So richtig hatte Tanja noch nicht darüber nachgedacht – sie war in der Tat viel zu sehr mit ihrer Ausbildung beschäftigt gewesen, und ein Medizinstudium war nun einmal lang –, und auch jetzt sah sie keinen Anlass dazu. Denn um ein Kind großzuziehen, dazu musste man erst einmal die richtige Frau haben, mit der man das tun wollte und konnte, und die hatte sie noch nicht gefunden.
»Na, das wird ja mal Zeit, dass Se endlich komm’n!«, keifte es ihr in diesem Augenblick entgegen. »Se woll’n wohl nich’, dass ich geh’, was? Ham Se mich so liebjewonn’n?« Ein hämisches Lachen folgte.
»Die Ärzte haben noch etwas anderes zu tun, als sich nur um Sie zu kümmern, Frau Köhler«, wies Schwester Ingrid sie zurecht. »Sind Sie fertig? Alles aus dem Zimmer raus? Dann können Sie gleich gehen, sobald die Frau Doktor Ihre Entlassungspapiere unterschrieben hat.«
Aus der Krankenakte wusste Tanja, dass Frau Köhler gerade einmal einunddreißig Jahre alt war, aber man hätte sie für wesentlich älter halten können. Um ihre Mundwinkel hatten sich zwei tiefe, grämliche Falten eingegraben, und an ihre eigentlich dunklen Schläfen hatten sich sogar schon ein paar graue Haare verirrt. Wahrscheinlich hatte sie kein einfaches Leben gehabt. Aber das war noch lange kein Grund, sich so zu benehmen.
»Wollen Sie sich das nicht noch einmal überlegen, Frau Köhler?«, sprach sie die Patientin, die aggressiv aufgebaut vor dem Schwesternzimmer stand, dennoch freundlich an. »Ich kann es aus ärztlicher Sicht nicht empfehlen, dass Sie die Klinik jetzt schon verlassen. Sie sollten sich noch ein paar Tage von der Operation erholen.«
»Erhol’n? Erhol’n? Was mein’n Se denn damit?« Frau Köhlers Augen lagen tief in den Höhlen und starrten Tanja daraus dunkel drohend an. »Mein’n Se etwa, hier kann mer sich erhol’n? In diese’n Irrenhaus? Wo man nie in Ruh’ jelassen wird? Und dann wird mer auch noch aufs Zimmer mit irjendwelche Idioten jelegt?«
Flehend blickten Schwester Ingrids Augen Tanja an. Unterschreiben Sie doch endlich! schienen sie zu sagen. Damit wir diese Xanthippe los sind!
»Es ist meine Pflicht, Sie vor Ihrer Entlassung auf eigene Verantwortung auf das Risiko hinzuweisen, das Sie damit eingehen«, sagte Tanja. »Es könnten Blutungen auftreten, die Wunde könnte schlecht verheilen oder wieder aufgehen, auch Thrombosegefahr besteht. Ich kann Ihnen nur raten, zu Hause auch weiterhin die Thrombosestrümpfe zu tragen, die Sie hier vom Krankenhaus bekommen haben.«
»Dat enge Zeuch?« Höhnisch lachend warf Frau Köhler den Kopf in den Nacken. »Nee, die hab’ ich ja schon hier nich’ jetrag’n, wenn de Schwester ausm Zimmer war. Da wer’ ich se ze Hause trag’n. Davon träum’n Se wohl nur, Frol’n Dokter.«
Innerlich seufzte Tanja tief auf, aber äußerlich ließ sie sich nichts anmerken. Diese Frau war wirklich unbelehrbar. Offenbar empfand sie jedes noch so gutgemeinte Hilfsangebot als Angriff. Ihr war wohl nicht zu helfen. Allerdings würden Tanja oder ihre Kollegen ihr dann wieder helfen müssen, wenn irgendetwas schiefging. Aber daran konnte sie jetzt nichts ändern. Sie hoffte nur, dass nichts schiefgehen würde, griff nach dem Formular, das schon fertig vorbereitet im Fenster des Schwesternzimmers lag, und unterschrieb.
Gleich darauf hörte sie das Quietschen, das Schwester Ingrid beschrieben hatte. Unverschämt grinsend schob ein Mann, der kaum älter sein konnte als dreißig, einen Kinderwagen an ihnen vorbei, in dem die Koffer seiner Frau lagen. Ein kleiner Junge, der kaum das Laufen gelernt hatte, stolperte neben dem Wagen her, und er sah schon sehr müde aus. Er hätte eigentlich in den Wagen gehört, aber offenbar war sein Vater zu faul, die Koffer seiner Frau zu tragen, und auch zu faul, seinen Sohn zu tragen. Deshalb musste er laufen, während Papa sich bequem auf den Griffen des quietschenden Kinderwagens, der sich glücklicherweise jetzt aus Hörweite entfernte, abstützte.
Tanja kribbelte es in den Fingern, den Jungen an sich zu reißen, ihn nicht mit diesen unfähigen Eltern gehen zu lassen, aber was hätte das gebracht? Sie nahm sich vor, das Jugendamt zu informieren. Doch die waren so überlastet, solange der Junge nicht wenigstens halbtot war, würden sie sich um nichts kümmern. Und vielleicht noch nicht einmal dann. Dann kam höchstens die Polizei, weil es dann eigentlich schon zu spät war.
»Oh, wenn ich könnte . . .« Schwester Ingrid schienen ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen zu sein wie Tanja, denn sie blickte dem jetzt nicht mehr hörbar quietschenden Kinderwagen mit mahlenden Kiefern hinterher. »Diesen Kerl würde ich am liebsten die Treppe runterstoßen!«
»Leider können wir nicht«, schloss Tanja sich ihr mit einem Seufzen an. »Für uns ist die Sache hier erledigt.« Sie schob das Formular durch die Aussparung in der Glasscheibe. »Legen Sie das ab.«
Verabschiedend nickte Tanja Schwester Ingrid zu und drehte sich um. Fast erstarrte sie, als sie sah, wie eine Gestalt auf sie zukam. Eine bekannte Gestalt. Eine hochgewachsene Gestalt, die jetzt mit den eingesunkenen Schultern gar nicht mehr so hochgewachsen aussah. Aber es war Charlie. Eindeutig Charlie.
Auf einmal verschwamm das Bild leicht, und der Gang wirkte verändert. Nur ein wenig. Heller. Freundlicher. Strahlender. Es war eine andere Uhrzeit, ein anderer Tag. Es war der Tag, an dem Tanja Charlie zum ersten Mal so auf sich hatte zukommen sehen. Der Tag, an dem sie Charlie kennengelernt hatte.
Wahrscheinlich, nachdem sie ihre Tante wieder einmal angepumpt hatte, aber das hatte Tanja damals noch nicht gewusst. Sie hatte nur Charlie gesehen, ihr strahlendes Lächeln, ihren schwingenden Gang, ihre so ungeheuer berauschende Ausstrahlung.
Es hatte sie völlig vom Hocker gehauen. Diese Charlies Ausstrahlung hatte Tanja so sehr bezaubert, dass sie für einen Augenblick fast in eine Trance verfiel, während Charlie Schritt für Schritt, Schwung für Schwung ihrer langen Beine auf sie zukam. Charlie hatte so etwas Leichtes, Unbeschwertes ausgestrahlt, wie Tanja es in ihrem Leben nie verspürt hatte. Sie war immer ein sehr ernster Mensch gewesen.
»Meine Tante will dich sprechen«, sagte Charlie in diesem Moment, fast nur im Vorbeigehen. »Du sollst zu ihr kommen.«
Ihre Stimme klang rau. Aber nicht auf die Art rau, die Tanja kannte, auf die Art rau, die anzeigte, dass sie Tanja verführen wollte, dass sie etwas höchst Erotisches mit ihr vorhatte. Nein, so klang ihre Stimme nicht. Sie klang auf eine Art rau, die etwas Schmerzhaftes an sich hatte. Als ob sie ihre Stimmbänder überanstrengt hätte und deshalb nur noch mit Mühe sprechen konnte.
Sie trug immer noch die Sonnenbrille, daher konnte Tanja nicht sagen, ob sie sie überhaupt ansah, während sie mit ihr sprach. Auf jeden Fall hielt sie sich nicht auf, ging gleich weiter zum Fahrstuhl.
»Charlie . . .«, setzte Tanja an, während sie sich auf dem Absatz wie auf einer Spindel umdrehte, um Charlie mit ihren Blicken folgen zu können.
Doch Charlie drehte sich nicht um, blieb nicht stehen, ging einfach weiter, als hätte sie jemand wie eine Puppe aufgezogen, und sie hätte keinen Einfluss darauf, wann das Laufwerk abgelaufen war.
Kurz überlegte Tanja, ob sie ihr nachgehen sollte, aber dann entschied sie sich dagegen. Sie war immer noch im Dienst, und Professor Lüders war ihre Chefin. Eventuell gab es einen medizinischen Notfall oder sie sollte sonst eine Aufgabe übernehmen, die ihre berufliche Pflicht war. Das mit Charlie – das war nur Privatsache, nicht so wichtig.
Also ging sie schnell den Gang in die Richtung hinunter, aus der sie zuvor mit Schwester Ingrid gekommen war, die entgegengesetzte Richtung von Charlies.
Nachdem sie angeklopft hatte und hereingebeten worden war, blickte sie Professor Lüders fragend an. »Sie wollten mich sprechen?«
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