»Kerstin Finke«, stellte sich die Frau mit Handschlag vor. »Ich bin die Leiterin dieses Hauses. Kommen Sie wegen Herrn Kottmann?«
»Richtig, Frau Finke. Mein Name ist Stefan Lenz, das ist meine Kollegin Gina Gladow.« Lenz drehte dem Bob Marley für Arme betont den Rücken zu. »Können wir uns in Ihrem Büro weiter unterhalten?«
»Natürlich. Kommen Sie.« Sie federte ihnen voraus die Treppe hinauf und bog nach links in einen Flur ab, an dessen Glastür in schwarzen Klebebuchstaben Verwaltung stand.
Auch das Büro der Residenz-Leiterin hatte so gar nichts von dem üblichen Krankenhaus- oder Altersheim-Ambiente, wie Lenz es aus dem Ruhrgebiet kannte. Es war hell und farbenfroh und atmete eher die Atmosphäre eines CEO-Büros in einem aufstrebenden Internet-Startup. Vor dem Fenster breitete sich ein Schreibtisch mit einer Glasplatte aus, auf der ein stylischer Apple-PC coole Eleganz repräsentierte. Großformatige, hochglänzende Architektur-Fotos hinter Glasrahmen hingen an den Wänden. Die linke Seite des Raumes wurde von einer schwarzen Ledergarnitur mit Glastisch eingenommen. Dorthin wies Frau Finkes einladende Hand. Offenbar handelte es sich bei der Seniorenresidenz Friedenstal um eine exklusive und sicher sehr teure Einrichtung.
»Kann ich Ihnen etwas anbieten? Cappuccino, Wasser?«
»Ein Cappuccino wäre nett«, antwortete Lenz erfreut und nahm auf dem Sofa Platz.
»Für mich bitte ein Glas Wasser.« Gina Gladow setzte sich in einen der beiden Sessel und schlug sofort die Beine übereinander.
Lenz, der sich mit körpersprachlichen Signalen auskannte, nahm erfreut zur Kenntnis, dass sich seine Kollegin zwischen Frau Finke und ihm nicht wohlfühlte und hinter einer Mauer verschanzte. Sogar die Arme verschränkte sie nun vor ihrer Brust. Prima, den Moment würde er auskosten. Wer konnte schon wissen, wie oft er noch Gelegenheit dazu bekommen würde?
Kerstin Finke bediente einen Kapselautomaten und während rauschend und zischend nacheinander zwei Cappuccino-Tassen vollliefen, öffnete sie eine Flasche Mineralwasser und stellte sie mit einem Glas vor Gina Gladow auf den Tisch. Nachdem auch Lenz versorgt war, setzte sie sich mit ihrer Tasse in beiden Händen in den anderen Sessel und blickte ihn fragend an.
»Tja, Frau Finke«, begann er vorsichtig. »Wir haben heute Morgen einen alten Mann in Wewelsburg aufgefunden. Ob es sich dabei um Ihren Bewohner Anton Kottmann handelt, wissen wir leider nicht.«
Die Residenzleiterin blickte ihn verständnislos an. »Konnten Sie ihn nicht fragen? Ist etwas mit ihm passiert? – Was heißt überhaupt ›aufgefunden‹?«
»Nun, der Mann ist tot.«
Frau Finkes Cappuccino schwappte in der Tasse, als sie sie hart auf der Glasplatte absetzte. Mit heiserer Stimme fragte sie: »Was ist passiert?«
»Das wissen wir noch nicht. Fest steht bislang nur, dass es kein natürlicher Tod war.«
»Das heißt …«
»Jemand hat den Mann ermordet.«
»Ermordet?« Kerstin Finke schüttelte leicht den Kopf, während sie versuchte, das Gehörte langsam zu verarbeiten. »Und wie? Ich meine …«
»Er wurde mit einem Stein erschlagen«, kam es hart von Gina Gladow, während Lenz noch nach einer rücksichtsvollen Formulierung suchte.
»Erschlagen? Mit einem Stein?« Ungläubig wanderte Kerstin Finkes Blick zwischen Lenz und seiner Kollegin hin und her.
»Nachdem er zuvor ausgepeitscht und gefoltert worden ist«, ergänzte die Kommissarin kalt. »Und der Stein war auch eher ein Felsbrocken. War kein schöner Anblick. Das Gesicht ist nicht mehr zu erkennen.«
Lenz blitzte sie an. Es war nun wirklich nicht nötig, derart ruppig mit der armen Frau umzugehen. Schlimm genug, dass es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um einen ihrer Schützlinge handelte. Diese Details hätte man der Frau doch wohl ersparen können.
Konnte man nicht, fand seine junge Kollegin offenbar und zeigte Kerstin Finke zwei Tatortfotos auf ihrem Handy. Entsprechend schockiert zuckte die Residenz-Leiterin in ihrem Sessel zurück.
Gina Gladow zog mit zwei Fingern ein Foto auf. »Erkenne Sie vielleicht, ob es sich bei der Kleidung um die von Herrn Kottmann handelt?«
»Nein«, antwortete die Residenzleiterin wie paralysiert. Schließlich stand sie auf und ging ein paarmal schnell im Raum auf und ab. Zweimal blieb sie vor Lenz stehen, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, konnte das dann aber nicht und nahm ihren Weg wieder auf. Während Lenz der Tigerei besorgt folgte, drückte Gina Gladows Gesicht so etwas wie Belustigung aus, aber sie enthielt sich zu Lenz’ Erleichterung eines Kommentars.
Als Kerstin Finke endlich wieder saß und mit zittrigen Fingern abwesend an ihrem Cappuccino nippte, signalisierte der Hauptkommissar seiner Kollegin mit drohend erhobenen Augenbrauen, dass sie sich nun zurückhalten sollte, und erntete dafür ein Stirnrunzeln. »Hat Herr Kottmann irgendwelche besonderen Merkmale, die uns Sicherheit bringen könnten?«, fragte er.
»Besondere Merkmale? Nein.«
»Hat er vielleicht eine Narbe an der Innenseite des linken Oberarmes?«
Die Residenzleiterin sah ihn verständnislos an und hob und senkte die Schultern. »Da müsste ich unser Personal fragen. Allerdings bezweifle ich, dass Ihnen jemand diese Frage beantworten kann. Herr Kottmann benötigt nämlich keine Unterstützung bei der täglichen Pflege.«
»Tja, dann kann uns nur noch eine DNA-Probe weiterhelfen«, stellte Lenz fest, »vielleicht ein Kamm oder seine Zahnbürste. Um keine Zeit zu verlieren, möchten wir uns außerdem schildern lassen, wie Herr Kottmann aus Ihrer Residenz verschwunden ist. Die genauen Umstände und zeitlichen Abläufe könnten für uns gegebenenfalls bei der Suche nach dem Täter von Bedeutung sein.«
»Ja, natürlich.« Kerstin Finke atmete tief ein und aus und sammelte sich. »Also, das war am Dienstag. Unser Bufdi Mario hat die Bewohner, die noch fit genug sind, nach der Mittagsruhe hinunter in den Park gebracht. Das Wetter war ja für diese Jahreszeit ungewöhnlich schön, nicht zu kalt, kein Wind, die Sonne schien, eigentlich ideal. Das war so gegen fünfzehn Uhr. Als unser Pfleger Wolfgang sie dann gegen siebzehn Uhr wieder reinholen wollte, war Herr Kottmann nicht mehr da.«
»Wie: nicht mehr da?«, hakte Gina Gladow verständnislos nach. »Einfach weg? Können die hier ein- und ausgehen, wie sie wollen? Guckt denn zwischendurch niemand nach den alten Leuten?«
Lenz hätte sie erwürgen können, als er registrierte, wie Kerstin Finke bleich wurde und betroffen den Blick senkte.
»Doch, natürlich. Wann Herr Kottmann verschwunden ist, wissen wir nicht genau. Mario hat den Rest des Nachmittags am Empfang gesessen. Dort ist er nicht vorbeigekommen.«
»Gibt es noch einen anderen Zugang zum Park?«, beeilte sich Lenz mit der Nachfrage, weil Gina Gladow schon wieder den Mund öffnete.
»Ja, zur Seite des Gebäudes ist noch eine Zufahrt. Aber das Tor dort ist immer abgeschlossen und das war es auch am Dienstag. Ich habe das sofort kontrolliert.«
»Der alte Mann kann ja nicht verdunstet sein«, stellte Gina Gladow lapidar fest.
Lenz räusperte sich vernehmlich. Er würde nachher ein ernstes Wort mit seiner Kollegin wechseln. Offenbar musste die doch noch viel lernen. Vor allem, Anweisungen von Vorgesetzten zu folgen; selbst dann, wenn die nur mimisch ausgedrückt wurden. »Dann möchten wir mit Mario und Wolfgang sprechen«, stellte er an Kerstin Finke gewandt fest.
»Ja, natürlich.« Die Residenz-Leiterin sprang auf, ging zum Schreibtisch und griff nach dem Telefonhörer. »Gitta? Schickst du mal bitte jemanden runter zum Empfang, damit er Mario ablöst? Und dann sollen Mario und Wolfgang in mein Büro kommen. – Nein, nicht gleich, jetzt sofort! Danke.«
Lenz gefiel die professionelle Art, in der sie in kürzester Zeit die Fassung wiedergewonnen hatte. Dass er sie bewundernd anstarrte, merkte er erst, als er ihren fragenden Blick auf sich ruhen fühlte. Verlegen lächelte er sie an und konzentrierte dann seine ganze Aufmerksamkeit auf seinen Cappuccino.
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