Das jedenfalls ahnte sie nicht, was sie erwartete. Sie beteuerte es später immer wieder: So was kann man ja nicht ahnen. Als sie mit Onkel Kurt an der Seite aus dem Haus trat, war Stine gerade vorgefahren und parierte durch, alle vier Ponys standen im selben Augenblick still – das ist gar nicht so leicht zu erreichen –, und Anja und Petra, jetzt in Reithosen, Stiefeln und Jacketts, sprangen vor an ihren Platz. Cornelia sagte nur: „Nein, so was!“ und stieg dann ein, Onkel Kurt hinterher. Die beiden Reitmädchen sprangen neben Stine auf den Bock, und los ging die Fahrt zur Kirche.
Es war traumhaft. Stine nahm die Kurve in schönem Bogen und ließ die Ponys antraben, Vater, Mutter und die beiden Trauzeugen, Freunde von Onkel Kurt, wollten im Auto hinterherkommen. Frau Schubert, die die Zwillinge derweil betreute, stand in ihrer Haustür und machte runde Augen, und überhaupt blieb jeder stehen, der die Kutsche sah, und staunte. So hatten es die beiden erwartet. Sie genossen es sehr.
Wer unverschämt an diesem Morgen war, das war Lettchen. Sie ging vorn rechts, erst gut und vernünftig, als es aber nicht Richtung Heimat ging, sondern der Kirche zu, in die entgegengesetzte Richtung also, wurde sie bockig. Sie zerrte seitwärts und deichselte ab, Stine versuchte sie zur Raison zu bringen, aber Lettchen hatte von jeher einen eigenen Kopf. Petra und Anja saßen auf der Lauer, abzuspringen und vorzulaufen, aber Stine schüttelte den Kopf.
„Noch nicht. Ich krieg’ sie hin, das wäre ja wohl gelacht!“
Himmel, hatte Lettchen einen Dickschädel! Jetzt kam sie mit dem äußeren Bein über den Zugstrang, schlug aus, traf ihren Nebengänger Nikolo, der beleidigt zurückschlug und sich prompt auch verfitzte. Peuke zog vorwärts und Erie zurück.
Petra sprang ab. Sie hatte sich vorgesehen, weil sie ihren Sturz von neulich noch sehr gut im Gedächtnis hatte, und fiel nicht; im selben Augenblick aber zog Lettchen an und riß die anderen mit, der Wagen schoß vor und Petra geriet ins Hintertreffen. Anja wußte nicht –
„Soll ich?“ flüsterte sie Stine zu.
„Unfug, ich krieg’ sie hin. Dreh die Bremse nicht ganz zu, nur etwas –“
Anja gehorchte. Im selben Augenblick kam ein Auto von hinten und überholte knapp.
Jetzt spielte Nikolo verrückt. Er warf sich nach rechts und drängte Lettchen noch mehr ab. Die rechten Räder der Kutsche befanden sich bereits auf dem Bürgersteig, auf dem gottlob niemand ging. Nun sprang auch Anja ab. Sie lief vor, erwischte Lettchen am Zügel, konnte sie aber nicht halten. In diesem Augenblick war, wie gehext, Cornelia da. Sie, die rechts saß, mußte erst hinter der Kutsche herum und dann nach vorn springen, aber sie kam zur richtigen Zeit, bekam Nikolo am Zügel und hielt ihn fest, so daß nun auch Lettchens Geschwindigkeit zwangsläufig geringer wurde. Noch zwei Atemzüge, und alle vier standen wieder ruhig, die Kutsche freilich noch auf dem Bürgersteig.
„Macht nichts, wir fahren wieder runter“, sagte Stine seelenruhig. „Steigt schnell auf, hopp!“ Und sie fuhr, nachdem alle wieder in der Kutsche saßen, elegant und schmissig der Kirche zu. Die Ponys warfen die Beine, als seien sie Jucker; es war ein Anblick, daß einem das Herz lachte. Vor der Kirche hielten sie vorschriftsmäßig. Das Brautpaar stieg aus, und schon ertönten die Glocken. Auch die anderen Gäste waren da, und feierlich setzte sich der Zug in Bewegung, ins Gotteshaus hinein.
Anja und Petra blieben draußen. Stine war das recht. Jetzt aber schienen die Ponys Vernunft angenommen zu haben und machten keine Zicken mehr. Sie standen geduldig und harmlos still. Stine blieb auf dem Bock sitzen und lachte vergnügt.
„Da haben wir also die Panne doch noch erlebt. Und die Braut zeigte, was an ihr ist. Onkel Kurt kann sich freuen.“
„Deine Nerven möcht’ ich haben“, seufzte Petra, und auch Anja meinte, man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben.
„Ist ja noch Vormittag“, sagte Stine, „sollt mal sehen, wie die vier jetzt gehen, wenn wir zum Lokal fahren. Wie am Zwirnsfaden!“
So war es auch. Und es wurde ein lustiges Mahl. Anja und Petra waren mit Stine vorher noch zum Reitverein zurückgefahren, um die Ponys unterzustellen. Vater holte sie mit dem Wagen ab. Gerade wurde die Suppe serviert.
Bei Tisch gab es dann viele lustige Reden, Vater verlas die zahlreichen Glückwunschtelegramme, die gekommen waren. Eins davon lautete:
„Dem jungen Paar viele wunderschöne Reiterlebnisse. Werde meine Hand schützend darüberhalten wie soeben über die Kutsche. Sankt Georg, Zuständiger für Pferde im Himmel.“
Alle wunderten sich sehr, am meisten Vater, der das Telegramm völlig ahnungslos in die Hand genommen hatte. Petra verschwand vor unterdrücktem Lachen hinter ihrer Serviette. Anja bewunderte wieder einmal, auf was für Ideen Petra kam.
Und dann standen sie beide gleichzeitig auf, stellten sich vor das junge Paar und begannen ihr Sprüchlein aufzusagen. Jede trug ihre Reitkappe, jede eine Blume in der Hand.
„Mancher gibt sich viele Müh’
mit dem lieben Pferdevieh.
Einesteils der Knetel wegen,
welche diese Tiere legen,
denn was fing’ ein Gärtnersmann
ohne Pferdeknetel an.
Zweitens aber nimmt man auch
ihre Haare in Gebrauch,
für Matratzen und für Pfühle,
denn man liegt nicht gerne kühle.
Doch der größte Spaß dabei
ist nun mal die Reiterei.
Ein geliebtes Pferdchen haben,
unsern deutschen Wald durchtraben,
oder fahren, voltigieren
und am schönsten: galoppieren.
Daß auch Onkel Kurt es lerne
in nicht allzuweiter Ferne,
wünschen euch, vergnügt und heiter,
heut’ zwei junge Nachwuchsreiter.“
Stine hatte es ihnen zusammengestellt, und sie ernteten großen Beifall. Es war, alles in allem, eine wunderschöne Reiterhochzeit, genau das richtige für Cornelia.
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