Wunder, die vornehmsten Aktivposten der Klöster und Eskils bevorzugte Handelsware, standen hoch im Kurs. Wunder waren der Beweis. Wunder offenbarten Gottes Macht. Aber wie konnte man wissen, ob ein Ereignis, phantastisch oder einfach nur bemerkenswert, ein Wunder war? Wie konnte man sicher sein, dass Gottes Hand eingegriffen hatte? Auch auf diese Frage wusste Eskil eine Antwort! Ein Wunder musste natürlich durch die höchste Instanz der Kirche validiert werden. Der Bericht von einem Wunder musste in gebührender Form verbreitet, weitergeleitet und dem Papst vorgetragen werden, der schließlich mit seinem Siegel die unverfälschte und göttliche Wahrheit des Wunders schriftlich bezeugte. Mit dieser versiegelten Erklärung in den Händen konnte Eskil oder sein Sendbote dann zurück in den Norden reisen und das Wunder als das verkünden, was es war. Bewiesen und gutgeheißen, um dem gottesfürchtigen Adel und dem Königshaus bedeutende Mengen irdischen Guts zu entlocken.
Wegen Eskils erwarteter Ankunft hatten die Esrombrüder seit einiger Zeit ihre Arbeit an den größeren Projekten verstärkt. Sie wollten gern etwas vorzuweisen haben, wenn der Erzbischof ihnen seinen Besuch abstattete. Schließlich hatte er mehrere Monate in Clairvaux verbracht und würde zweifellos Vergleiche zwischen dem Stammhaus und dem neuen Aussiedlerkloster ziehen. Und durch die Arbeit hier in Esrom sollte außerdem die Erinnerung an Bernhard, den toten Gründer des Klosters Clairvaux, lebendig gehalten werden.
Erland war gerade damit beschäftigt, das neue Wasserreservoir zu inspizieren, das hinter dem Kräutergarten des Klosters ausgehoben wurde. Da sich das Kloster in einer Talsenke befand und ein See in der Nähe lag, bot es sich geradezu an, Grundwasser und Regenwasser zu sammeln. Bruder Erland hatte außerdem Pläne, das Wasser von der Zisterne hinaus zu dem nächstgelegenen Feld zu leiten. Wenn das Projekt glückte, wollte er weiter an der Entwicklung des Systems arbeiten. Er war sehr stolz auf sein Projekt, das sich mit der Zeit als äußerst hilfreich erweisen könnte, um den Feldertrag bei großer Trockenheit zu retten. Vorläufig betrachtete er zufrieden den ersten Schritt. Er hatte sich außerdem viel Mühe gegeben, seine vier Assistenten, Mogens, Peder, Jakob und Niels, anzulernen. Alle vier waren junge Novizen, die Erlands Visionen interessiert lauschten. Mit der Zeit waren sie ganz fähige Handwerker geworden und keiner von ihnen schien das Skriptorium oder den Küchendienst zu vermissen. So sah es also aus, als würde die kleine Mannschaft sich zu Meistern ihres Fachs entwickeln. Jakob, der jüngste Bruder, hatte sogar vorgeschlagen, über die geplante Wasserrinne aufs Feld hinaus zu versuchen, das Wasser direkt in die Küche zu leiten. Das war ja nur eine ziemlich kurze Distanz und es würde die Hausarbeit beträchtlich erleichtern! Aber hier hatte Erland seinen enthusiastischen Bruder gebremst. Es musste Grenzen für den Erfindungsreichtum und die Bequemlichkeit geben. Wasser für den Haushalt konnte von der Zisterne geholt werden und damit Schluss. Die Idee, Zeit und Kräfte darauf zu verwenden, das Wasser direkt in die Küche zu leiten, war direkt verachtenswert. Was würde das Nächste sein? Wenn die Gedanken der Brüder nur um die Erleichterung ihrer Arbeit kreisten, stand der Sinn ihres Mönchslebens auf dem Spiel. Die Zisterzienser arbeiteten und mühten sich, weil es Gottes Wille war, und Erfindungen, die einer unvertretbaren Bequemlichkeit dienten, waren der direkte Weg ins Verderben! Jakob senkte beschämt seinen Kopf und begab sich mit der Ermahnung, auf bessere Gedanken zu kommen, zum Gebet in die Kapelle!
In dem Skriptorium hatte Martin sich in seine Illumination von Bruder Rus’ Vertreibung aus Esrom vertieft. Abt William hatte ihm die Aufgabe zugeteilt und das Motiv hatte Martin sofort fasziniert. Er hatte zwar keine Ahnung, wie dieser Rus ausgesehen hatte, aber es gab keinen Zweifel, dass er den Brüdern anfangs ein angenehmes, sympathisches Antlitz gezeigt hatte. Martin beschloss nach einigen Überlegungen, einen kleinen Bilderfries zu machen, der das einschmeichelnde, verlockende Spiel des Teufels mit den nichts ahnenden Mönchen zeigen sollte, den Fall der schwachen Seelen und schließlich die Entdeckung und Austreibung. Bruder Franz hatte ihm mit den Farben geholfen. Er hatte Martin auf eine lange Wanderung mitgenommen, bei der sie an verschiedenen Punkten die Erde aufgegraben und Wurzeln, Pflanzenstiele und sogar Ton gefunden hatten, was alles zu kräftigen, haltbaren Farben verarbeitet werden konnte, die für das Illuminieren von Bildern gut geeignet waren. Martin war zunächst skeptisch gewesen. Pflanzenfarben waren zwar bekannt, aber die Art, wie Franz sie herstellte, glich der Methode, mit der Textilfarben vorbereitet wurden. Außerdem benutzte man üblicherweise Materialien, die aus Pflanzen aus fernen, südlichen Regionen gewonnen wurden. Er selbst verwendete Tinte und Farben, die aus fremden Substanzen hergestellt waren. Er hatte sich nie um die komplizierten Verarbeitungsprozesse gekümmert, aber jetzt, wo er sich so weit entfernt von allen Handelswegen befand, hatte er sich dankbar auf Franz verlassen. Es konnte trotz allem nicht schaden, einmal neue Farben auszuprobieren. Wenn sie verblassten, konnte er das Motiv immer noch mit den ›richtigen‹ Farben illuminieren, die ein Bruder aus Clairvaux früher oder später herbringen würde. Vorläufig schien es aber ganz so, als wären Franz’ Farben mindestens so gut wie die alten, erprobten Farben.
Er war dabei, das letzte Bild des Frieses fertig zu stellen. Es zeigte den leibhaftigen Teufel mit Hörnern und blutrotem, nacktem Körper, der in den Brunnen sprang, während die weiß gewandeten Brüder ihm ihre goldenen Kruzifixe als Schutz und Waffe entgegenhielten. Martin freute sich besonders über die neue rote Farbe. Sie hatte einen sehr lebendigen, strahlenden Schein und nach jeder Schicht, die er dem Körper des Teufels auflegte, schien die Figur noch deutlicher hervorzutreten. Fast als wäre sie aus Fleisch und Blut. Die goldene Ockerfarbe war auch nicht schlecht. Die hochgereckten Kreuze strahlten, als würden sich die Strahlen der Sonne im Gold spiegeln. Martin hatte überlegt, ob er sie mit Blattgold belegen sollte, aber nachdem er gesehen hatte, wie die Farbschichten wirkten, war er zu dem Entschluss gekommen, das kostbare Material lieber für eine andere Gelegenheit aufzusparen. Die Arbeit war wirklich geglückt, so wie sie jetzt erschien! Er lehnte sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück und dachte, dass nur noch eine einzige Farbschicht fehlte, dann konnte er das Ergebnis William präsentieren – und Eskil natürlich auch! Er war ziemlich stolz auf seine Arbeit. Und Rus’ wahres Gesicht würde nunmehr allen zur Warnung und zum Schrecken dienen können. Es läutete zum Gebet und Martin stand auf, wobei er sich die Hände an einem Lappen abwischte, der über der Stuhllehne gehangen hatte. Als er das Zimmer verließ, warf die Sonne ihre letzten, roten Strahlen auf seine Arbeit und es sah aus, als würde die Haut des Teufels von einer inneren Glut erhellt. Konnten Franz’ meisterlich hergestellte Farben wirklich solch einen Effekt hervorrufen!
Im Stall stand der alte Uffe und rüttelte Jens, der anscheinend hinter dem Futtertrog in Trance gefallen war. In den letzten Tagen hatten die beiden sich mit dem neuen Lehmboden abgemüht, der gleichmäßig gestampft werden musste. Außerdem hatten sie den Stall bis auf den Boden ausgemistet, was nur jedes halbe Jahr gemacht wurde, wenn die Tiere bereits einen halben Meter über dem Boden standen. Das tägliche Ausmisten bestand nur aus einem oberflächlichen Einsammeln des Dungs, der auf den Misthaufen gefahren oder für den Garten benutzt wurde. Was liegen blieb, hielt die Wärme im Stall und die frische Streu sorgte dafür, dass die Tiere es immer angenehm trocken hatten. Jens hatte seinen Teil der Arbeit gemacht und Uffe hatte sich über dessen relativ lange Periode von Stabilität und offensichtlicher geistiger Ausgeglichenheit gefreut. Aber damit war es jetzt leider vorbei. Zitternd stand Jens da und machte abwehrende, beschwörende Handbewegungen. Als Uffe näher trat und ihn fragte, was denn los sei, bekam er keine klare Antwort. Er konnte nicht einmal sagen, wieweit Jens sich selbst über seinen Zustand im Klaren war. Es schien, als würde er nichts anderes als eine unsichtbare Bedrohung sehen oder hören, gegen die er sich zu verteidigen versuchte. Uffe trat dicht an ihn heran und packte den jungen Mann fest bei den Schultern. Bei der Berührung erstarrte Jens, ließ sich dann aber ohne Gegenwehr zur Kapelle führen. Dort war es Zeit für die Gebete und vielleicht konnten ihn die Gesänge beruhigen. Das taten sie eigentlich immer.
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