Neben der bildenden Kunst blühte auch die Musik. Die Burgundische Schule entstand in der Herzogskapelle in Dijon, wo man bereits um die Jahrhundertwende den »burgundischen Geist im Lied« hören konnte.99 In der Folge verbreitete sie sich geografisch und veränderte sich auch stilistisch. Guillaume Dufay (um 1397–1470) aus Brabant war vermutlich der berühmteste europäische Komponist in dieser Zeit. Die spätere französisch-flämische Schule brachte eine Vielzahl von Talenten im Umfeld des genialen Joskin van de Velde (um 1450–1520) hervor, der besser bekannt ist unter dem Namen Josquin des Prez und die Polyphonie zu ihrer Vollendung führte.100
Die Literatur der Renaissance befasste sich mit vielen Gebieten von der Dichtkunst bis zur Philosophie. Erasmus von Rotterdam (1466–1536), der bedeutendste Humanist seiner Zeit, war ein Burgunder.101 Neben Latein entwickelten sich die französische und die niederländische Sprache, und die Vermischung der beiden Sprachen wurde als »ein Dialog zwischen zwei Kulturen« bezeichnet. Burgund bildete auch den Hintergrund für eines der wichtigsten historiografischen Werke des 20. Jahrhunderts, Johan Huizingas Herbst des Mittelalters (1919). Der Kulturhistoriker Huizinga, Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Leiden, entwickelte anhand einer detaillierten Analyse der Rituale, Kunstformen und Schauspiele am burgundischen Hof seine Theorie über den rohen und stark gefühlsbestimmten Charakter des Lebens im Spätmittelalter und widersprach damit der vorherrschenden Meinung, dass es eine von der Anmut der Renaissance, von Ästhetik und aufgeklärten Debatten bestimmte Zeit gewesen sei:
Als die Welt noch ein halbes Jahrhundert jünger war, hatten alle Geschehnisse im Leben der Menschen viel schärfer umrissene äußere Formen als heute. Zwischen Leid und Freude, zwischen Unheil und Glück schien der Abstand größer als für uns; was man erlebte, hatte noch jenen Grad von Unmittelbarkeit und Ausschließlichkeit, den die Freude und das Leid im Gemüt der Kinder heute noch besitzen. Jede Begebenheit, jede Tat war umringt von geprägten und ausdrucksvollen Formen, war eingestellt auf die Erhabenheit eines strengen, festen Lebensstils. Die großen Ereignisse: Geburt, Heirat, Sterben standen durch das Sakrament im Glanz des göttlichen Mysteriums. Aber auch geringere Geschehnisse, eine Reise, eine Arbeit, ein Besuch, waren von tausend Segnungen, Zeremonien, Sprüchen und Umgangsformen begleitet.102
Huizingas Werk war sehr einflussreich, doch es rief auch Ablehnung unter manchen seiner holländischen Kollegen hervor und Befremden bei seinem belgischen Freund Henri Pirenne.103
Trotz ihres außergewöhnlichen kulturellen Engagements stand die Politik für die burgundischen Herzöge im Vordergrund. Burgund tat sich sowohl durch seine Bemühungen zur Schaffung eines integrierten Staatswesens als auch durch seine höchst geschickte Diplomatie hervor. Zwar wurden Aufmüpfigkeiten gewaltsam unterdrückt, doch die Eigenheiten der verschiedenen Teilgebiete des Reiches wurden respektiert; die Herrschaftspraxis beruhte auf etablierten Verfahren und dem Bemühen um Konsens. In einem typischen Erlass vom 13. Dezember 1385 erfuhr die Stadt Gent sowohl die harte Hand ihres Herrschers als auch seinen Großmut:
Philipp I. von Frankreich, Herzog von Burgund, Graf von Flandern und Artois, Pfalzgraf von Burgund … tut es allen kund: unseren vielgeliebten Untertanen in unserer schönen Stadt Gent, die uns inständig angefleht haben, ihnen Gnade angedeihen zu lassen, dass [Wir] alle Übertretungen und Unbotmäßigkeiten verziehen haben … und dass [Wir] alle genannten Gebräuche, Privilegien und Rechte bekräftigen, sofern sie in vollem Umfange [Uns] gegenüber Gehorsam üben.104
Die burgundischen Herzöge nutzten ähnlich wie die englischen Monarchen ihre vielfach verschlungenen Verwandtschaftsverhältnisse, um ihren Anspruch zu untermauern, dass sie die wahren Könige Frankreichs seien, und insbesondere Philipp der Kühne beschäftigte sich eingehend mit den Angelegenheiten Frankreichs. Bei seinem Tod 1404 war seine Position als Vertreter des Hauses Valois und als unabhängiger Herrscher unangefochten. Doch er hatte auch Burgund nicht vernachlässigt. Er war ein vorzüglicher Weinkenner und untersagte in detaillierten Erlassen beispielsweise den Anbau der minderwertigen Rebsorte Gamay oder dass durch übermäßigen Einsatz vom Dünger der Quantität der Vorzug vor der Qualität gegeben werde. Kleinstädte wie Pommard, Nuits St. George und Beaune entwickelten sich während seiner Regierungszeit zu bedeutenden Zentren des Weinhandels. In einem seiner Güter im Château de Santenay an den Hängen der Côte d’Or werden noch heute Weine produziert, die seinen Namen tragen.105 Außerdem war er der erste Bauherr des Palais de Duc in Dijon.106
Phihpps Sohn Jean sans Peur (Johann Ohnefurcht), der als junger Kreuzritter bei Nikopolis gegen die Türken gekämpft hatte, festigte die Macht und den Einfluss des Hauses Burgund. Nach endlosen Auseinandersetzungen mit seinen französischen Verwandten wurde er im September 1419 vom Dauphin zu einer Unterredung auf die Brücke von Montereau in der Nähe von Paris gelockt und dort von dessen Begleitern ermordet.107 Johanns Sohn Philippe le Bon (Philipp der Gute) war als junger Mann Graf von Charolais und führte die burgundischen Lande zu hohem Ansehen und Wohlstand. Er vergrößerte sie durch den Erwerb von Namur und Luxemburg, durch die Eroberung von Holland, Seeland und Friesland in den sogenannten Kalten Kriegen und durch das Erbe von Brabant, Limburg und Antwerpen. Ganz und gar unbescheiden, stellte er sich gerne als »Großherzog des Westens« vor.108
Die Bestattung von Philipp dem Guten wird häufig als eines der prunkvollsten burgundischen Schauspiele gerühmt. Sie fand 1467 in Brügge statt und wurde ausführlich vom Hofchronisten Chastellain beschrieben. Hunderte schwarz gekleidete Trauergäste wurden auf Kosten des Hofes mit Umhängen ausgestattet, die ihren gesellschaftlichen Status zum Ausdruck brachten. In der Kirche St. Donatian in Brügge waren so viele Kerzen entzündet worden, dass man die Buntglasfenster durchbrechen mussten, um die Hitze entweichen zu lassen. Zwanzigtausend Zuschauer verfolgten den Fackelzug:
Die sterblichen Überreste von Herzog Philipp … wurden in einen geschlossenen bleiernen Sarg gebettet, der mehr als 240 Pfund wog. Ein goldenes Tuch, das 32 Ellen maß und mit schwarzem Satin besetzt war, bedeckte den Sarg. Zwölf Armbrustschützen der Garde trugen ihn, während das goldene Sargtuch von 16 Baronen gehalten wurde … Ein Baldachin, der auf vier großen Stangen ruhte, wurde von vier burgundischen Edlen in die Höhe gehoben: den Grafen von Joigny, Bouquan und Blancquehain sowie dem Seigneur von Chastelguion. Unmittelbar dahinter gingen Meriadez, der Oberstallmeister … und der fürstliche Beisetzungsleiter. Er trug das Herzogsschwert seines verstorbenen Herrn, das in seiner reich verzierten Scheide steckte und mit der Spitze auf den Boden zeigte.109
Während der Beisetzung wurde das Schwert, ähnlich wie im französischen Hofzeremoniell, an Karl übergeben, den Sohn und Erben des Verstorbenen. Dies symbolisierte die Kontinuität der fürstlichen Herrschaft – es wies aber auch bereits darauf hin, dass Karl sich des Schwertes ausgiebig bedienen sollte.
Charles le Téméraire erhielt die Beinamen »der Kühne«, der »Tapfere« oder auch »der Schreckliche«. Er war Sohn einer portugiesischen Prinzessin und aufgrund aufeinanderfolgender Eheschließungen Schwager der Könige von Frankreich und von England. Seine kriegerische Einstellung zeigte sich schon vor dem Tod seines Vaters, als er 1466 in der aufständischen Stadt Dinant alle Männer, Frauen und Kinder töten ließ. Sein größter Fehler war, dass er gleichzeitig alle Nachbarn gegen sich aufbrachte, und während der komplizierten burgundischen Kriege in den 1470er-Jahren verbündeten sich schließlich seine Feinde gegen ihn. Bald sah er sich im Westen von Ludwig XI. von Frankreich bedrängt, der auch »der Listige« oder »die Spinne« genannt wurde, und im Osten von den Lothringern, den Kaiserlichen und den Schweizern.110
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