1 ...8 9 10 12 13 14 ...26 So fremd ihm nun alles erschien, so glücklich waren doch Kindheit und Jugend gewesen, die Fabian Heller in diesem Haus verbracht hatte. Wie oft hatten er und sein Bruder den langen Flur genutzt, um mit ihren Pantoffeln als Schläger und einem Tennisball auf den Knien Hockey zu spielen! Und bei jeder sich bietenden Gelegenheit hatten sie sich dabei in die Wolle gekriegt. Die lebhaften Jahre mit den immer überarbeiteten Eltern und den ständigen Streitereien mit seinem Bruder standen in krassem Gegensatz zu der bedrückenden Atmosphäre, die das leere Haus mit seinen dunklen Möbeln jetzt gefangen hielt.
Heller betrat das großflächige Wohnzimmer, das wegen seiner Tiefe immer etwas schummerig wirkte, obwohl die gesamte Gartenseite aus hohen Aluminium-Fenstern bestand. An der gegenüberliegenden Wand schluckte ein fünf Meter langer Schrank aus Nussbaum das letzte Restlicht, das die dunkle Holzdecke, das dunkelbraune Cordsofa – eine sogenannte Rundecke – und der niedrige Nussbaumtisch in der Mitte des Raumes noch übrigließen.
Heller mied die Schranktüren, hinter denen, wie er wusste, Unmengen von Gläsern für jede Gelegenheit aufgereiht waren. Auch das Barfach mit dem ihm vertrauten Vorrat an Kräuterlikör, Apfel-, Kirsch- und Weizenkorn mied er. Er musste den Trauerschub ja nicht herausfordern. Außerdem gab es noch genügend Schranktüren, hinter denen sich all das verbarg, von dem seine Mutter sich nicht hatte trennen können, weil es für sie mit der Zeit verbunden war, als Fabian und sein Bruder noch Kinder gewesen waren und ihr Mann noch gelebt hatte, der viel zu früh – mit achtundvierzig Jahren – an Lungenkrebs verstorben war. Heller erkannte mit einem Mal, was ihn die ganze Zeit über schon so bedrückte: In diesem Haus war ein vergangenes Menschenleben zu einer Momentaufnahme eingefroren. Und dieses Leben hatte dem Menschen gehört, mit dem er naturgemäß am engsten verbunden gewesen war.
In den Schubladen fanden sich das gute Silberbesteck und eine braune, geflochtene Ledermappe mit Papieren, die Heller herausnahm und auf den Tisch legte. Dann flüchtete er aus der emotionalen Enge des Wohnzimmers durch den Flur ins Büro, weil er sich durch das geschäftsmäßige Ambiente wieder etwas mehr Distanz versprach.
Aber auch hier war seine Mutter allgegenwärtig: in den sauber angespitzten und parallel aufgereihten Bleistiften auf dem Schreibtisch ebenso wie in den per Hand beschrifteten Aktenordnern im Regal. Der alte Schrank mit den Glasscheiben – der erste Wohnzimmerschrank seiner Eltern von vor über fünfzig Jahren – enthielt die Heidi-Bücher aus der Kindheit seiner Mutter. Dieser Raum zeichnete mehr als alle anderen im Haus ihr gesamtes Leben nach. Als dann noch Fabians Blick auf Fotos seiner Eltern an der Wand fiel, war es um ihn geschehen. Er ließ sich auf den Bürostuhl fallen und flennte wie ein kleines Kind. Dabei hatte er sich selbst bei der Beerdigung seiner Mutter auf dem Friedhof als herzlos beschimpft, weil er nicht hatte weinen können. Mit einem Schlag wurde ihm nun bewusst, dass mit seiner Mutter die Letzte aus der Generation vor ihm verschwunden war. Ein Gefühl von Verlassensein und Einsamkeit sorgte dafür, dass sich alle Schleusen öffneten.
Schließlich wischte er sich die Tränen ab und wandte sich dem alten Schrank zu. Was nützte es? Irgendwann musste er sich den Tatsachen stellen und je eher er es tat, desto schneller war es überstanden. In einem der Fächer fand er, was er gesucht hatte: die Fotoalben, deren verschossene hellblaue und orangene Leinenbezüge darauf hindeuteten, dass sie sehr alt waren. Ein erstes zaghaftes Durchblättern bestätigte das, denn es handelte sich auf den von transparentem Seidenpapier getrennten Seiten überwiegend um Schwarz-Weiß-Fotos mit gezackten Rändern in vergilbten Fotoecken. Auf einigen Bildern war das kleine Mädchen zu sehen, an das er sich vorhin im Stau auf der Autobahn erinnert hatte. Glücklich und unbeschwert lächelte es in die Kamera und präsentierte stolz ihre Zöpfe, die bis zu den Hüften hinunterreichten.
Schnell schlug Heller das Album wieder zu, weil er in Sachen Emotionen heute für nichts mehr garantieren konnte. Stattdessen wandte er sich den Schubladen zu und entnahm ihnen alles, was nach wichtigen amtlichen Unterlagen aussah. Zuletzt fand er noch neben einem alten Gesangbuch und einem Rosenkranz aus Holz, die er unberührt ließ, ein in Seidenpapier eingeschlagenes langes Päckchen. Er zog es hervor, wunderte sich über die Flexibilität des Inhalts und wickelte es vorsichtig aus. Es enthielt Zöpfe – die Zöpfe seiner Mutter, die er eben noch auf den Fotos gesehen hatte. Warum verwahrte eine Frau ein Leben lang die Zöpfe ihrer Kindheit? Fabian Heller schüttelte verständnislos den Kopf und wickelte die blonde Haarpracht wieder ein. Dann griff er nach einer großen, stabilen Stofftasche, steckte das Seidenpapierpäckchen, die Papiere und die Fotoalben hinein und ging zurück ins Wohnzimmer, um auch die dort auf dem Tisch deponierten Unterlagen dazu zu stopfen.
Er blickte sich noch einmal um, fühlte die Enge in seinem Brustkorb und kämpfte wie schon seit Wochen immer wieder mit der Frage, was er mit dem Haus machen sollte. Einziehen würde er hier sicher nicht. Sein Bruder schon gar nicht, denn der lebte in Berlin. Also verkaufen? Sich endgültig davon trennen? Was war das nur, das ihm die Antworten so schwermachte? Was stieß ihn hier so ab, dass er den Aufenthalt in diesem Haus nicht ertrug? Und was fesselte ihn gleichzeitig so sehr, dass er den sauberen Schnitt nicht schaffte?
Heller beschloss, heute nichts mehr zu beschließen und überhaupt keine Entscheidung zu treffen, solange er sich in emotionaler Schieflage befand. Er würde sich mit etwas Abstand Gedanken darüber machen, wie es mit dem Haus weitergehen sollte.
Derart vorerst einer Entscheidung enthoben, verließ er das Mausoleum seiner Kindheit.
Lenz hatte seine Leute im Besprechungsraum versammelt und berichtete von den vorläufigen Ergebnissen der gerichtsmedizinischen Sektion. Je grausamer die Details wurden, desto mehr drückte die Stille unter den Kollegen auf den Raum.
»Das Opfer ist also über einen Zeitraum von etwa drei Tagen gefoltert worden«, fasste Lenz zusammen. »Die Folterwerkzeuge sind ungewöhnlich: eine mehrsträngige Lederpeitsche, ein Stock und ein Instrument, von dem wir nur wissen, dass es mit zehn Zentimeter breiten Fesselungsmanschetten versehen ist. Das lässt darauf schließen, dass der Mann an einem abgeschiedenen Ort gefangen gehalten wurde, an dem niemand die Schreie hören konnte. Wir können weiterhin davon ausgehen, dass das Mordopfer etwa neunzig Jahre alt war und in guten Verhältnissen gelebt hat. Darauf müssen wir die Suche eingrenzen.«
»Könnte sein, dass ich da schon etwas habe«, meldete sich Gisbert Henke zu Wort. Der Kriminalkommissar blätterte in einigen Papieren, die er vor sich liegen hatte, und tippte schließlich auf einen der Zettel. »Ich bin die aktuellen Vermisstenmeldungen durchgegangen und da gibt es tatsächlich eine, die zu unseren Kriterien passt. In der Seniorenresidenz Friedenstal in Büren ist seit drei Tagen ein vierundneunzigjähriger Mann namens Anton Kottmann abgängig.«
»Sehr gut, Kollege«, lobte Lenz. »Wissen wir Näheres über die Umstände des Verschwindens?«
»Nur dass der alte Herr nach dem Freigang …« Henke stutzte kurz und blickte seinen Nebenmann an. »Nennt man das im Altersheim auch Freigang? Na, egal … Jedenfalls hat der alte Mann zwei Stunden am Nachmittag draußen im Park verbracht und war danach verschwunden.«
»Dann sollte umgehend jemand dorthin fahren und der Sache nachgehen«, sagte Lenz.
»Die Kollegin Gladow und ich werden gleich im Anschluss nach Büren fahren«, brummte Schröder, der bislang schweigend in der Runde gesessen hatte und regelrecht zu schmollen schien.
Читать дальше