KENT
Darin ist er nicht so ganz Narr, Mylord.
NARR
Nein, mein Seel, Lords und andere große Herren würdens mir auch nicht ganz lassen; hätt ich ein Monopol darauf, sie müßten ihr Teil daran haben, und die Damen ebenso, die würden mir auch den Narren nicht allein lassen, sie würden was abhaben wollen. Gib mir ein Ei, Gevatter, ich will dir zwei Kronen geben.
LEAR
Was für zwei Kronen werden das sein?
NARR
Nun, nachdem ich das Ei durchgeschnitten und das Inwendige herausgegessen habe, die beiden Kronen des Eis. Als du deine Krone mittendurch spaltetest und beide Hälften weggabst, da trugst du deinen Esel auf dem Rücken durch den Dreck; du hattest wenig Witz in deiner kahlen Krone, als du deine goldne wegschenktest. Wenn ich diesmal in meiner eignen Manier rede, so laß den peitschen, ders zuerst so findet.
Singt:
Den Narrn blüht heuer wenig Glück,
Denn Weise wurden Laffen;
Mit ihrem Witz gings sehr zurück,
Benehmen sich wie Affen.
LEAR
Seit wann bist du so reich an Liedern, he?
NARR
Das bin ich, Gevatter, seit du deine Töchter zu deinen Müttern gemacht hast; denn als du ihnen die Rute übergabst und dir selbst deine Hosen herunterzogst,
Da weinten sie aus freudgem Schreck,
Ich sang aus bitterm Gram,
Daß solch ein König Butzemann spielt'
Und zu den Narren kam.
Bitt dich, Gevatter, nimm einen Schulmeister an, der deinen Narren lügen lehre; ich möchte gern lügen lernen.
LEAR
Wenn du lügst, Bursch, so werden wir dich peitschen lassen.
NARR
Mich wundert, wie du mit deinen Töchtern verwandt sein magst; sie wollen mich peitschen lassen, wenn ich die Wahrheit sage, du willst mich peitschen lassen, wenn ich lüge, und zuweilen werde ich gepeitscht, weil ichs Maul halte. Lieber wollt ich alles in der Welt sein, als ein Narr; und doch möchte ich nicht du sein, Gevatter. Du hast deinen Witz von beiden Seiten abgestutzt und nichts in der Mitte gelassen. Da kommt so ein abgestutztes Ende.
Goneril tritt auf.
LEAR
Nun, Tochter, was soll denn das Stirnband da? Mir scheint, Ihr habt in letzter Zeit die Stirn zu viel gerunzelt.
NARR
Du warst ein hübscher Gesell, als du noch nicht nötig hattest, auf ihr Runzeln zu achten; nun bist du eine Null ohne Ziffern. Ich bin jetzt mehr als du: ich bin ein Narr, du bist nichts. - Ja doch, ich will ja schweigen; das befiehlt mir Euer Gesicht, obgleich Ihr nichts sagt.
Mum, mum,
Wer nicht Krust' bewahrt noch Krum,
Wenn er satt, der bangt noch drum.
Er zeigt auf Lear. Das ist so 'ne leere Erbsenschote!
GONERIL
Nicht Euer Narr bloß, Herr, der alles darf,
Auch mancher Eurer zügellosen Ritter
Sucht stündlich Zank und Unfug, schwelgt und rauft
In unerträglich lästiger Wildheit. Herr,
Ich glaubte, wenn ich dies Euch angezeigt,
Ihr würdets ändern; doch befürcht ich nun
Nach dem, was Ihr seit kurzem spracht und tatet,
Ihr schützt dies Treiben selbst und reizt dazu
Durch Euern Beifall. Steht es so, dann fehlt
Die Rüge nicht noch schläft die scharfe Zucht,
Die, zwar, nur strebend nach wohltätigem Frieden,
Vielleicht in ihrem Lauf Euch Kränkung bringt,
Was Schmach uns wäre sonst, doch weise Vorsicht,
Wenn es die Not gebietet.
NARR
Denn du weißt, Gevatter,
Grasmücke so lange den Kuckuck speist,
Bis das Junge ihr schließlich den Kopf abbeißt.
Und da ging das Licht aus und wir saßen im Dunkeln.
LEAR
Bist du meine Tochter?
GONERIL
Hört mich:
Ich wollt. Ihr brauchtet den gesunden Sinn,
Der sonst, ich weiß. Euch ziert, und legtet ab
Die Launen, die seit kurzem Euch verwandelt,
Wie Ihr nicht wirklich seid.
NARR
Kanns nicht ein Esel merken, wenn der Karren das Pferd zieht? - He, Hanne! Ich liebe dich.
LEAR
Kennt mich hier jemand? Nein, das ist nicht Lear!
Geht Lear so? Spricht so? Wo sind seine Augen?
Sein Kopf muß schwach sein oder seine Denkkraft
Im Todessschlaf. Ha, bin ich wach? Es ist nicht so.
Wer ists, der mir kann sagen, wer ich bin?
NARR
Lears Schatten.
LEAR
Ich wüßte es gern; denn nach den Zeichen des Königtums, der Einsicht und der Vernunft wärs Täuschung, wenn ich glaube, ich hätte Töchter.
NARR
Die dich zum gehorsamen Vater machen werden.
LEAR
Euer Name, schöne Frau?
GONERIL
Dies Staunen, Herr, schmeckt allzu sehr nach andern
Von Euern neuen Grillen. Ich ersuch Euch,
Nicht meine wahre Absicht zu mißdeuten.
So alt und würdig, seid verständig auch,
Ihr haltet hundert Ritter hier und Knappen,
So wildes Volk, so schwelgerisch und frech,
Daß unser Hof, befleckt durch ihre Sitten,
Gemeiner Schenke gleicht. Unzucht und Prassen
Stempelt ihn mehr zum Weinhaus und Bordell
Als fürstlichen Palast. Scham selber heischt
Abhülfe schleunig: Seid deshalb ersucht
Von der, die sonst sich nimmt, um was sie bat,
Ein wenig zu vermindern Euern Schwarm;
Und wählt den Rest, der Euerm Dienst verbleibt,
Aus Männern, wohlanständig Euerm Alter,
Die sich und Euch erkennen.
LEAR
Höll und Teufel!
Sattelt die Pferde, ruft all mein Gefolg! -
Entarteter Bastard, ich will dich nicht
Belästigen; noch bleibt mir eine Tochter.
GONERIL
Ihr schlagt mein Dienstvolk, und Eur frecher Troß
Macht beßre sich zu Knechten.
Albany tritt auf.
LEAR
Weh, wer zu spät bereut! -
Zu Albany. O Herr, seid Ihrs? Ist das Eur Wille? Sprecht! - Bringt meine Pferde! - Undankbarkeit, du marmorherzger Teufel, Abscheulicher, wenn du dich zeigst im Kinde, Als Meeresungeheuer!
ALBANY
Bitte, faßt Euch,
Mylord!
LEAR
zu Goneril. Verruchter Geier, wie du lügst! Mein Volk sind ausgewählte wackre Männer, Höchst kundig aller Pflichten ihres Dienstes, Und die mit strenger Achtsamkeit genau Halten auf ihre Ehre. O kleiner Fehl, Wie schienst du an Cordelien mir so greulich, Daß du, wie folternd, mein natürlich Wesen Verrenkt, dem Herzen alle Lieb entrissen, Zu Galle sie gemacht! O Lear, Lear, Lear! Schlägt an die Stirn. Schlag an dies Tor, das deine Tollheit einließ, Die Urteilskraft hinaus! - Geht, gute Leute!
ALBANY
Herr, ich bin schuldlos, ja ich ahne nicht,
Was Euch bewegt.
LEAR
Es kann wohl sein, Mylord! -
Hör mich, Natur, hör, teure Göttin, hör mich!
Hemm deinen Vorsatz, wenns dein Wille war,
Ein Kind zu schenken dieser Kreatur!
Unfruchtbarkeit sei ihres Leibes Fluch!
Vertrockn ihr die Organe der Vermehrung;
Aus so entartetem Leib erwachse nie
Ein Säugling, sie zu ehren. Muß sie kreißen,
So schaff ihr Kind aus Zorn, auf daß es lebe
Als widrig quälend Mißgeschick für sie!
Es grab ihr Runzeln in die junge Stirn
Und ätz mit Tränenströmen Furchen ein
In ihr Gesicht; all Muttersorg und Wohltat
Erwidr es ihr mit Spott und Hohngelächter,
Daß sie empfinde, wie es schärfer nagt
Als Schlangenzahn, ein undankbares Kind
Zu haben! - Fort, hinweg!
Er geht ab.
ALBANY
Nun, ewge Götter, was bedeutet dies?
GONERIL
Nicht kümmert Euch, die Ursach zu erfahren;
Laßt seiner wilden Laune nur das Ziel,
Das Torheit ihr gesteckt.
Lear kommt zurück.
LEAR
Was? Fünfzig meiner Leut auf einen Schlag?
In vierzehn Tagen?
ALBANY
Gnädiger Herr, was ists?
LEAR
Ja, hör mich! -
Zu Goneril. Höll und Tod! Ich bin beschämt, Daß du so meine Mannheit kannst erschüttern, Daß heiße Tränen, die mir wider Willen Entstürzen, dir geweint sein müssen. Pest Und Giftqualm über dich! - Wunden des Vaterfluchs, zu tief für Heilung, Die spür in jeder Faser deines Wesens! Ihr alten kindischen Augen, weint noch einmal Um dies Geschehn, ich reiß euch aus und werf Euch mit den Tränen hin, die ihr vergießt, Den Staub zu löschen! Dahin ists gekommen? - Laß es so sein, ich hab noch eine Tochter, Die ganz gewiß mir freundlich ist und liebreich. Wenn sie dies von dir hört, mit ihren Nägeln Zerfleischt sie dir dein Wolfsgesicht. Dann findst du Mich wieder in der Art, von der du denkst, Ich habe sie auf immer abgeworfen. [Du sollst, das schwör ich dir! ] Lear, Kent und Gefolge gehen ab.
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