»Wolfgang ist ein anderer Typ«, formulierte Lenz seine Frage wie eine Feststellung.
»Oh, ja. Wolfgang ist, verglichen mit seinen Altersgenossen, extrem gut erzogen, diszipliniert und sehr beliebt bei den Bewohnern. Die alten Leute halten viel von Respekt und Höflichkeit. Vor allem die, denen ich Wolfgang zugeteilt habe.«
»Und sonst gibt es keine Pflegekräfte auf der Station?«
»Doch, Pflegerin Michaela. Aber die hat momentan Urlaub und war nicht im Haus, als Herr Kottmann verschwunden ist. Deshalb muss Mario ja auch aushelfen, wenn Wolfgang Unterstützung braucht. Ab 20 Uhr beschäftigen wir reines Nachtpersonal. Für den Trakt B ist Rotraut Schumacher zuständig. Aber auch die war ja zum Zeitpunkt des Verschwindens von Herrn Kottmann nicht im Haus.«
Lenz notierte sich die Namen. »Hat Ihrer Ansicht nach einer von den beiden jungen Männern irgendeinen Fehler gemacht, so dass Herr Kottmann Ihnen verlorengehen konnte?«
»Nein. So etwas lässt sich einfach nicht verhindern. Das ist ja kein Gefängnis hier und keine geschlossene Anstalt. Unsere Bewohner bewegen sich absolut frei und ohne jede Bevormundung, sofern sie noch rüstig genug sind. Nur auf die Demenzkranken haben wir ein besonderes Auge. Natürlich auch nur in dem Rahmen, in dem wir das personell bewerkstelligen können. Ich gehe davon aus, dass Herr Kottmann aus eigenem Antrieb unser Gelände verlassen hat. Erst danach muss irgendetwas passiert sein.«
»Also hat auch keiner der anderen Bewohner etwas bemerkt oder gesehen?«
»Nein, wir haben alle befragt. Niemandem ist etwas aufgefallen. Auch nicht, dass Herr Kottmann das Haus verlassen hat.«
»Gut, Frau Finke, ich möchte dann gerne noch Herrn Kottmanns Zimmer sehen.«
»Wolfgang wird Sie hinführen«, entgegnete die Residenz-Leiterin. »Ich muss leider wieder an die Arbeit.« Sie griff zum Telefon, ließ sich den Pfleger geben, erteilte ihm die nötigen Anweisungen und wandte sich Lenz wieder zu. Ihr geschäftsmäßiges Lächeln machte deutlich, dass das Gespräch für sie damit beendet war.
»Wenn Ihnen doch noch etwas einfallen sollte, rufen Sie mich an.« Lenz reichte ihr seine Visitenkarte. »Die Festnetznummer stimmt nicht mehr. Ich bin erst seit heute bei der Kripo in Paderborn. Aber über die Handynummer erreichen Sie mich immer.« Er stand auf und gab Kerstin Finke die Hand.
»An ihrem ersten Tag haben Sie schon so einen unangenehmen Fall?« Sie hielt seine Hand einen Augenblick länger fest als notwendig.
»Unangenehm sind meine Fälle eigentlich immer«, blieb Lenz ungenau und freute sich über ihr Mitgefühl. »Schließlich arbeite ich im Dezernat für Kapitalverbrechen.« Er nickte ihr noch einmal lächelnd zu und verließ das Büro.
Kerstin Finke schloss die Tür hinter ihm. Schade, dachte Lenz. Wenn sie mich zu Kottmanns Zimmer begleitet hätte …
Wolfgang erwartete ihn bereits auf dem Flur und führte ihn an einer Sitzgruppe vorbei, auf der einige alte Leute saßen und gerade von Gina Gladow befragt wurden. Dann bog der Pfleger nach links ab. Auch auf diesem Flur wirkte alles chic und viel freundlicher, als Lenz es von den Altersheimen gewohnt war, die er bisher gesehen hatte. Der Bodenbelag bestand aus hellem Vinyl in Holzoptik und an den weißen Wänden hingen farbenfrohe Drucke verschiedener Künstler. Lenz erkannte darunter auch ein signiertes Bild von Otmar Alt, dem Star der Hammer Kunstszene. Geldmangel schien in diesem Haus wohl eher unbekannt.
Schließlich hielt Wolfgang vor einer Zimmertür. »Hier wohnt Herr Kottmann.«
Lenz öffnete die Tür und deutete in den Raum. »Sehen Sie sich bitte genau um. Ist irgendetwas anders als sonst? Jetzt, da Sie wissen, dass Herr Kottmann möglicherweise ermordet wurde, fällt Ihnen vielleicht etwas auf, dem Sie vorher keine Beachtung geschenkt haben.«
Der Pfleger betrat das Zimmer, blieb in der Mitte stehen und drehte sich langsam um seine eigene Achse, während Lenz die Aussicht durch das Fenster auf die tief unter ihm liegenden Flussauen bewunderte.
»Nein, alles wie immer«, sagte Wolfgang schließlich.
»Gut, dann warten Sie bitte draußen«, ordnete Lenz an.
In diesem Moment tauchte seine Kollegin hinter ihm auf. »Und?«, erkundigte er sich. »Haben dieser Merschhaus und die Frau – wie hieß die doch gleich?«
»Körting.«
»Frau Körting, richtig. Haben die beiden etwas über das Verschwinden von Anton Kottmann aussagen können?«
»Nein. Kottmann ist gegen halb fünf reingegangen, weil es ihm zu frisch wurde. Danach haben sie ihn nicht mehr gesehen.«
»Hmh«, machte Lenz nachdenklich. »Nicht schön, das. Gar nicht schön.«
Gina Gladow musterte ihn belustigt.
Lenz ignorierte den Blick. »Sehen Sie im Bad nach, ob Sie einen Kamm oder eine Zahnbürste für den DNA-Abgleich finden.«
Er selbst wandte sich dem Kleiderschrank zu und öffnete ihn. Hosen und Hemden hingen über Kleiderbügeln und entsprachen den Marken, die der Tote getragen hatte. Die Unterhemden in einem der kleineren Fächer waren penibel ausgerichtet und selbst die Stofftaschentücher lagen glattgebügelt und auf Kante gestapelt da. So etwas hatte Lenz zuletzt während seiner Ausbildung in der Polizeikaserne gesehen, allerdings auch nur als Beispiel für die korrekte Ordnung und nicht in seinem eigenen Spind.
Gina Gladow kam mit einem Plastikbeutel aus dem Badezimmer und zeigte Lenz die Zahnbürste, bevor sie sich an die Durchsuchung des Nachtschränkchens neben dem Bett machte.
»Oh, was haben wir denn hier?« Sie hielt ein zusammengefaltetes hellrotes Stück Pappe hoch, auf dem die Hälfte eines Hakenkreuzes zu sehen war. Seine Kollegin faltete es auseinander und schnalzte laut. »SS-Sturmmann Anton Kottmann«, las sie vor. »Konzentrationslager Niederhagen. – Sieh mal einer an, ein alter Nazi. Wenn das unsere Leiche ist, minimiert es mein Mitgefühl allerdings deutlich.«
Lenz trat nahm ihr den Fund aus der Hand. Tatsächlich, es handelte sich um den Dienstausweis eines SS-Mannes. Das Passbild zeigte einen jungen, schneidigen Soldaten in schwarzer Uniform, der ohne jede Gefühlsregung in die Kamera blickte.
»Womit dann auch die Narbe am linken Oberarm geklärt wäre«, stellte Lenz fest und erklärte auf den fragenden Blick seiner jungen Kollegin: »Die Mitglieder der Waffen-SS hatten ihre Blutgruppe auf der Innenseite des linken Oberarms eintätowiert. Nach 1945 haben sich viele diese Tätowierung wegoperieren lassen, weil sie ein offensichtlicher Beweis für ihre SS-Mitgliedschaft war.«
Sie nickte und wandte sich der nächsten Schublade zu. Diesmal zog sie ein braunes Lederbuch hervor, das sich als Fotoalbum entpuppte. Vor Lenz’ Augen blätterte sie es schnell durch. Die Schwarz-Weiß-Fotos entstammten allesamt der Dienstzeit Anton Kottmanns und zeigten Häftlinge mit gestreifter Kleidung in einem Steinbruch. Sie schoben Karren mit Felsbrocken, manche schleppten sie einfach mit den Händen. Am Rand standen rauchende SS-Männer in schwarzen Uniformen mit Gewehren über den Schultern.
»Diese Dreckschweine!«, schimpfte Gina Gladow leise.
Andere Bilder zeigten Häftlinge auf einem Gerüst beim Aufbau eines Burgturmes. Auf einem Foto war das etwas verblasste Portrait eines jungen Mannes mit SS-Mütze zu sehen. Er lächelte in die Kamera und machte einen freundlichen, geradezu sympathischen Eindruck. Typ Schwiegermutters Liebling, dachte Lenz. Wenn man auf Faschos steht.
»Anton Kottmann.« Gina Gladow tippte mit dem Zeigefinger darauf. »Stimmt mit dem Foto im Dienstausweis überein.« Sie schlug das Album zu und blickte Lenz fragend an.
»Das ist ja ein Ding«, brachte der nur heraus und fuhr nach kurzer Pause fort: »Wenn unser Toter Anton Kottmann ist, handelt es sich also um einen ehemaligen SS-Mann, der in einem Konzentrationslager gearbeitet hat.«
»Nicht in irgendeinem Konzentrationslager«, widersprach Gina Gladow. »Das KZ Niederhagen befand sich in Wewelsburg, also in der Nähe des Auffindeortes der Leiche. Und der Turm auf dem Bild eben ist der Nordturm der Wewelsburg, die von Häftlingen des KZ wiederaufgebaut worden ist.«
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