Ich habe mich schon an dem gleichen Punkt wiedergefunden wie Maxwell in seiner dunkelsten Stunde. Unsere Geschichten unterscheiden sich natürlich voneinander, unsere Gefühle jedoch nicht. Für ein paar Stunden, vielleicht auch für ein paar Tage (bei manchen ist es auch viel länger) ist man wie betäubt. Alle Entschlossenheit ist verschwunden. Das eigene Selbstvertrauen verflüchtigt sich. Es scheint kein Morgen zu geben.
In Momenten wie denen, die Maxwell durchzustehen hatte und wie auch ich sie einmal erfahren musste, ist man dazu gezwungen, seinen Blick bis auf den Grund seiner Seele zu richten. Gibt es dort irgendetwas? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, ob man in besseren Zeiten dort einen Vorrat angelegt hat oder nicht.
Doch zurück zu unserem U-Boot. Denken Sie noch einmal darüber nach, was der Kapitän tat. Als es erste Anzeichen für Unruhe gab, begab er sich auf die Kommandobrücke, um herauszufinden, ob alles in Ordnung sei. Er wusste, dass er nur dort die Antwort finden würde. Er war sich bewusst: „Wenn dort alles in Ordnung ist, kann ich mich voller Vertrauen in meine Kajüte zurückziehen. Das Schiff wird mit den stürmischen Umständen fertigwerden, wenn auf der Kommandobrücke alles in Ordnung ist!“
Ich möchte Ihnen noch eine weitere Geschichte erzählen, die mit Wasser zu tun hat: Einer meiner biblischen Lieblingsberichte schildert einen Nachmittag, an dem die Jünger auf dem See Genezareth in einen Sturm gerieten. Schon bald waren sie völlig außer sich vor Angst. Diese Männer fischten seit Jahren auf dem See, sie besaßen ihre eigene Ausrüstung, und es war bestimmt nicht ihr erster Sturm. Aber aus irgendeinem Grund waren sie diesmal nicht in der Lage, mit der Situation fertigzuwerden. Jesus dagegen schlief seelenruhig im Heck des Bootes. Sie eilten zu ihm, wütend darüber, dass es ihm scheinbar gleichgültig war, dass ihr Leben auf dem Spiel stand. Allerdings sollten wir immerhin anerkennen, dass sie wussten, an wen sie sich in dieser Situation zu wenden hatten.
Als Jesus dann den Sturm gestillt hatte, stellte er eine Frage, die für ihr persönliches Wachstum und ihre Entwicklung zu geistlichen Leitern von zentraler Bedeutung war: „Warum habt ihr Angst? Ist euer Glaube denn so klein?“ Um in meinem Bild von dem U-Boot zu bleiben: „Warum ist die Kommandobrücke eurer Innenwelt nicht in einem besseren Zustand?“
Warum begeben sich so viele Menschen bei Spannungen und Druck nicht auf die Kommandobrücke ihres Lebens? Warum versuchen sie stattdessen, noch schneller zu rennen, noch heftiger zu protestieren, noch mehr Besitztümer anzuhäufen, noch mehr Termine zu machen, noch mehr Fachkenntnisse zu erwerben? Wir leben in einer Zeit, in der man offensichtlich instinktiv allem anderen mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem eigenen Seelenleben – dem einzigen Platz, an dem wir die nötige Kraft finden können, um jedem Sturm die Stirn zu bieten oder ihn sogar zu überwinden.
Bei den Verfassern der biblischen Bücher war dies anders. Sie suchten die „Kommandobrücke“ auf, wenn ein Sturm heraufzog. Sie wussten und lehrten, dass die Entwicklung und Pflege unseres Seelenlebens höchste Priorität haben muss. Das ist sicher einer der Gründe dafür, warum ihre Werke die Jahrhunderte und Kulturen überdauert haben. Denn das, was sie schrieben, hatten sie von dem Schöpfer empfangen, der uns so erschaffen hat, dass wir die äußere Welt am effektivsten aus unserer inneren Welt heraus meistern können. Bestsellerautor Stephen Covey bezeichnet dies in seinem Buch Die sieben Wege zur Effektivität als den „Von-innen-nach-außen-Ansatz“.
Der Verfasser der Sprichwörter fasste das Prinzip des Seelenlebens in folgende Worte:
Vor allem aber behüte dein Herz, denn dein Herz beeinflusst dein ganzes Leben (Sprüche 4,23).
Mit diesem einfachen Satz vermittelt uns der Verfasser der Aussage eine bemerkenswerte Einsicht. Was ich „Kommandobrücke“ nenne, nennt er das „Herz“. Er vergleicht es mit einer Quelle, aus der die Energie, das Verstehen und die Kraft fließen können, die nicht den äußeren Unruhen unterliegen, sondern diese beeinflussen können. Behüte dein Herz, macht er deutlich, und es wird zu einer Quelle des Lebens werden, von der du und andere trinken können.
Aber was bedeutet denn nun „behüte dein Herz!“? Einerseits geht es dem Verfasser offensichtlich darum, dass das Herz vor äußeren Einflüssen geschützt wird, die seine Unversehrtheit bedrohen könnten. Andererseits geht es um die Kraft und die Entwicklung des Herzens, damit es fähig ist, das Leben besser in Ordnung zu halten.
Aber der Verfasser der Sprüche denkt über diese beiden Gedanken noch hinaus. Er möchte, dass der Leser eines versteht: Die Bewahrung oder das Behüten des Herzens, das ich als die „Kommandobrücke“ der menschlichen Erfahrung bezeichne, ist eine bewusste und disziplinierte Entscheidung, die eine Frau oder ein Mann treffen muss. Verstehen Sie, was ich meine? Wir müssen uns bewusst dafür entscheiden, unser Herz zu schützen. Treffen Sie diese Entscheidung! Wir können nicht davon ausgehen, dass unser Herz heil und kräftig ist; es muss ständig beschützt und gepflegt werden.
Erinnern wir uns noch einmal daran, was der Kapitän des U-Bootes tat, als er spürte, dass etwas Außergewöhnliches vor sich ging: Er eilte, ohne zu zögern, auf die Kommandobrücke. Warum? Weil er wusste, dass dies der Ort war, an dem alle Fähigkeiten mobilisiert werden konnten, um der Gefahr die Stirn zu bieten. Er hätte das Kommando über das tollste U-Boot der Flotte haben können. Ein U-Boot mit besonders schönem Außenanstrich, eines, das besonders schnell fährt und von einer sympathischen Crew bemannt wird. Hätte jedoch auf der Kommandobrücke Durcheinander geherrscht, dann wäre alles andere an Bord – der schöne Anstrich, die Schnelligkeit und die nette Mannschaft – völlig unbedeutend gewesen.
Im Neuen Testament macht Paulus eine ähnliche Beobachtung, als er Christen auffordert: „Deshalb orientiert euch nicht am Verhalten und an den Gewohnheiten dieser [äußeren] Welt, sondern lasst euch von Gott durch Veränderung eurer Denkweise in neue Menschen verwandeln“ (Römer 12,2). Damit meint er unser Innenleben, unsere Seele. Eine andere englische Bibelübersetzung gibt diese Worte treffend wieder; dort heißt es: „Lass nicht zu, dass dich die Welt in ihre Form presst.“
Der Apostel spricht hier eine zeitlose Wahrheit aus. Er will, dass die Empfänger seines Briefes die richtige Entscheidung treffen. Wollen wir unser Innenleben so in Ordnung bringen, dass es auf das Außenleben Einfluss ausübt? Oder wollen wir unsere Innenwelt vernachlässigen und so der Außenwelt erlauben, uns zu formen? Diese Entscheidung müssen wir täglich fällen.
Das ist ein verblüffender Gedanke, der ein grundsätzliches biblisches Prinzip widerspiegelt. Und das ist die Art von Einsicht, die der gekündigte Manager, von dem im Wall Street Journal berichtet wurde, ignoriert hatte. Der Beweis: sein Zusammenbruch, als die äußere Welt Druck auf ihn ausübte. Er hatte keine inneren Kraftreserven, keine Ordnung in der verborgenen Welt seines Innenlebens.
Unter den bekannteren Missionaren der letzten gut hundert Jahre findet sich ein großer Name: Mary Slessor. Mary Slessor war eine junge, ledige Frau, die Schottland um die Wende zum 20. Jahrhundert herum verließ, um in einen Teil Afrikas zu gehen, der von Krankheit und unbeschreiblichen Gefahren beherrscht wurde. Aber sie war unbeugsam und reiste dort weiter, wo schwächere Männer und Frauen zusammenbrachen, davonrannten und nie wieder zurückkehrten. Nach besonders großen Strapazen zog sie sich einmal für die Nacht in eine provisorische Hütte im Dschungel zurück. Später schrieb sie Folgendes darüber:
Ich stellte eigentlich keine allzu hohen Ansprüche mehr an mein Bett, aber während ich so auf einem Stapel dreckiger Bretter lag, die mit schmutzigen Maishülsen bedeckt waren, umgeben von unzähligen Ratten und Insekten, drei Frauen und einem drei Tage alten Baby neben mir und mehr als einem Dutzend Schafe und Ziegen draußen, wunderte ich mich nicht mehr darüber, dass ich kaum schlafen konnte. In meinem Herzen hatte ich jedoch eine durchaus gemütliche und ruhige Nacht.2
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