Titel der Festschrift zum Internationalen Frauentag 1913 von Marianne Saxl-Deutsch, Wien
2zit. n. EMMA 5/2003
3nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Philosophin aus dem Sartre-Kreis.
4E. v. Arnim war die erste weibliche Assistentin von Walter Stoeckel (1871–1961) an der Universitäts-Frauenklinik (Charité) Berlin und leitete im 1. Weltkrieg ein Lazarett in Liegnitz.
5in Amerika bereits während des Bürgerkrieges
Heute
Die Zeiten, als im Operationssaal die Instrumentierschwester, diese oft eine gestrenge Ordensfrau, die Patientin auf dem Operationstisch und vielleicht noch eine sogenannte Unsterile die einzigen weiblichen Personen waren, sind längst vorbei. Und doch gibt es noch immer Vorbehalte gegen Frauen in der Chirurgie, wie manche Fundstücke zeigen. „Frauen haben in der Chirurgie nichts verloren!“ soll noch 1970 im Wiener Allgemeinen Krankenhaus ein chirurgischer Ordinarius ausgerufen haben. Hier fügt sich folgende Szenerie ein: Auf einem großen Gruppenfoto aller Professoren der Wiener Medizinischen Fakultät von 1975 sind 80 Personen abgelichtet, darunter nur drei Frauen, und von denen sind die Professorinnen Erna Lesky (1911–1986), Kinderärztin und Medizinhistorikerin, und Astrid Kafka-Lützow (*1937), die Physiologin, zu identifizieren, also keine Chirurgin [108].
Oder an eine Assistentin gerichtet: „Oh, Sie sind jung und hübsch und könnten sich einen Zahnarzt angeln … Was wollen Sie dann noch Chirurgin werden?“ Auch war manches Mal zu hören „Was will die Puppe hier?“, wenn sich eine Frau in der Chirurgie bewarb. Für die Kolleginnen oft eine Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle . Das verwundert wenig, wenn man bedenkt, dass noch in den 1950er und 1960er Jahren die Frauen in der Bundesrepublik Deutschland die Erlaubnis des Ehemanns einholen mussten, wenn sie beispielsweise die Fahrerlaubnis erwerben oder gar berufstätig sein wollten. Das war der sogenannte Gehorsamsparagraph (§ 1354 BGB)! Erst 1977 beendete eine Gesetzesnovelle diese „Hausfrauenehe“ und Frauen konnten ohne Einwilligung des Mannes ein Bankkonto eröffnen oder eine Arbeitsstelle antreten. Im anderen deutschen Staat, der DDR, bedurfte es dessen nicht. Seit 1950 waren die Frauen de facto und de jure gleichberechtigt, wobei Anspruch und Wirklichkeit nicht immer übereinstimmten [52].
Karikatur von Marie Marcks
Noch 1961 stellte der damalige Rektor der Medizinischen Akademie Erfurt die damals ernst gemeinte Frage: „Man sollte überlegen, ob man nicht mehr Männer als Frauen zum Medizinstudium zulassen sollte“.6 Der Anteil von Frauen in der Chirurgie lag um 1964 in der DDR unter zehn Prozent.
Ein kurzer Blick ins Fotoarchiv zeigt auf einem Schnappschuss von 1956 die Mitarbeiter der Chirurgischen Akademie-Klinik Erfurt unter Professor Egbert Schwarz (1890–1966). Unter 19 Chirurgen befinden sich immerhin drei Assistenzärztinnen, deren Namen und Werdegang allerdings nicht bekannt sind [114]. Da wir gerade in Thüringen sind: In der Gründungsgeschichte der Thüringischen Gesellschaft für Chirurgie wird 1947 als Gründungsmitglied „Frau Dr. Hellwig“ aus Jena genannt, es handelt sich um Dr. med. habil. Ingeborg Hellwig, Schülerin und Oberärztin von Nikolai Guleke (1878–1958)7.
Die ärztlichen Mitarbeiter der Chirurgischen Klinik der Medizinischen Akademie Erfurt 1956. In der Mitte Klinikchef Prof. Egbert Schwarz, in der letzten Reihe drei Chirurginnen.
In der Basler Chirurgischen Universitätsklinik arbeiteten 1965 bei Professor Rudolf Nissen (1896–1981) 58 Ärzte, jedoch keine einzige Frau! [40]. Auf dem „Klassenfoto“ von Martin Allgöwers (1917–2007) Chirurgischem Departement Basel erkennen wir 1982 eine Frau (S. Demou-Hüni) unter 19 Männern [85]. Die Eintragungen in den Personalfragebögen lauteten in der Rubrik Facharzt immer noch „Chirurg“ statt „Chirurgin“, und zwar in Ost wie in West. In puncto Aufstiegsgrenzen für Frauen in der Chirurgie herrschte deutsche Einheit. In einer Publikation über den Patriarchalismus in der DDR wird eine Hebamme zitiert, die klar ausdrückte, dass die „Frauenförderung“ nur auf dem Papier stehe und es im Krankenhaus eine Verhinderungsstrategie des chirurgischen Chefarztes gäbe, der „gar keine Frau aufkommen lassen“ würde, nur Männer in der Chirurgie akzeptiere und Frauen „rausstänkere“ [23].
Das Klinikteam der Basler Chirurgischen Universitätsklinik unter Prof. Dr. Rudolf Nissen (1896–1981), zweite Reihe, 5. v. re. Eine Frau ist unter den 60 Personen nicht zu entdecken (aus [40]).
Dass sich jedoch die Entwicklung nicht aufhalten ließ, belegen mehrere Einzelbeispiele aus jener Zeit im zweiten Teil dieser Schrift. Von prinzipieller Natur ist die Aussage des Nicht-Chirurgen Prof. Hans Berndt (*1927), von 1982 bis 1992 Direktor der I. Medizinischen Universitätsklinik der Charité, in seinem Geleitwort zur Autobiographie der Infektiologin Prof. Renate Baumgarten (*1938). Darin schreibt Berndt 2004 aus eigener Erfahrung mit einer verehrten Chefärztin8, dass er nie Vorbehalte gegen Frauen in leitender Stellung [hatte], sondern Verständnis für Kolleginnen, die um Anerkennung und Respekt in einer männlich dominierten Hierarchie ringen mussten [6].
In Deutschland übersteigt inzwischen die Zahl der Frauen im Arztberuf die der Männer, im Fach Chirurgie trifft dies noch nicht zu. Im Jahr 2000 waren über 50 Prozent der Medizinstudierenden Frauen, in der Chirurgie waren damals jedoch nur 12 Prozent weiblich, in Österreich etwa zehn Prozent. Rund gerechnet befanden sich 2003 unter 5800 Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 395 Frauen, das sind etwa sechs Prozent [5].
Der Übertritt ins 21. Jahrhundert scheint eine Zäsur im Geschlechterverhältnis unter den Chirurgen und eine Veränderung in der Wahrnehmung dieses Problems zu bedeuten. Unter der Präsidentschaft von Professor Klaus Schönleben wird 2001 die Frauenfrage in der Chirurgie Thema auf dem 118. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Namhafte Fachvertreterinnen bringen hier historische Aspekte, Entwicklungstendenzen und Erfolgsaussichten in die Öffentlichkeit [41].
Ende 2013 sind etwa 18 Prozent der in einem chirurgischen Fach, also auch in der Orthopädie, Unfall- und Herz-Thorax-Chirurgie arbeitenden Ärzte Frauen. Die steigende Anzahl von Frauen in der Chirurgie geht einher mit der Entwicklung der sogenannten neuen Medien, in denen angehende und ausgebildete Chirurginnen Plattformen und Diskussionsforen für ihre Anliegen finden. Da wird gebloggt und gepostet, was das Zeug hält. Da meldet sich zum Beispiel die Chirurgin Heather Lodge aus North Carolina, zum Thema operierender Ärztinnen, Familie und Mutterglück, und schreibt neben vielem Positiven auch: „Das alte Stereotyp eines Chirurgen ist ein allwissender arroganter Mann, der sehr gut funktioniert, aber oft herzlos ist, nicht nur mit Kollegen, sondern auch mit Patienten …!“ . Man hört schon den lauten Einspruch der Herren Kollegen, aber irgendwie scheint das in Jahrhunderten verfestigte Bild von der „nicht zur Chirurgie geborenen“ Frau noch virulent zu sein. Das schreckt jedoch die Ärztinnen schon lange nicht mehr.
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