»Mein lieber Scholli«, sagte Lenz. »Bis eben hatten wir noch einen zu Tode gefolterten alten Mann ohne Namen, jetzt handelt es sich wahrscheinlich um einen hingerichteten ehemaligen KZ-Wärter.« Während er das sagte, wurde ihm die ganze Tragweite bewusst: Aus einem gewöhnlichen Mord, wenn auch mit ungewöhnlichen Mitteln, wurde von einer Sekunde auf die andere ein hochbrisanter politischer Fall. In diesem Moment hoffte er inständig, dass der Tote nicht Anton Kottmann war.
»Da wird uns Ihre Frau Finke aber einiges zu erklären haben«, ätzte Gina Gladow.
Lenz ging nicht auf die Formulierung ein. »Sehen Sie nach, was Sie sonst noch finden«, ordnete er an.
Während die Kommissarin sich die letzte Schublade des Nachtschränkchens vornahm, trat er wieder vor den Kleiderschrank, durchwühlte rücksichtslos alle Fächer und tastete auch die Hosen, Hemden und Jacketts ab, ohne jedoch irgendetwas zu finden.
»Nichts weiter«, meldete Gina Gladow. »Nur der Personalausweis und der Führerschein.«
»Gut. Wir versiegeln das Zimmer. Die Spusi soll sich hier einmal gründlich umsehen.«
Während Lenz auf dem Flur die Zimmertür zuzog, schlug ihnen von der Sitzecke aufgeregter Lärm entgegen. Wolfgang stand vor einer Gruppe alter Männer und Frauen und versuchte, sie mit pumpenden Handbewegungen zu beruhigen. Während Lenz umständlich ein Siegel aus einer Tasche hervorkramte, lief Gina Gladow schon einmal vor. Schließlich näherte sich auch Lenz dem Tumult, der immer lauter und ungehaltener wurde.
»Sagen Sie mal«, schmetterte ihm ein alter Mann mit Glatze entgegen, der sich schwer auf einen Krückstock stützte, »klärt uns jetzt vielleicht einmal jemand auf, was das alles hier soll? Was ist mit dem Kameraden Kottmann? Wolfgang und die Politesse hier wollen uns nichts sagen!«
Lenz seufzte und informierte die alten Leute mit knappen Worten sachlich über den Leichenfund in Wewelsburg. »Ob es sich dabei um Ihren Mitbewohner handelt, müssen wir aber erst noch abschließend klären.«
»Wie lange wollen Sie sich das eigentlich noch mit ansehen?«, giftete der alte Mann. »Sie glauben wohl, nur weil wir alt sind …« Er ließ in der Schwebe, was die Polizeibeamten seiner Ansicht nach genau glaubten.
»Das ist doch Unsinn«, entgegnete die junge Kommissarin wenig taktvoll und rief entsprechende Entrüstung in den faltigen Gesichtern hervor. »Wir sind sogar verpflichtet, jedem Hinweis nachzugehen. Vor allem, wenn es sich um den Verdacht eines Kapitalverbrechens handelt.«
»Kapitalverbrechen?«, krächzte eine alte Frau. »Hier geht es nicht um Geld, Kindchen, hier geht es um Mord.«
»Das ist doch dasselbe!«, belehrte sie der Glatzkopf ungeduldig von oben herab.
»Was? Geld und Mord?« Die alte Dame war entsetzt.
»Nein. Kapitalverbrechen und Mord.«
»Was sollen wir uns nicht länger ansehen?«, bemühte sich Lenz in sachlichem Ton um eine Beruhigung der Lage.
»Die Politesse hier nimmt uns nicht ernst«, schimpfte ein Mann mit stattlicher Statur, griechisch anmutender Kopfform und weißem Lockenschopf. »Nur weil wir alt sind und alte Leute Geld kosten, ist unser Leben in diesem Staat nichts mehr wert. Wir können ruhig sozialverträglich umgebracht werden. Dafür bekommt der Mörder dann am Ende noch das Bundesverdienstkreuz.«
Inzwischen hatte der Lärm auch Kerstin Finke aus ihrem Büro gelockt. »Was ist denn nun schon wieder los, Herr Merschhaus?«
»Ja, Sie wollen von alldem natürlich nichts wissen«, giftete der. »Das schadet nur dem Ruf des Hauses, nicht wahr? Aber Mord ist Mord, da ändern auch Sie nichts dran.«
»So«, ging Lenz nun mit autoritär erhobener Stimme dazwischen. »Jetzt beruhigen wir uns alle mal wieder und setzen uns hin.« Als Merschhaus widersprechen wollte, brachte er ihn mit einer schneidenden Handbewegung zur Ruhe. »Wir sind hier, um Sie nach Ihren Beobachtungen und Befürchtungen zu fragen. Und ich erwarte, dass Sie uns nach Kräften unterstützen.«
Das beruhigte nicht nur Merschhaus. Lenz beobachtete gleichermaßen erstaunt wie erfreut, dass ihm sein Befehlston augenblicklich Respekt eingebracht hatte. Auch die anderen alten Leute murmelten zustimmend und nach und nach ließen sich alle in der Sitzecke nieder.
»Was ist denn nun passiert?«, fragte Lenz jovial und vollführte eine einladende Geste. »Herr Merschhaus, bitte.«
»Wir haben dieser jungen Dame hier …«, er wies mit abfälliger Mimik auf Gina Gladow, »gesagt, dass das nicht der erste Mord in diesem Haus ist.«
»Herr Kottmann wurde nicht hier ermordet!«, ging Kerstin Finke dazwischen. »Niemand ist hier jemals ermordet worden!«
Lenz gab ihr gestisch zu verstehen, dass sie ihn einfach mal in Ruhe machen lassen sollte, und hakte nach: »Was wollen Sie damit andeuten, Herr Merschhaus?«
»Andeuten will ich gar nichts«, stellte der alte Mann herrisch klar. »Ich klage an. Vor drei Monaten ist eine weitere Mitbewohnerin in diesem Haus vergiftet worden. Für mich deutet das ohne jeden Zweifel auf einen Serientäter hin.«
»Langsam, Herr Merschhaus. Was ist genau passiert?«
»Elfriede Gerken«, rapportierte Merschhaus zackig. »Lag morgens tot in ihrem Bett. Angeblich Herzversagen.« Er lachte laut auf. »Ha! Elfi und Herzversagen! Von wegen. Am Abend vorher haben wir noch getanzt und am Morgen war sie plötzlich tot. Vergiftet worden ist die Elfi! Darauf verwette ich mein Ritterkreuz!«
Kerstin Finke war inzwischen vor Wut rot angelaufen und tigerte mit vor der Brust verschränkten Armen und gesenktem Blick vor der Sitzecke auf und ab. Die platzt gleich, dachte Lenz. Noch fünf Minuten und sie bekommt einen Herzinfarkt.
»Frau Finke«, sprang er ihr zur Hilfe, »was sagen Sie denn zu der Sache?«
Die Residenz-Leiterin hatte sichtbar Mühe, zumindest nach außen hin Ruhe zu bewahren. Sie atmete mehrmals tief durch, bevor sie mit gepresster Stimme antwortete: »Frau Gerken war 93 Jahre alt. Als wir sie morgens in ihrem Bett gefunden haben, haben wir gleich unsere Hausärztin gerufen. Die hat sie gründlich untersucht …«
»Ha!«, rief Merschhaus dazwischen. »Gründlich untersucht! Elf Minuten war sie in Elfis Zimmer. Elf Minuten! Ich habe auf die Uhr gesehen. Von wegen: gründlich untersucht! Die wusste doch schon vorher, was sie diagnostizieren sollte.«
»Herr Merschhaus, bitte!«, wies Lenz ihn zurecht und blickte dann Kerstin Finke aufmunternd an.
»Frau Dr. Reuther ist eine ausgewiesene Notfallärztin«, erklärte die Residenzleiterin bestimmt. »Sie hat eindeutig Herzversagen festgestellt. Ohne jeden Zweifel. Und genau so steht es auch im Totenschein.«
»Ihr steckt doch hier alle unter einer Decke.« Merschhaus sprang auf. »Einen nach dem anderen bringt ihr von uns um die Ecke. Und ich weiß auch warum: Weil wir euch lästig sind. Ihr habt Angst, dass wir euren guten Ruf gefährden. Deshalb müssen wir weg. Aber damit ist jetzt Schluss. Ab sofort lassen wir uns nur noch von Wolfgang helfen.« Die anderen Alten nickten und murmelten zustimmend. »Alle anderen Pflegekräfte haben absolutes Verbot, unsere Zimmer zu betreten.«
»So geht das nicht, Herr Merschhaus!« Kerstin Finke richtete sich auf und wurde mit einem Mal geschäftlich. »Ich leite dieses Haus und ich lasse mir von niemandem vorschreiben, wie ich das mache. Auch von Ihnen nicht, Herr Merschhaus. Glauben Sie mir, gerade bei den Bewohnern aus Trakt B täte es mir leid, wenn ich sie verlieren würde. Aber wenn es nicht anders geht, werde ich Ihnen allen kündigen!«
Nun richtete sich das aufgeregte Gemurmel der Alten gegen Merschhaus. Der japste entrüstet nach Luft und drehte sich schließlich zu den anderen um. »Krisensitzung!«, ordnete er an. »In fünf Minuten im Aufenthaltsraum. Wir lassen uns doch nicht drohen, Kameraden!« Gefolgt von den anderen marschierte er voraus und stieß eine Glastür so heftig auf, dass sie laut vor die Wand schlug. Der Pfleger Wolfgang wechselte einen unsicheren Blick mit seiner Chefin und folgte den alten Leuten dann mit besorgter Miene. Augenblicklich war die Sitzecke bis auf die Polizeibeamten und Kerstin Finke verwaist.
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