Sie bleiben liegen, ohne noch etwas zu sagen. Trotz aller Unruhe und aller angsterfüllten Gedanken ist Jørgen von einem merkwürdigen Glücksgefühl erfüllt. Weil sie so zusammen daliegen können, weil sie das miteinander teilen können. Er muss an die schlimmen Jahre denken, nachdem sie das Kind verloren hatte, mit dem sie schwanger war, ein Mädchen, das nie mehr erwähnt wird. Damals, als sie die Betten auseinander schob, so dass jedes an einer Wand für sich stand. Als sie gleichzeitig ihn aus ihrem Leben hinausschob. Niemals wird er aufhören dafür zu danken, dass diese Zeit vorüber ist.
»Schlaf nun«, sagt er und hört selbst, dass seine Stimme vor Rührung belegt ist.
Sie erwachen zu einem neuen Tag und denken, der Alptraum von gestern ist vorüber, aber am Vormittag geht es wieder los. Dieselben bedrohlichen Wolkenbänke hinten im Westen, Flugzeuggebrumme über ihnen. Die Leute auf Storvik gehen voller Angst und Unruhe umher und warten auf ein Lebenszeichen von Krister und Ivar. Die Mutter und ihre drei Kinder, die hierher evakuiert wurden, warten auf ein Lebenszeichen von ihren Angehörigen. Doch das Telefon bleibt stumm. Später am Tage versucht Julie anzurufen. Die Telefonzentrale ist ständig besetzt, und wenn sie durchkommt, sagt man ihr, dass sie tun werden, was sie können. Die Zentrale im Ort ist von Menschen überfüllt, die Fernverbindungen zur Stadt und in andere Orte, wo Verwandte von ihnen betroffen sein können, herstellen lassen wollen. Schließlich schickt Julie Jørgen auch dorthin in der Hoffnung, dass sie helfen können. Doch er kommt mit dem Bescheid nach Hause zurück, dass es unmöglich sei, zur Stadt durchzukommen.
Nur das Allernotwendigste wird gemacht. Alle Arbeiten, die es auf dem Feld und sonst draußen zu tun gäbe, werden aufgeschoben. Die Männer laufen untätig herum, gehen eine Runde zum Kai hinunter und zum Kaufladen, wo man beieinander steht und sich mit gedämpfter Stimme über die Ereignisse unterhält. Dass ein Liniendampfer anlegt, wird nicht erwartet, eine unheimliche Stille brütet über dem Ort, alles tritt auf der Stelle. Nur die Frauen haben ihre Beschäftigung, wie vorher auch. Die Tiere müssen gefüttert, die Kühe gemolken werden, und das Essen muss auf den Tisch. Das Essenmachen bereitet Kopfzerbrechen wegen der vielen Evakuierten, die hier sind. Auf vielen Höfen haben sich die Haushalte verdoppelt, um nicht zu sagen vervielfacht. Damit fertig zu werden ist für so manche Hausfrau ein großes Kunststück. Wenn das noch länger dauert, wie sollen sie es schaffen, so viele Mäuler zu stopfen? Zu dieser Jahreszeit, wenn die Essensvorräte eingeteilt sind, damit sie für die Leute auf dem Hof und die angenommenen Hilfskräfte ausreichen, sieht es in den Vorratshäusern dürftig aus. Den meisten ist es außerdem in Fleisch und Blut übergegangen, dass Fremde besser bewirtet werden als die, die zum Hof gehören, sogar alltags. Aber heute machen auch die Frauen nicht mehr, als sie müssen. Und sie suchen beieinander Zuflucht, finden darin Trost, niemand hält es aus, allein zu sein.
In der Küche auf Storvik halten sich so viele auf, dass sie sich gegenseitig auf die Füße treten. Julie und Astrid, Helene und eine fremde Frau aus der Stadt, Frau Solberg, die mit ihren Kindern herkam, gemeinsam mit Helene und Selma und den beiden Dienstmädchen, die hier mit grauen Gesichtern herumlaufen, weil sie sich um ihre Familien ängstigen, die in der Stadt zurückgeblieben sind. Jeder möchte gerne etwas zu tun haben. Die einen schälen Kartoffeln für das Mittagessen, andere waschen ab, eine kümmert sich um die Topfpflanzen an den Fenstern, aber alles geschieht nach eigenem Gutdünken und unsystematisch. Selma und Synnøve sitzen auf der Schlafbank, untätig. Sonst halten sie sich meistens im Altenteil auf, aber heute nicht. Selbst die drei kleinen Mädchen aus der Stadt sind in der Küche geblieben. Die beiden größeren sind Schulkinder. Eine geht in die erste Klasse, die andere in die dritte. Sie sitzen bei den beiden alten Frauen ruhig auf der Bank und lauschen, auf alles, was gesagt wird. Nur die Jüngste, sie ist drei Jahre alt, hockt auf dem Fußboden und spielt mit dem kleinen Sven. Diese beiden sind heute friedfertiger als sonst, obwohl sie von dem, was vor sich geht, noch gar nicht allzu viel verstehen können. Doch die Spannung im Raum spüren sie wohl auch. Dem kleinen Mädchen aus der Stadt kommt alles fremd und merkwürdig vor, und Sven, verwirrt und ungewöhnlich scheu, schaut mit großen Augen auf die vielen Fremden hier in der Küche.
Julie fühlt sich erschöpft und abgespannt, sie geht mit einer nagenden Unruhe umher. Sie alle hier empfinden die Ungewissheit als unerträglich, aber sie sprechen nicht darüber. Nicht viel. Wenn jemand etwas davon erwähnt, wird es plötzlich ganz still im Raum, bevor sich die Gespräche dann wieder fieberhaft alltäglichen Dingen zuwenden. Doch diese leise geführten Unterhaltungen hämmern in ihrem Kopf, gehen ihr auf die Nerven, sind eine furchtbare Marter, die nicht auszuhalten ist. Es macht sie gereizt und aufbrausend. Sie möchte sie hier haben, um sich haben, alle, wie sie in der Küche sind, diese Frauen und die Arbeit, das Geplauder, das einen am Nachdenken hindert. Und sie wünscht sie weg, wünscht sich ihre Ruhe, es sind widersprüchliche und verwirrende Gefühle, und wie zum Hohn mitten in all dem dieser schöne, warme Frühlingstag, der durch die geöffneten Fenster und Türen hereinkommt. Diese Zeit, in der man sich über alles freuen könnte. Die Weiden voller dicker Weidenkätzchen, Knospen, kurz vor dem Aufbrechen, die Bäume in vollem Saft, Krokusse, Scilla und Schneeglöckchen auf den Beeten, darüber ein strahlend blauer Himmel. Ein Himmel, der auch heute von den schwarzen Wolkenbänken dort hinten verdunkelt wird.
»Könnt ihr nicht wenigstens die Kleinen mit nach draußen nehmen, anstatt euch hier gegenseitig auf die Füße zu treten«, faucht Julie die beiden kleinen Mädchen aus der Stadt an. Ärgert sich, dass sie so scharf im Ton war, als sie deren vorwurfsvolle Blicke sieht, die sie ihr zuwerfen. Doch sie verlassen die Küche, jede mit einem Jungen auf dem Arm, die beiden anderen kleinen Mädchen eilen ihnen schnell hinterher.
»Seid vorsichtig, falls irgendetwas sein sollte«, ruft sie ihnen nach.
Sie wissen, was gemeint ist. Einmal kam hier eines von den inzwischen so verhassten deutschen Jagdflugzeugen tief über die Häuser geflogen. Noch waren sie eher neugierig als ängstlich gewesen, hatten draußen im Hof gestanden und zu dem Flugzeug geglotzt, das über dem Hof kreiste. Das Flugzeug drehte in Richtung Norden ab, dann war ein ratterndes, unbekanntes Geräusch zu hören.
»Sie schießen, die Schweine«, schrie Jørgen.
Stumm standen sie da, Julie mit Sven auf dem Arm.
»Feindige Bombefugzeug«, wimmerte das Kind. In diesem Jahr ist er zwei geworden und kann noch nicht richtig sprechen, aber in diesen Tagen schnappt er merkwürdig fremde Wörter auf.
Als das Maschinengewehrfeuer im Wald niederging, meinte Jørgen, die Deutschen würden schießen, um den Leuten Angst einzujagen.
»Das ist es, was sie Demoralisierung der Bevölkerung nennen«, sagte er. Aber beim nächsten Mal, wenn ein Flugzeug über dem Hof auftauche, sollen sie machen, dass sie ins Haus kommen. Irgendwann einmal könnte es ernst werden. Dann dürften sie sich nicht als lebendige Schießscheiben in den Hof stellen und wie die Narren in die Luft gaffen. In den Zeitungen sei in letzten Zeit genug von solchen Verhaltensweisen zu lesen gewesen.
»Bleibt in der Nähe der Gebäude«, ruft Julie den Mädchen nach.
»Du kannst gehen und dich ausruhen, Julie«, sagt Astrid. »Wir sind hier jetzt genug, um mit dem, was es zu tun gibt, fertig zu werden. Du bist ganz grau im Gesicht.«
Sie zieht ihr Kleid und die Schuhe aus und legt sich hin, das Bettzeug ist kühl auf dem Körper, der ihr vorkommt, als würde er brennen. Hinter ihrem Nacken und Rücken stapelt sie Kissen auf, versucht eine Stellung zu finden, der für ihren schweren Leib bequem ist. Die Kinnladen schmerzen, nachdem sie stundenlang die Zähne zusammengebissen hat und mit angespannten Kräften herumgelaufen ist. Sie versucht, sich zu entspannen, die Schwere aus den Gliedern sickern zu lassen. Hinter der Stirn schmerzt Müdigkeit, dennoch ist sie hellwach.
Читать дальше