Die Schweiz, die sich mittlerweile große Teile des früheren »Hochburgund« einverleibt hatte, erwies sich als der gefährlichste Gegner des burgundischen Reiches. In drei Schlachten wurde Karl gedemütigt, ausgespielt und schließlich vernichtet. In der Schlacht bei Grandson im Kanton Waadt (2. März 1476), wo er zuvor die Garnison massakriert hatte, wurden Karls Truppen in die Flucht geschlagen, und den Eidgenossen fiel in deren zurückgelassenen Lagern reiche Beute in die Hände, darunter auch Karls silberne Badewanne. In der Schlacht am See von Morat (Murten) im Kanton Bern (22. Juni 1476) wurde Karls Armee praktisch ausgelöscht, und viele seiner Soldaten ertranken. Bei der Belagerung von Nancy (5. Januar 1477) fand auch Karl schließlich den Tod. Der Chronist Philippe de Commynes berichtete, was er erfahren hatte:
Die wenigen Soldaten des Herzogs … die in schlechter Verfassung waren, wurden sogleich entweder getötet oder in die Flucht geschlagen … Der Herzog von Burgund fiel im Feld … Wie dies geschah, wurde mir von Gefangenen erzählt, die sahen, wie er zu Boden gestoßen wurde … Eine Gruppe von Soldaten stürzte sich auf ihn, tötete ihn und beraubte seinen Leichnam, ohne ihn zu erkennen. Dieser Kampf … fand am Vorabend der Erscheinung des Herrn statt. [Zwei Tage später] wurde der nackte Leichnam des Herzogs, der mitüerweile zu einem Eisklumpen gefroren war, erkannt: Der Kopf war bis zum Kinn von einer schweizerischen Hellebarde gespalten und der Leib mehrfach von schweizerischen Lanzen durchbohrt worden.111
Commynes, der früher Karl dem Kühnen gedient hatte, traf ein hartes Urteil. »Nicht einmal halb Europa«, schrieb er, »hätte ihm genügt.«112
Als »Beute von Burgund« wurden die vielen kostbaren Kunstgegenstände bezeichnet, die den Schweizern bei Grandson in die Hände fielen und die später auf dem europäischen Kunstmarkt auftauchten,113 doch diese Bezeichnung lässt sich auch auf das Schicksal des gesamten burgundischen Herrschaftsverbunds beziehen. Im Laufe weniger Jahre zerfiel der Machtbereich der burgundischen Herzöge und Grafen. Das Herzogtum, das schnell von französischen Truppen besetzt wurde, fiel an Frankreich. Die Freigrafschaft, »Franche-Comté«, kam einige Zeit später zum Heiligen Römischen Reich. Damit war die Verbindung zwischen dem Herzogtum und den Niederlanden durchtrennt.
Die 19 Jahre alte Tochter des verstorbenen Herzogs, Maria von Burgund (1457–1482), konnte sich nun vor Freiern kaum mehr retten. Da sich die Franzosen ihr Herzogtum angeeignet hatten, blieben ihr nur noch die Niederlande. Doch auch dort brodelte es. Die niederländischen Adeligen wollten ihr erst dann zu heiraten erlauben, wenn sie ihnen ein »Großes Vorrecht« eingeräumt und alle Verpflichtungen aufgehoben hatte, die ihnen ihr Vater auferlegt hatte. Schließlich durfte Maria ihre freie Wahl treffen, und sie entschied sich für Maximihan von Habsburg, den Sohn des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Die Hochzeit fand in Gent am 19. August jenes Jahres statt, das mit der Schlacht von Nancy begonnen hatte. Fünf Jahre später lebte Maria nicht mehr – sie kam bei einem Sturz vom Pferd ums Leben114 –, doch in dieser kurzen Zeit hatte sie drei Kinder zur Welt gebracht, die das politische Vermächtnis ihrer Heirat sicherten. Ihr verwitweter Ehemann wurde Erbe des Kaisertitels, ihr Sohn Philipp IV. heiratete die Königin von Aragónien und Kastilien, und ihr Enkel, Karl von Gent, Keizer Karel, besser bekannt als Kaiser Karl V., sollte die größte Ansammlung von Titeln und Territorien sein eigen nennen, die jemals ein europäischer Monarch besaß.115
In geografischer Hinsicht war das bedeutendste Ergebnis der Regelung von 1477 die dauerhafte Trennung des Herzogtums Burgund vom Rest des »Burgundischen Erbes«. Das Herzogtum kehrte zurück in das Königreich Frankreich, in dem es als »Bourgogne« eine der Provinzen des Ancien regimes wurde. Die restlichen Gebiete fielen an die Habsburger, die für zusätzliche Verwirrung sorgten, indem sie den Titel »Herzog von Burgund« annahmen, ohne das Herzogtum zu besitzen. Der Titel des Herzogs von Burgund, den alle habsburgischen Kaiser von 1477 bis 1795 führten, bezog sich daher auf ein ganz anderes Gebiet als jenes, das einst dem Titel »König von Burgund« zugrunde gelegen war und den die früheren Kaiser verwendet hatten.
Die Freigrafschaft entwickelte sich in eine andere Richtung. Im Jahr 1477 wurde sie von Frankreich annektiert, aber 16 Jahre später kam sie durch den Vertrag von Senlis wieder zum Heiligen Römischen Reich und wurde von den Habsburgern als „heimgefallenes Lehen“ [A. d. Red.] dem »Burgundischen Erbe« hinzugefügt. Ihr Status wurde 1512 bekräftigt, zu einer Zeit, als der Titularherzog Karl II., (der noch nicht Kaiser Karl V. war) die Schaffung einer neuen Verwaltungseinheit, des Burgundischen Reichskreises , erwog.116 Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert gab es im Heiligen Römischen Reich zehn derartige Reichskreise. Der Burgundische Reichskreis, der formell 1548 gebildet wurde, ist das Reich Nr. IX auf der Liste von Bryce.
Doch der Frieden von Senlis hatte keinen Bestand, und so wurde ein dauerhafter Kriegszustand zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich zu einem bestimmenden Merkmal der modernen europäischen Geschichte. Im Zuge dieser Entwicklung wurde das Territorium des Burgundischen Reichskreises allmählich immer weiter verkleinert, wie es auch mit dem Königreich Burgund geschehen war. Im Jahr 1512 umfasste der Reichskreis 20 Landesherrschaften. Im Lauf der Jahre schrumpfte er immer mehr. Im Jahr 1555 wurde ein großer Teil der Burgundischen Niederlande in die Hoheit des Königreichs Spanien übertragen, doch 25 Jahre später löste sich die Hälfte dieser Provinzen aus der spanischen Herrschaft und gründete die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen (Vereinigte Niederlande). Als die verbliebenen Territorien schließlich 1715 von Spanien an Österreich zurückgeben wurden, bildeten nur noch acht der ursprünglich 20 Provinzen die »Österreichischen Niederlande«.117 (Das Herzogtum Lothringen dagegen, wo Karl der Kühne gestorben war, wurde nicht in den Reichskreis eingegliedert. Es blieb nominell unabhängig, und sein letzter Herrscher, le bon roi Stanislas (reg. 1735–1766), war ein arbeitsloser polnischer Monarch, dessen Tochter zufällig Königin von Frankreich war.118)
Auch die Entwicklung der Freigrafschaft, der »Franche-Comté«, verlief außergewöhnlich. Der Großteil der Region gelangte 1553 zusammen mit dem Rest des Reichskreises unter spanische Herrschaft. Doch die Hauptstadt dieses Gebietes, Besanz (Besançon), blieb bis 1651 eine Reichsstadt innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Dann war es eine Generation lang die Hauptstadt des »El Contado Franco«, bis es 1678 durch den Vertrag von Nijmegen zusammen mit dem übrigen Territorium an Frankreich abgetreten wurde, wodurch die letzte Verbindung des Heiligen Römischen Reiches mit seinem früheren Königreich Burgund beseitigt wurde.119
Die Provinzen Bourgogne und Franche-Comté waren von der Regierungszeit Ludwigs XIV. bis zur Französischen Revolution Bestandteile des Königreichs Frankreich. Die Einwohner der Bourgogne, die von Dijon aus verwaltet wurde, hießen offiziell Bourguignons und Bourguignonnes; die Bewohner der Franche-Comté, deren Verwaltungszentrum Besançon war, nannte man Comtois und Comtoises. Im Jahr 1791 wurden beide Provinzen aufgelöst und durch republikanische Departements mit Namen ohne historische Bezüge ersetzt. Alles was mit dem Ancien régime zusammenhing, wurde verachtet und streng gemieden. Die Franzosen sollten sich nicht mehr als Bewohner einer bestimmten Provinz verstehen und das Königreich Frankreich vergessen, insbesondere die vielen burgundischen Reiche.120
Der moderne französische Staat ist bekannt für seine zentralisierte Verwaltungsstruktur. Im Laufe der beiden letzten Jahrhunderte hat sich jedoch vieles verändert. Die revolutionäre Republik wurde vom Kaiserreich abgelöst; darauf folgten ein restauriertes Königtum, eine zweite Republik, ein zweites Kaiserreich und dann eine dritte, vierte und fünfte Republik. Eines hat sich in dieser Zeit aber nicht geändert: Paris gab die Richtung vor, der Rest von Frankreich folgte.
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