Nur dass Marianne Koch sich ihr Studium mit der Schauspielerei hatte verdienen müssen. Das traf für Charlie natürlich nicht zu. Wenn es nur ums Geld gegangen wäre, hätte sie früher fertig sein müssen als alle anderen. Aber bei einem Medizinstudium ging es eben nicht nur ums Geld.
Die Erinnerungen überfielen sie erneut gegen ihren Willen. Sie spürte wieder, wie wohl sie sich mit Charlie gefühlt hatte, wie Charlie ihr für eine kleine Weile die Schwere genommen hatte, die Sorge darum, ob sie als Ärztin gut genug war, um allen Patienten helfen zu können, was sie stets bezweifelte. Sie wollte noch Tausende von Ausbildungen machen, um alles zu lernen, was es nur zu lernen gab, weil sie sich so unvollkommen fühlte.
Charlie fühlte sich nie unvollkommen. Sie tat alles, was sie tat, aus einem Gefühl der Selbstverständlichkeit heraus. Ob es Eis essen war oder Schlittschuhlaufen oder sonst etwas. Nie hatte Tanja sie anders als lachend gesehen. Charlie war die Verkörperung des Lebens und wie man es genießen konnte.
Weil es so selbstverständlich klang wie alles andere, hatte Tanja es auch nicht in Frage gestellt, dass Charlie Medizin studierte. Eben auf eine etwas andere Art, als Tanja es getan hatte, aber dass sie studierte. Bis sie eines Tages doch etwas misstrauisch wurde, weil es ihr so vorkam, als ob Charlie nie zur Uni ginge. Eine Nachfrage bei Charlie bezüglich dessen ergab natürlich nichts. Das Ergebnis war, dass sie im Bett landeten, und danach hatte Tanja ihre Frage vergessen.
Doch irgendwann erwähnte Tanja Charlies Medizinstudium so ganz nebenbei gegenüber Professor Lüders, ergänzt durch die Bemerkung, dass sie es komisch fände, dass Charlie anscheinend keine Vorlesungen an der Uni besuchte. Aber, hatte sie eingeschränkt, sie selbst würde ja so lange Schichten arbeiten, dass sie das gar nicht beurteilen konnte. Wahrscheinlich ging Charlie zur Uni, wenn Tanja im Dienst war.
Daraufhin hatte Professor Lüders sehr erstaunt reagiert und Tanja darüber aufgeklärt, dass Charlie doch schon lange nicht mehr studieren würde.
Als Tanja Charlie bei ihrem nächsten Treffen deswegen zur Rede stellte, ihr vorwarf, sie hätte sie belogen, gab Charlie ganz frei von der Leber weg zu, dass sie geschwindelt hatte. Sie behauptete, sie hätte das getan, um Tanja nicht zu verlieren, weil sie gesehen hätte, wie viel Tanja an ihrem Beruf läge.
»Ich wollte nicht, dass du mich gleich abservierst«, hatte sie lachend gesagt und sofort wieder versucht, Tanja zu verführen, um sie sich gegenüber positiv zu stimmen.
So sehr, wie Tanja Charlies Charme damals verfallen gewesen war, war es überhaupt keine Frage, wie dieser Versuch endete. Tanja ließ sich verführen wie schon so oft, auch wenn sie dabei ganz kurz ein schlechtes Gefühl hatte. Aber . . . nun ja . . . Charlie hatte das nur für sie getan, diese kleine Notlüge erfunden, oder nicht? Das konnte man doch verstehen.
Heute hätte sie sich selbst dafür ohrfeigen können, wie sorglos und naiv sie jede von Charlies Aussagen akzeptiert hatte, aber damals war Charlie so etwas wie eine Droge für sie gewesen, auf die sie nicht verzichten wollte. Auf die sie nicht verzichten konnte . Bis Charlie sie dazu gezwungen hatte.
Sie kehrte mit dem Aufzug ins Penthouse zurück und schloss die Tür auf. Charlie lag immer noch auf dem Sofa, so wie sie sie zurückgelassen hatte, nur war der Pegel in der Whiskeyflasche, die neben ihr auf dem Tisch stand, gesunken.
»Ich hatte dir doch gesagt, du sollst nichts mehr trinken«, schimpfte Tanja sofort. »Das ist nicht gut für dich.«
»Das ist sehr gut für mich«, widersprach Charlie mutwillig grinsend. »Hilft gegen die Schmerzen.«
»Ich habe dir etwas gegen die Schmerzen gegeben.« Tanja rollte die Augen. »Und gerade deshalb hättest du nicht noch mehr Whiskey trinken sollen.«
»Warum hast du die Flasche dann auf dem Tisch stehenlassen?« Egal, wie sehr ihr Knöchel auch angeblich schmerzte, Charlie blieb Charlie. Sie versuchte sogar, mit Tanja zu flirten.
Das machte sie ganz automatisch, und wahrscheinlich trug jetzt auch der Whiskey dazu bei, dass sie die Melancholie, die die Beerdigung in ihr hervorgerufen hatte, nicht mehr so spürte. Sofort kehrten ihre alten Gewohnheiten zurück.
»Weil ich sie vergessen habe. Und weil ich dachte, dass du vernünftiger bist. Erwachsen.« Verärgert griff Tanja nach der Flasche und stellte sie ins Regal zurück.
»Oh, so streng, Frau Doktor?« Charlie lächelte sie verführerisch an.
»Hör auf, Charlie! Das zieht nicht mehr bei mir. Und außerdem haben wir gerade eben deine Frau beerdigt!« Tanja drehte die Tüte aus der Apotheke um und verteilte alles auf dem Tisch. »Ich habe ein paar Sachen besorgt. Der Knöchel sollte auf jeden Fall noch geröntgt werden, aber so angeschwollen, wie er jetzt ist, bringt das sowieso nicht viel. Und gebrochen ist nichts. Also können wir damit auch noch ein paar Tage warten. Aber gestützt werden muss das Ganze, deshalb habe ich alles dafür mitgebracht.«
Während sie sprach, wunderte sie sich nicht, dass Charlie nicht antwortete, aber nun doch. Als sie Charlie anschaute, sah sie, dass der fröhliche Ausdruck, mit dem Charlie sie bei ihrer Rückkehr begrüßt hatte, aus ihren Augen verschwunden war.
»Es tut mir leid, Tina«, sagte sie.
»Tanja«, korrigierte Tanja sie. »Ich heiße Tanja, nicht Tina. Auch wenn das ähnlich klingt.«
»Tut mir leid«, sagte Charlie noch einmal. »Und diesmal meine ich wirklich dich. Du hast recht. Ich hätte den Whiskey nicht trinken sollen. Zusammen mit den Tabletten hat der mich richtig high gemacht.«
»Schmerzen hattest du keine, oder?«, fragte Tanja, während sie die Bandage auspackte. »Das war nur mal wieder eine deiner Lügen.«
Dazu sagte Charlie erst einmal nichts. Erst als Tanja ihren Fuß nahm, den Eisbeutel entfernte und die Bandage anlegte, kam die Antwort. »Du kennst mich viel zu gut«, bemerkte sie leise. »Das hatte ich fast schon vergessen.«
»Ich auch.« Tanja schnürte die Bandage zu und sicherte die Verschnürung dann mit den daneben angebrachten Klettbändern. »So, das sollte erst einmal reichen. Nicht auftreten, wenn du es nicht musst. Ich habe dir Krücken mitgebracht.« Sie legte die Krücken neben Charlie auf den Tisch. »Du bist stark genug. Du kannst dich damit überall hinschwingen.«
»So wacklig, wie ich mich im Moment fühle, würde ich eigentlich nicht gern versuchen, mich irgendwo hinzuschwingen«, meinte Charlie mit zweifelnd verzogenem Gesicht.
»Alkohol und Tabletten. Das wird vergehen.« Tanja richtete sich auf und räumte die Sachen auf dem Tisch zusammen. »Das Krankenhaus ersetzt das nicht, aber fürs Erste hast du alles, was du brauchst. Etwas anderes hätte ich dort auch nicht gemacht. Aber ich sollte dich jetzt einweisen.«
»Muss das sein?«, fragte Charlie. »Eigentlich geht es mir doch gut. Es ist nichts gebrochen, sagtest du doch. Und ich habe hier alles, was ich brauche.«
»Bis auf jemanden, der dich versorgt«, sagte Tanja. »Du kannst hier nicht alleinbleiben.« Sie blickte zur Tür, als müsste dort gleich jemand hereinkommen. »Oder erwartest du jemanden?«
»Direkt nach Tinas Beerdigung? Das traust du mir zu?« Charlies Stimme klang tatsächlich entgeistert.
»Ich traue dir alles zu«, gab Tanja trocken zurück. »In der Beziehung sowieso.«
»Kannst du nicht hierbleiben?«, fragte Charlie. »Oder wartet zu Hause jemand auf dich?«
Es wäre ein Leichtes gewesen, jetzt irgendetwas zu erfinden. Charlie wusste nichts mehr von ihr, Tanja hätte ihr das Blaue vom Himmel herunterlügen können. Aber auch wenn sie es gern getan hätte, es lag nicht so richtig in ihrer Natur zu lügen, und selbst wenn sie es versuchte, sah man es ihr sofort an.
Also sagte sie: »Nein, da wartet niemand auf mich. Ich hatte mal überlegt, mir eine Katze zuzulegen, aber die wäre auch zu viel allein bei meinen langen Schichten.«
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