Stuttgart: Traditionen auf der Waldau
Die Stuttgarter Kickers haben den Beinamen »Blauer Adel«, übernahm doch 1907 »seine Königliche Hoheit Herzog Ulrich von Württemberg« die Schirmherrschaft über den Verein, dessen Mitgliedschaft lange von Großbürgertum und Kaufmannschaft geprägt war. Die Bezeichnung »Hebräerwies« für das Kickers-Stadion auf der Waldau war zeitweise geläufig und deutet auf jüdische Wurzeln hin; für den Ausdruck »Golanhöhen« soll in den 1970er oder 1980er Jahren der VfB Stuttgart-Zeugwart Seitz verantwortlich gewesen sein. Zu den Gründungsmitgliedern der damaligen Stuttgarter Cickers, die den Cannstatter FC verlassen hatten, gehörten 1899 jedenfalls Karl Levi (2. Vorsitzender) und E. Levi; ein Levi I ist für die Spielzeit 1899/1900 als Halblinker genannt.
Gerhard Fischer erwähnt im Buch »Stürmer für Hitler« die jüdischen Brüder Grünfeld, die seit ihrer Jugend für die Kickers spielten und Anfang der 1930er Jahre der 1. Mannschaft der »Blauen« angehörten. Einer der Brüder emigrierte nach Großbritannien. Bernhard Grünfeld, nach 1933 bei Hakoah Stuttgart aktiv und mit der deutschen Mannschaft bei der II. Makkabiah 1935 in Palästina, flüchtete 1937 nach Argentinien. Nach anderen Quellen stammte auch Josef »Joshy« Grünfeld von den Kickers, er gehörte Hakoah Wien an, spielte als Profi in den USA und besaß später in New York ein Restaurant.
Als Gönner des Vereins bis 1933 sind »der Bettfedernfabrikant Hanauer und die Familie Marx« erwähnt. Es dürfte sich dabei um Ferdinand Hanauer aus der Bettfedernfabrik Rothschild & Hanauer (in Stuttgart »Bettfedernhanauer« genannt, unter der Bezeichnung spielte auch die Werkself) handeln, der 1939 in die USA emigrierte, und um den Schuhfabrikanten Moritz Marx, der vor der Shoa in Stuttgart verstarb.
Mit Fritz Kerr besaßen die Stuttgarter Kickers 1927-29 und wieder 1932-33 einen jüdischen Trainer. Kerr, der ursprünglich Fritz Kohn hieß, war als Spieler erst beim Wiener AC und dann bei Hakoah Wien aktiv. Seine Bilanz in Stuttgart: Württembergischer Meister und Fünfter der Südmeisterschaft 1928, Vizemeister in Württemberg 1929, Württembergischer Meister und Gruppen-Vierter der Südmeisterschaft 1933. Ein Buch zur Geschichte der Stuttgarter Juden berichtet dann: »Kerr, Fritz, Sportlehrer, Liststraße 30, 1933 nach Wien.« 1951 haben ihn die Kickers nochmals verpflichtet, mit dem Aufsteiger erreichte Kerr in der Oberliga Süd Rang 12, dann wechselte er zum FC St. Gallen.
In der Nachkriegszeit waren die Degerlocher weit über Süddeutschland hinaus berühmt für ihren »Hundert-Tore-Sturm«. Der Fußball-Abteilungsleiter jener Jahre war Hugo Nathan, ein Lederfabrikant und Vollblut-Sportler. Fußball hatte er bei den Schülern und in der 1. Mannschaft des Ulmer FV 94 gespielt, dort war er auch Leiter der Jugendabteilung und erhielt als Auszeichnung die Goldene Ehrennadel des Vereins. Vor dem Ersten Weltkrieg machte er vier Jahre lang alle wichtigen Rennen des Ulmer Ruder-Club mit. Als »Reserveoffizier in Feldartillerieformation« im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet, erlaubte eine Kriegsverletzung nur noch eine eingeschränkte sportliche Tätigkeit: Hugo Nathan, inzwischen nach Stuttgart übergesiedelt, fuhr als Gast bei der Stuttgarter Ruder-Gesellschaft mit, betrieb den Kanu- und Tennissport. Mit 41 Jahren legte er 1933 die fünf Leistungsprüfungen für das Deutsche Sportabzeichen ab (das Juden später nicht mehr erlangen konnten).
Die Stuttgarter Kickers in der Gründungszeit.
Nachdem Nathan nicht mehr Mitglied bei den Stuttgarter Kickers sein konnte, engagierte er sich im jüdischen Sport. Im März 1934 wurde er von der Bundesleitung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten beauftragt, die Vorbereitung der Schild-Sportler für die Olympischen Spiele 1936 zu organisieren (an denen letztlich keine jüdische Sportlerin und kein jüdischer Sportler aus Deutschland teilnehmen durfte). Hugo Nathan wurde außerdem Landessportleiter des Schild in Württemberg. Beim reichsweiten Leichtathletik-Sportfest von Schild in Stuttgart ging es im Sommer 1937 in der 4x100-m-Staffel um den »Hugo-Nathan-Preis« in Form einer Läufergruppe.
Nach 1945 konnte sich Hugo Nathan, der die NS-Zeit in Kreuzlingen in der Schweiz überlebt hatte, wieder den Stuttgarter Kickers widmen, die 1947/48 ihren größten Oberliga-Süd-Erfolg mit dem dritten Rang erreichten. Als 2. Vorsitzender und Spielausschuss-Vorsitzender war er für die Mannschaft zuständig. Der »Hundert-Tore-Sturm« kam exakt auf 113 Treffer. Der Tod von Hugo Nathan im August 1948, er wurde 55 Jahre alt, gilt als Hauptgrund für den sportlichen Abstieg der Kickers, die 1950 als Tabellenletzter die höchste Spielklasse verlassen mussten. Kickers-Chronist Gerd Krämer: »Hugo Nathan war so etwas wie der Vater der Mannschaft. Er hatte, assistiert von Männern wie Albert Messner, Hans Mehl, Hans Schneefuß, Bert Scheible, ab 1945 alle Hebel in Bewegung gesetzt. Nathan kämpfte um die Selbstständigkeit der ersten Fußball-Mannschaft, die ja in erster Linie für das Ansehen des Vereins zu sorgen hatte. Aber Nathan konnte sich nicht durchsetzen. Die Vereinsführung – sicherlich alles verdiente Männer, die nur das Beste wollten – haben für die Fußballer und deren Sonderstatus wenig übrig gehabt, erinnert sich Reinhard Schaletzki« (Anm. d. V.: in der damaligen Zeit Spieler der Kickers).
SV Geinsheim: Unbekannte Gründer
Wie in so vielen anderen Fällen existieren auch bei den Kickers in Stuttgart keine Unterlagen mehr, die hätten weiterhelfen können. Es überrascht daher umso mehr, wenn sich kleine Vereine auf ihre jüdische Vergangenheit besinnen. Der 1920 gegründete SV Geinsheim bei Speyer in der Pfalz – 1900 lebten dort 46 Menschen jüdischen Glaubens – z.B. berichtet in seiner Chronik: »Bei der Gründung des Vereins wirkten auch 8 jüdische Bürger mit, deren Namen jedoch nicht überliefert wurden. Die Mitwirkung von Juden war nicht unproblematisch in einer Zeit, in der der Antisemitismus des Kaiserreiches als bewährtes Erklärungsmodell für den Ausgang des Weltkrieges und die Nachkriegsereignisse wiederauflebte.« Während die 37 christlichen Gründungsmitglieder des Vereins benannt werden können, sind die acht Fußballfreunde jüdischen Glaubens »verschwunden«.
Hat man sie irgendwann nach 1933 aus dem Gründungsprotokoll gestrichen? Sind sie einfach weggelassen worden, als erstmals die Vereinsgeschichte niedergeschrieben wurde? Hielt man sie nicht mehr für erwähnenswert?
Aber um solchem Vergessen entgegenzuwirken, ist dieses Buch unter anderem entstanden.
Literatur
Flade, Roland: Die Würzburger Juden: Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Würzburg 1987
Heinrich, Arthur: Der Deutsche Fußballbund. Eine politische Geschichte. Köln 2000
Herzog, Markwart: »Vereins-Zeitung des Fußballvereins Kaiserslautern e.V.« Eine Quelle zur Geschichte des 1.FC Kaiserslautern und der Barbarossastadt in der Zeit der Weimarer Republik (1927-1931), in: Kaiserslauterer Jahrbuch für Pfälzische Geschichte und Volkskunde, Band 1 2001
Keil, Heinz: Dokumentation über die Verfolgung der jüdischen Bürger von Ulm. Ulm 1961 Leinemann, Jürgen: Sepp Herberger: ein Leben, eine Legende. Berlin 1997
Pinczower, Felix / Meisl, Willy: Juden im deutschen Sport, in: Juden im deutschen Kulturbereich. Berlin 1959
Schwarz-Pich, Karl-Heinz: Der DFB im Dritten Reich. Kassel 2000.
Sportverein Stuttgarter Kickers (Hrsg.): 70 Jahre Stuttgarter Kickers. Stuttgart 1969
Internet: www.sv-geinsheim.de
Dank für Informationen an: Joachim Bayh (Stuttgart), Jürgen Bertram (Hamburg), Dr. Markwart Herzog (Kaufbeuren/Irsee), Timo Knüttel (Stuttgart), Karl-Heinz Pilz (Nauheim), Dr. Alfredo Pöge - IFFHS (Wiesbaden), Stuttgarter Kickers, Theo Staus (Würzburg), Karl Turba (Würzburger FV 04), Stadtarchiv Ulm
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