Nur vier Herrscher regierten die Staaten von Burgund im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts: Philipp der Kühne/Filips de Stoute (reg. 1364–1404), Johann Ohnefurcht/Jean sans Peur/Jan zonder Vrees (reg. 1404–1419), Philipp der Gute/Philippe le Bon/Filips de Goede (reg. 1419–1467) und Karl der Kühne/Carles le Téméraire/Karel de Stoute (reg. 1467–1477). Die niederländischen und flämischen Historiker haben natürlich eigene Bezeichnungen gefunden. Bei der Auflistung jener Herrscher, die zugleich Herzog und Graf waren, werden auch die nichtburgundischen Grafen von Flandern und Artois berücksichtigt. Zu den burgundischen Landen gehörten aber nicht nur die beiden Burgund sowie Flandern und Artois. Karl der Kühne beispielsweise besaß 15 Titel: Graf von Artois, Herzog von Limburg, Herzog von Brabant, Herzog von Lothringen, Herzog von Burgund, Herzog von Luxemburg, Pfalzgraf von Burgund, Markgraf von Namur, Graf von Charolais, Graf von Seeland, Graf von Flandern, Graf von Zutphen, Herzog von Geldern und Graf von Holland.89
Keiner der burgundischen Herrscher war tatsächlich König, sie waren lediglich Herzöge. Doch mit ihrem höfischen Glanz, ihrem Reichtum, ihren Städten und ihrem üppigen Mäzenatentum übertrafen die Burgunder fast alle gekrönten Häupter dieser Zeit und waren de facto Könige, wenn sie diesen Titel auch nicht trugen.90
Die territoriale Basis des neuen politischen Gebildes unterschied sich deutlich von jenem der vorgehenden burgundischen Reiche. Den Kern bildeten zwar das Herzogtum und die Grafschaft im Süden, doch der größere Teil des burgundischen Länderkomplexes lag in den Küstengebieten im Norden, und der Hauptteil des historischen Burgund wurde davon nicht umfasst. Das persönliche Erbe von Margarete von Dampierre, die aus Brügge stammte, war wesentlich größer und reicher als das ihres Ehemannes. Es erstreckte sich von den ehemals französischen Grafschaften Vermandois und Panthieu bis zu den früher deutschen Grafschaften Holland und Geldern und schloss alle großen niederländischen Städte ein: Amiens, Arras, Brügge, Gent, Brüssel und Amsterdam. Mehrere Lücken im Flickenteppich – Utrecht, Cambrai, Lüttich und Luxueil – waren abhängige Fürstbistümer. Eines der Fragmente des ehemals zum Heiligen Römischen Reich gehörenden Burgund, an dem die deutschen Könige festhielten, war die Grafschaft Neuchâtel (heute ein Kanton in der Nordwestschweiz). Dies wurde möglich, weil König Rudolf I. Neuchâtel in seinen persönlichen Besitz nahm, bevor er es als Lehen an einen seiner Gefolgsmänner übergab. Da dieses Gebiet nahe an Deutschland lag, kümmerte sich der König fortlaufend darum, und so konnte es sich bis zum Westfälischen Frieden 1648 den Zugriffsversuchen sowohl des Hauses Valois-Burgund als auch der schweizerischen Eidgenossen entziehen.91 Von 1707 bis 1806 gehörte es seltsam genug zu Preußen.
Im 15. Jahrhundert erlebten die mittelalterlichen Städte eine Blütezeit. Es bildeten sich zwei bedeutsame Zentren heraus, Norditalien und die Niederlande (d.h. die burgundischen Staaten), die auch zu den Geburtsstätten der Renaissance wurden. Kunst und Gelehrsamkeit gingen Hand in Hand mit Wirtschaft und Handel:
Brügge, zu dieser Zeit die weltläufigste Handelsstadt im nordwestlichen Europa, war unzweifelhaft das pulsierende Herz [von Burgund]. Hunderte Ausländer hatten sich hier niedergelassen … Mindestens zwölf »Nationen« von fremden Kaufleuten … genossen rechtlichen Schutz. Vierzig oder fünfzig Kaufleute der Hanse hielten sich das gesamte Jahr in der Stadt auf. Noch zahlreicher waren die Süditaliener. Außerdem gab es Katalanen, Kastilier, Portugiesen, Basken, Schotten und Engländer.
Brügge war das Zentrum eines weit verzweigten Netzes. Für den sechs Wochen dauernden Pfingstmarkt verließen alle Ausländer Brügge … und begaben sich nach Antwerpen. Dort beherrschten sie den Handel mit teuren Stoffen wie Leinen und Samt und mit Gütern aus Übersee wie Gewürzen, Wein, Öl, tropischen Früchten, Zucker und Pelzen. Somit können wir uns Brügge an der Spitze der Pyramide vorstellen, Antwerpen an der zweiten Stelle und dazu Gent und Ypern als regionale Marktorte.
Seit dem 13. Jahrhundert hatten italienische Firmen den Herrschern der Niederlande Kredite gewährt … Herzog Philipp der Kühne unterhielt enge Beziehungen zu Dino Rapondi, einem Bankier aus Luca … Dino ließ sich in Flandern nieder und lieh dem Herzog und den Städten große Summen Geldes … Mit einem Wechsel über sechzigtausend Franc, einzulösen in Venedig, und einem umfangreichen Darlehen stellte Dino das Lösegeld für Johann Ohnefurcht bereit, der von den Türken 1396 gefangen genommen worden war.92
Die Herrscher des Hauses Burgund unterhielten keinen ständigen Hof. Ihr Heimatstandort war der »Palais de Duc« in Dijon, wo sie den Winter verbrachten, doch im Frühjahr begaben sie sich auf ihren jährlichen Zug; regelmäßige Anlaufstellen waren die alten Grafensitze in Hesdin im Artois und in Mechelen in der Nähe von Antwerpen. Zeitgenossen beschrieben immer wieder ihren Glanz und Prunk. Die Bezeichnung »burgundisch« ist zu einem Inbegriff für teure Kleidung, aufwändige Lebenshaltung und ausgelassenes Feiern geworden. Die Umzüge und Festspiele zum »Einzug« der Herrscher und ihrer Gäste wurden bewusst als politische Schauspiele inszeniert. Der burgundische Hof fühlte sich ausnahmslos allen seinen Nachbarn ebenbürtig:
Der König von Frankreich … reiste nach Troyes in der Champagne … Er wurde begleitet von seinem Onkel, dem Herzog von Bourbon, dem Herzog von Tourraine und vielen anderen Rittern … Bei seinem Einzug in Dijon wurde er von der Herzogin von Burgund mit hohem Respekt und Zuneigung empfangen, und alle, die gekommen waren, erwiesen ihm die Ehre. Große Volksbelustigungen wurden bei dieser Gelegenheit veranstaltet, und der König weilte acht Tage in Dijon.93
Die herrschenden Kreise Burgunds pflegten die Kunst und das Ritterethos mit beispielloser Leidenschaft. Im Jahr 1430 wurde der Ritterorden vom Goldenen Vlies gegründet, der dem englischen Hosenbandorden nachempfunden war. Mit seinen Ritualen und Zeremonien stellte er alle anderen Ritterorden in den Schatten. Das Ordensabzeichen, ein an einer Collane hängendes Widderfell, waren mit den Worten Pretium Laborum Non Vile (»Kein geringer Preis der Arbeit«) versehen.94 Dass ein nichtchristlicher Hintergrund für den Orden gewählt wurde, signalisierte nach außen ein gewisses Interesse an der Antike. Gleiches gilt für die Manuskripte und literarischen Werke wie Épopée troyenne (»Trojanisches Epos«), die die Bibliotheken der burgundischen Herrscher schmückten. William Caxton, der erste englische Buchdrucker, brachte 1473 ein Recuyell of the Histories of Troye heraus, das auf einem burgundischen Original beruhte.95
Die Malerei der flämischen Schule, ein zentraler Bestandteil der Renaissance in den Niederlanden, entwickelte sich mit burgundischer Unterstützung. Maler wie Robert Campin (um 1378–1444) und Jan van Eyck (um 1390–1441), die beide für den Grafen von Holland und Philipp den Kühnen arbeiteten, Roger van der Weyden (um 1400–1464) und Hans Memling (um 1430–1494), ein Deutscher, der sich in Brügge niederließ, trugen maßgeblich zur Verweltlichung der europäischen Kunst bei. Sie wandten sich aufgeschlossen neuen Genres zu, wie etwa Porträts, Stillleben, Alltagsszenen und Landschaften.96 Auch herausragende Bildhauer wurden gefördert. Der Niederländer Claus Sluter (um 1350–1405) wurde Hofbildhauer in Dijon. Sein bekanntestes erhalten gebliebenes Werk ist der Mosesbrunnen , der für die Grabkirche der Herzöge von Burgund im Kloster Champmol geschaffen wurde.97 Auch Tapisserien waren eine burgundische Spezialität. Die aufwändige Technik des Einwebens von Goldfäden in farbige textile Flächengebilde wurde in Arras erfunden. Im 15. Jahrhundert konnten die tapissiers große Wandteppiche anfertigen, die Schlachten, historische Szenen, Legenden und Landschaften darstellten.98
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