000–1678 |
Die Frei- oder Pfalzgrafschaft Burgund (Franche-Comté) (Bryce Nr. VII) |
9. 1032–? |
Das Königreich Burgund im Heiligen Römischen Reich |
10. 1127–1218 |
Das Herzogtum Klein-Burgund im Heiligen Römischen Reich (Bryce Nr. VI) |
11. 1127 |
Die Landgrafschaft Burgund im Heiligen Römischen Reich (Bryce Nr. VIII) |
12. 1384–1477 |
Die vereinten »Staaten von Burgund« (Machtbereich des Hauses Burgund) |
13. 1477–1791 |
Die französische Provinz Burgund (Bourgogne) |
14. 1548–1795 |
Der Burgundische Reichskreis (Bryce Nr. IX) |
15. seit 1982 |
Die gegenwärtige französische Region Bourgogne |
Sucht man nach Informationen, geht man heutzutage mit dem Computer ins Internet. Dort ruft man Suchmaschinen wie Webcrawler, Yahoo, Google oder Baidu auf, tippt ein Schlüsselwort ein, klickt einmal mit der Maus, und im Handumdrehen erscheinen unzählige »Treffer«. Nach Meinung von Traditionalisten, die noch auf herkömmliche Rechercheverfahren setzen, bringt die neue Technik aber häufig unbrauchbare Ergebnisse.
Im Falle von »Burgund« ergab eine Suche bei Google (im Februar 2009) rund 23,9 Millionen Einträge. Die Liste wurde verlängert durch die Option, den Schlüsselbegriff oder die Schlüsselbegriffe definieren zu lassen. Der Klick auf »Definition«, der von der Seite » answers.com« bereitgestellt wurde, erbrachte Folgendes:
Burgund Eine historische Region und frühere Provinz im Osten Frankreichs. In dieser Region wurde erstmals im 5. Jahrhundert von den Burgundern, einem germanischen Volk, ein Königreich begründet. Auf dem Höhepunkt seiner Macht im 14. und 15. Jahrhundert beherrschte es große Gebiete in den heutigen Niederlanden, in Belgien und Nordostfrankreich. Im Jahr 1477 wurde es durch Ludwig XI. in die französischen Kronlande eingegliedert.124
Man möchte ja nicht unnötig pedantisch sein, doch wer nach genauen Informationen sucht, sei gewarnt: Jeder Satz in der vorstehenden Definition enthält falsche oder irreführende Behauptungen. So liegt beispielsweise das Gebiet, in dem die Burgunder erstmals ein Königreich errichteten, nicht in Ostfrankreich.
Doch man sollte mit den Autoren von » answers.com« auch nicht zu hart ins Gericht gehen. Wenn es insgesamt 15 burgundische Reiche gegeben hat, dann haben sie drei erfasst, also 20 Prozent, was bei näherer Betrachtung gar nicht so übel ist. Dazu kommt, dass ihre fehlerhaften Informationen aus glaubwürdigen Quellen stammen. The Britannia Concise Encyclopedia , auf die sich » answers.com« stützt, definiert Burgund als eine »historische und administrative Region, Frankreich«. In der Wikipedia-Enzyklopädie ist die Rede von einer »historischen Region im heutigen Frankreich und der Schweiz die im 4. Jahrhundert von den Römern … den Burgunder zugewiesen wurde, die dort ihr eigenes Königreich errichteten«.125
Die Unterschiede zwischen diesen Definitionen sind augenfällig. Gemeinsam ist ihnen aber der Aspekt der Unbeweglichkeit: Sie versuchen beide, den Begriff Burgund fest mit einem bestimmten Gebiet zu verknüpfen. Keine erfasst das wesentliche Merkmal, nämlich dass der Name Burgund im Laufe der Geschichte eine komplexe Wanderung vollzogen hat.
Studenten werden häufig davor gewarnt, sich Informationen aus dem Internet zu beschaffen. Als besonders suspekt gilt Wikipedia, die in Gemeinschaftsarbeit erstellte freie Online-Enzyklopädie. »Wie kann man hier die Angaben überprüfen?«, lautete eine häufig gestellte Frage. »Die Leute können doch schreiben, was ihnen gerade einfällt.« Derartige Befürchtungen sind zweifellos nicht unbegründet. Doch damit geht meist die Annahme einher, dass die traditionellen, gedruckten Nachschlagewerke, »die anerkannten Autoritäten«, von vornherein verlässlicher und vertrauenswürdiger seien. Eine Probe aufs Exempel liefert ein Vergleich von Internetseiten mit den herkömmlicheren, akademischen Produkten.
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