So fand ihn der Araber Achmed Zek. Achmeds Leute waren dafür, ihrem Erbfeind einfach einen Speer durch den Leib zu treiben, aber er hatte andere Gedanken. Er wünschte den Belgier zu befragen, und es war leichter, den Mann erst auszufragen und dann zu töten als umgekehrt.
Er ließ daher den Leutnant Albert Werper in sein eigenes Zelt bringen, wo seine Sklaven dem Gefangenen so lange Palmwein und feste Nahrung in kleinen Mengen eingaben, bis er wieder zu sich kam. Als er endlich die Augen aufschlug, sah er schwarze Gesichter um sich und einen Araber im Zelteingang stehen, aber nirgends war eine Uniform seiner Soldaten.
Der Araber drehte sich um und trat ins Zelt, als er in die geöffneten Augen des Gefangenen blickte:
Ich bin Achmed Zek, belehrte er ihn. Wer bist du und was bringt dich in mein Gebiet? Wo sind deine Soldaten?
Achmed Zek! Werper riss die Augen weit auf und fühlte seinen Mut sinken. Er war in den Krallen des berüchtigten Banditen, welcher alle Europäer und besonders solche in belgischer Uniform hasste. Seit Jahren führte die Militärmacht von Belgisch-Kongo einen erfolglosen Krieg gegen diesen Mann und seine Spießgesellen, einen Krieg, in welchem von keiner Seite Pardon gegeben oder auch nur um Gnade gebeten wurde.
Und doch, gerade in dem Hass dieses Mannes gegen alles, was belgisch war, erblickte Werper für sich einen Hoffnungsschimmer. Auch er war ja ein Ausgestoßener, ein Verbrecher. Insoweit wenigstens hatten sie gemeinsame Interessen, und Werper war sofort entschlossen, diese Tatsache bis zum Äußersten auszunützen.
Ich habe von dir gehört, erwiderte er, und ich suchte nach dir. Meine Landsleute haben sich wider mich gekehrt. Ich hasse sie. Eben jetzt suchen ihre Soldaten nach mir, um mich zu töten. Ich weiß, dass du mich vor ihnen schützen wirst, denn auch du hassest sie. Ich bin ein tüchtiger Soldat, ich weiß zu kämpfen und deine Feinde seien meine Feinde!
Achmed Zek betrachtete schweigend den Europäer. Er überlegte hin und her und war im Inneren, überzeugt, dass dieser Ungläubige log. Immerhin war es möglich, dass er doch nicht log, und wenn er wirklich die Wahrheit gesprochen hatte, war sein Vorschlag wohl der Betrachtung wert, denn streitbare Männer konnte man nie genug bekommen, besonders nicht Weiße mit der Schulung und Erfahrung, welche ein europäischer Offizier in militärischer Beziehung notwendig besitzt.
Achmed Zek machte ein finsteres Gesicht, und Werper bekam es bereits mit der Angst zu tun. Aber er kannte eben Achmed Zek nicht, der immer da, wo andere Leute lächelten, finster blickte und da lächelte, wo andere mit Blicken drohten.
Wenn du mich belogen hast, sagte er, kann ich dich jederzeit töten. Welchen weiteren Lohn außer deinem Leben verlangst du für deine Dienste?
Vorerst nur deinen Schutz, erwiderte Werper. Später, wenn ich dir mehr wert bin, können wir wieder darüber reden. Werper hatte ja im Augenblick nur den Wunsch, sein Leben zu retten. So einigten sie sich zunächst, und Leutnant Albert Werper ward Mitglied einer Bande von Elfenbein- und Sklavenjägern unter dem berüchtigten Achmed Zek.
Monate ritt der abtrünnige Belgier mit den wilden Kerlen. Er focht mit wilder Hingabe. Achmed Zek überwachte seinen Rekruten mit Adleraugen und sich steigernder Genugtuung, die schließlich in höherem Vertrauen zum Ausdruck kam und dahin führte, dass Werper größere Handlungsfreiheit bekam.
Achmed Zek zog den Belgier in hohem Maße in sein Vertrauen und enthüllte ihm endlich einen lange gehegten Lieblingsplan, zu dessen Ausführung sich aber nie eine Gelegenheit geboten hatte. Mit Hilfe eines Weißen würde sich die Sache indessen leicht ermöglichen lassen. Nun fühlte er bei Werper vor:
Hast du von einem Manne gehört, den die Leute Tarzan nennen? fragte er.
Werper nickte. Ich hörte von ihm, aber ich kenne ihn nicht.
Wenn er nicht wäre, begann der Araber wieder, könnten wir unser »Geschäft« in Sicherheit und mit hohem Gewinn betreiben. Aber er bekämpft uns seit Jahren, vertreibt uns aus den besten Landstrichen, beunruhigt uns und bewaffnet die Eingeborenen, damit sie uns zurückschlagen können, wenn wir in unseren »Geschäften« kommen. Nun ist er sehr reich. Könnten wir ihn daher irgendwie zwingen, uns viele Goldstücke zu zahlen, so würden wir uns nicht allein an ihm rächen, wir würden uns auch an ihm für alles das bezahlt machen, was wir an den Schwarzen unter seinem Schutze nicht verdienen konnten.
Werper nahm eine Zigarette aus seiner brillantengeschmückten Dose und zündete sie an.
Hast du einen Plan, der ihn zum Zahlen bringt? fragte er. Er hat ein Weib, erwiderte Achmed Zek. Die Leute sagen, sie sei sehr schön. Weiter droben im Norden würde sie uns ein schönes Stück Geld bringen, falls es zu schwierig ist, von diesem Tarzan Lösegeld zu erhalten.
Werper ließ gedankenvoll den Kopf sinken, während Achmed Zek vor ihm stand und auf seine Entgegnung wartete. Das Gute, welches noch in Albert Werper geblieben war, empörte sich bei dem Gedanken, eine weiße Frau in die Sklaverei und Entwürdigung eines moslemitischen Harems zu verschachern. Aber als er aufsah und in die zusammengekniffenen Augen des Arabers blickte, da wusste er, dass der andere seine Abneigung gegen diesen Plan herausfühlte. Was hatte er, Werper, davon, wenn er sich weigerte? Sein Leben hatte dieser Halbwilde in der Hand, dem stand das Leben eines Ungläubigen kaum so hoch wie das eines Hundes. Und Werper hing am Leben. Was galt ihm überhaupt dieses Weib! Als Weiße war sie zweifellos ein Mitglied der zivilisierten Gesellschaft, er aber war ein Ausgestoßener. Jedes Weißen Hand war gegen ihn erhoben. Sie war also seine natürliche Feindin. Wenn er sich weigerte, die Hand zu ihrer Entführung zu bieten, würde ihn Achmed Zek einfach töten lassen.
Du zögerst, murmelte der Araber.
Ich erwog nur die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges, log Werper. Und meine Belohnung? Ich als Europäer kann leicht Zutritt zu ihrem Heim finden und Einblick in ihre Lebensgewohnheiten bekommen. Du hast keinen anderen, der so viel tun kann. Aber das Wagnis ist groß. Ich müsste also gut bezahlt werden, Achmed Zek!
Ein beruhigtes Lächeln glitt über das Gesicht des Räubers.
Wohl gesprochen, Werper, sagte Achmed Zek und klopfte seinem Leutnant auf die Schulter. Du verdienst gute Bezahlung und du sollst sie haben. Komm, lasse uns zusammen einen Plan entwerfen, wie wir das Unternehmen am besten durchführen.
Die ganze Nacht hockten die zwei Männer miteinander in leiser Unterhaltung in Achmeds verschossenem, einst so prächtigem Seidenzelt. Sie waren beide groß und bärtig, und Sonne und Wind hatten dem Gesicht des Europäers ein fast arabisches Aussehen verliehen. Da dieser außerdem bis ins kleinste in der Bekleidung die Tracht seines Führers nachahmte, war er äußerlich ein ebenso echter Araber wie der andere. Als er sich endlich erhob, um in sein Zelt zu gehen, war es spät geworden.
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