»Na, das ist doch großartig.« Tanja wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. »Da hattest du ja sozusagen noch die offizielle Erlaubnis von höchster Stelle. Das muss sehr befriedigend für dich gewesen sein.« Sie glitt in die Tiefgarage hinein. »Und jetzt bekommst du auch deine verdiente Belohnung für diese deine große Anstrengung und Selbstüberwindung: viele, viele Millionen, die du ausgeben kannst, wie du willst. Wie du es immer getan hast. Darin hast du ja langjährige Übung. Glückwunsch.« Sie fuhr in Charlies Parkplatz hinein. Wo der war, das wusste sie noch von früher.
»Ja, im Geldausgeben habe ich Übung.« Charlie bestätigte das dumpf, während sie ausstieg. »Sonst hätte ich Tina gar nicht heiraten müssen.« Sie schaute Tanja auf eine ungewohnt erschöpfte Art an. »Vielen Dank fürs Fahren. Ich glaube, Tante Petra hatte recht. Eventuell wäre ich an einem Baum gelandet.«
»Wohl eher an einem Straßenschild«, erwiderte Tanja. »So viele Bäume gab es ja auf unserem Weg hierher nicht.« Sie hob die Hand, um sich zu verabschieden. »Ich gehe dann zum Bus.«
»Nein, nimm dir doch ein Taxi.« Charlie griff in ihre Tasche und zog einen Schein heraus, hielt ihn Tanja hin.
»Ein Taxi von Bettina Hersbachs Geld?« Tanja schüttelte den Kopf. »Nein danke.«
»Bettina Flemming«, murmelte Charlie. »Sie hieß jetzt Bettina Flemming.«
»Ja, stimmt. Das steht ja auch auf ihrem Grabstein.« Tanja hob eine Augenbraue. »Aber den größten Teil ihres Lebens hieß sie Hersbach. Bis auf die letzten paar Monate.« Ein Gedanke ließ ihre Mundwinkel zucken. »Wolltest du deinen Namen nicht abgeben? Hängst du so sehr daran?«
»Nein.« Charlie schüttelte den Kopf. »Tina wollte unbedingt meinen Namen annehmen. Ich habe ihr angeboten, ihren eigenen zu behalten, aber das wollte sie nicht. Sie sagte, sie hat ja sowieso niemanden mehr außer mir. Niemand aus ihrer Familie, der den Namen Hersbach trägt, lebt noch. Ich wäre nun ihre Familie, ihre einzige, sagte sie. Und dann wollte sie auch so heißen.«
»Ach, wie rührend.« Spielte Charlie ihr das hier alles nur vor? Tanja war schwer irritiert. Wollte Charlie sie etwa mit dieser kleinen Geschichte beeindrucken, an ihr Mitgefühl appellieren? »Sie muss dich sehr geliebt haben.« Ein Schlucken unterdrückend entfernte sie sich von Charlie. »Dann werden wir uns wohl demnächst nicht viel sehen, oder?«, warf sie halb über die Schulter zurück. »Du hast ja jetzt für eine Weile genug Geld, sodass du nicht in die Klinik kommen musst, um deine Tante anzupumpen.«
Charlie antwortete nicht, aber Tanja hörte das Klacken ihrer Absätze in ihrem Rücken, als sie zum Lift ging, der sie hinauf in ihr Penthouse tragen würde.
Tanja nahm lieber die Treppe. Erstens, weil es sowieso nur eine Etage hinauf war bis zum Ausgang im Erdgeschoß, und zweitens, weil sie nicht mit Charlie in einer engen Fahrstuhlkabine eingesperrt sein wollte. Sie hatte bemerkt, dass schon die Fahrt hierher nebeneinander im Auto ihr Einiges an Beherrschung abverlangt hatte.
Bin ich denn immer noch nicht darüber hinweg? dachte sie, wütend auf sich selbst. Es ist doch lange genug her.
Fast im selben Moment hörte sie hinter sich ein komisches Geräusch, zuerst eine Art Rutschen, eine Art Fluchen und dann eine Art Stöhnen. Automatisch drehte sie sich um.
Charlie versuchte gerade, sich wieder vom Boden aufzurappeln. Anscheinend war sie gestürzt.
Schnell lief Tanja zu ihr hin. »Charlie. Was ist denn passiert?«
»Ach nichts«, winkte Charlie ab. Sie stand mittlerweile wieder aufrecht, aber nur auf einem Bein, das andere hielt sie in der Luft. »Mein Absatz ist abgebrochen. Ich hätte andere Schuhe nehmen sollen.«
»Was trägst du auch immer so hohe Absätze?«, schimpfte Tanja fast wie eine Ehefrau oder Mutter. »Selbst auf einer Beerdigung. Du bist doch so schon groß genug.«
»Hast du meine Mutter gesehen?«, fragte Charlie mit schief verzogenem Gesicht. »Muss in den Genen liegen.«
»Wahrscheinlich«, stimmte Tanja nicht ganz ernsthaft zu. »Was willst du jetzt tun? Den anderen auch ausziehen?«
Schicksalsergeben zuckte Charlie die Schultern. »Bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Das Stückchen im Aufzug bis nach oben werde ich wohl auch auf Strümpfen schaffen.« Sie wollte den Fuß, den sie bisher in der Luft gehalten hatte, auf den Boden setzen, zog ihn aber sofort mit einem schmerzhaften Ausruf wieder nach oben. »Verdammt. Was ist das denn?«
»Du kannst nicht auftreten?« Tanja ging in die Hocke und untersuchte geübt Charlies Knöchel, tastete ihn von allen Seiten ab. »Gezerrt«, sagte sie. »Gebrochen ist nichts.« Sie stand wieder auf. »Komm, ich stütze dich. Ist ja nicht weit.«
»Ich kann auch einen Krankenwagen rufen«, sagte Charlie. »Wenn du nicht hierbleiben willst.«
»Klar«, schmunzelte Tanja. »Und was werden die wohl sagen, wenn sie hören, dass eine Ärztin direkt vor Ort war und nicht ihre Pflicht getan hat? Du hast ihn zwar nicht geleistet, aber du erinnerst dich doch aus dem Studium noch an den hippokratischen Eid?«
»Ich wollte nur nicht –« Charlie räusperte sich. »Ich wollte dich zu nichts zwingen.«
»Das ist wirklich ganz reizend von dir«, entgegnete Tanja in einem bewusst sarkastischen Tonfall. »Und so untypisch. Ich erkenne dich gar nicht wieder. Aber das geht nicht. Ich bringe dich jetzt in deine Wohnung, und da du so etwas sicher nicht da hast, besorge ich dir dann eine Kompresse und einen Stützverband.« Sie hob die Augenbrauen, während sie nun gemeinsam den Fahrstuhl betraten. Charlie hatte einen Arm über Tanjas Schultern gelegt, und so war sie leicht hüpfend hierhergelangt. »Solange, bis ich zurück bin, kühlst du das mit Eiswürfeln. Die hast du ja wohl da – für deinen Whiskey.«
»Ja, die habe ich da«, gab Charlie etwas kleinlaut zu. »Und einen Whiskey könnte ich jetzt auch gut vertragen.«
»Ich halte dich nicht davon ab.« Tanja blickte zu ihr hoch. »Aber bitte nur einen, nicht mehrere. Das ist nicht gut für die Wundheilung.«
Charlies Mundwinkel zuckten. »Zu Befehl, Frau Doktor. Das hätte ich aber jetzt auch noch aus meinem Studium gewusst.«
»Freut mich zu hören«, sagte Tanja. »Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass du überhaupt noch irgendetwas aus deinem Studium weißt.«
»Du hältst wirklich überhaupt nichts mehr von mir, hm?«, fragte Charlie. »Bei dir bin ich total unten durch.«
»Wundert dich das?« Schon als Tanja das fragte, fiel ihr auf, dass ihr die Berührung an ihren Schultern, auf denen Charlie sich abstützte, nicht unangenehm war. Vorhin hatte sie noch nicht einmal neben ihr im Aufzug stehen wollen, und jetzt lehnten sie hier gezwungenermaßen fast aneinandergeschmiegt, und es machte ihr nichts aus. Es hätte sogar eine Art Kribbeln sein können, das sie da, wenn auch nur unterschwellig, fühlte.
Reiß dich am Riemen! dachte sie. Wo soll das hinführen? Es ist aus und vorbei. Und das nicht nur aus einem guten Grund, sondern aus vielen guten Gründen.
Charlie seufzte. »Nein, das wundert mich nicht. Nicht mehr.«
»Das heißt, früher hat es dich gewundert?«, hakte Tanja nach.
»Früher«, Charlie machte eine lange Pause, »habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht.«
Das versetzte Tanja einen Stich, obwohl sie gedacht hätte, dass nichts, was Charlie betraf, sie noch erschüttern konnte, sie hätte schon alles durch. »Die Gefühle anderer waren dir nie wichtig«, bemerkte sie etwas bitter. »Das weiß ich.«
»Nützt es etwas, wenn ich sage, es tut mir leid?« Charlie blickte tatsächlich schuldbewusst zu ihr herunter. Aber das hatte sie auch früher schon getan, wenn sie etwas erreichen wollte. Sie war eine gute Schauspielerin, solange es um ihren Vorteil ging.
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