»Entschuldigung, Mama. Diese Worte waren nicht für deine Ohren bestimmt.«
Sie stand vor ihm, kreidebleich im Gesicht, aber gesund und munter, wie er sie von früher in Erinnerung hatte. Wie damals, als sie die Bäuerin auf dem Hof war.
»Du musst doch nicht mich um Entschuldigung bitten. Deinen Bruder musst du darum bitten. Herrgott, Jørgen, wirst du denn niemals erwachsen? Wann wirst du endlich aufhören, auf Ivar neidisch zu sein.«
»Ich bin nie ...«, aber sie unterbrach ihn.
»Nein, Jørgen, nun hör mir mal zu. Was du da eben gesagt hast, diese Worte nimmst du nie wieder in den Mund. Nie wieder. Hast du verstanden? Und im Übrigen bist du wohl Manns genug, um das mit deinem Bruder wieder in Ordnung zu bringen.«
»Ich weiß nicht, ob ich das versprechen kann, Mama. Was ich unter Wahrheit verstehe, kann ich ja wohl nicht einfach beiseite lassen.«
»Wenn ich daran denke, wie alles einmal war, wie jetzt alles ist und noch mehr, wie alles werden soll, dann wird mir Angst und Bange. Eines musst du mir versprechen, was immer auch geschieht, du darfst nie vergessen, dass Ivar dein Bruder ist.«
In ihrem Blick lag eine Trauer, die er nie vergessen wird. Und ihr Rücken war gebeugt, als sie ging, während er zurückblieb und sich fühlte wie ein Kind, das gerade Schläge bekommen hat. Wie konnte er nur seine Wut mit sich durchgehen lassen und so etwas zu ihr sagen? Das hatte sie nicht verdient. Er schämt sich auch, wenn er daran denkt, wie wenig Verständnis er und Julie für ihre Trauer und ihren Schmerz im Winter und Frühjahr hatten. Das mit Ivar ist eine Sache, aber haben sie daran gedacht, dass sie den Mann verlor, mit dem sie das ganze Leben geteilt hatte? Haben sie daran gedacht, wie einsam sie sich fühlen musste?
Er hatte den Vater an jenem Morgen, als er in die Stadt fuhr, zum Dampfer gebracht. Dieses Mal fahre er nur aus einem einzigen Grund in die Stadt, sagte der Vater, und zwar, um Ivar zur Vernunft zu bringen.
»Wenn er jetzt nicht auf mich hört, führt das noch zu einem Unglück«, sagte er.
Am Abend, nachdem er wieder nach Hause gekommen war, traf Jørgen den Vater im Hof.
»Wie ist es gelaufen, Papa?«
»Gar nicht. Es war überhaupt nichts zu machen.«
»Wo gehst du hin?«, fragte er, als er sah, wie der Vater über den Hof in Richtung Stall ging.
»Ich gehe nach den Pferden sehen.«
»Aber willst du dich nicht erst umziehen?«, fragte Jørgen verwundert.
Das Erste, was der Vater immer tat, wenn er von einer Reise nach Hause kam, war nach den Pferden zu sehen, aber er ging nie in seinen guten Sachen in den Stall. Es war nicht seine Art, penibel, wie er war. Jetzt drehte er sich zu Jørgen um und sagte:
»So weit wäre es nie gekommen, wenn Erling noch lebte.«
Das sollten die letzten Worte aus dem Munde des Vaters bleiben.
Jørgen hatte das Gefühl, dass der Vater ziemlich lange im Stall blieb, fragte sich, warum er nicht zurückkam, und er ging los, um nachzusehen. Da wurde er von der Mutter, die auf der Freitreppe stand, aufgehalten. Er wusste nicht, wie lange sie dort schon gestanden hatte.
»Halt, Jørgen. Dein Vater braucht vielleicht mal eine Weile für sich alleine«, sagte sie und ging wieder rein.
Schließlich hielt er das Warten nicht mehr aus; die Szene dort im Stall brannte sich ihm ins Gedächtnis ein. Die Stalllaterne, die an einer Kette am Haken hing, warf einen Lichtkegel in den ansonsten finsteren Stall und über den Vater, der bewusstlos zusammengesunken über den Rand der Krippe des alten Pferdes Frøya hing. Sein Kopf war auf einen Arm voll Heu gesunken, den er zuvor in den Händen gehalten und gerade noch in die Krippe gelegt haben musste. Der junge Hengst Trym stand ruhig da und fraß von dem Heu, das er sicher vom Vater bekommen hatte. Und was Jørgen am meisten rührte, war Frøya, die den Vater mit ihrem Maul vorsichtig an den Kopf stupste und an seinem Mantelkragen zupfte. Nur mühsam konnte er unterdrücken, dem Pferd zuzurufen:
»Es ist zu spät, Frøya!«
Denn er wusste es schon, als er, von dem Schock wie gelähmt, in der Tür stand, bevor er sich fassen, zum Vater hingehen und ihn berühren konnte, da wusste er schon das Entsetzliche, dass es zu spät war. Alles war zu spät. Auch heute ist ihm das noch genauso schmerzlich bewusst wie an jenem Abend, als es passierte. Wie sollte er da zu seinem Bruder gehen und um Verzeihung bitten können?
In der Küche auf Storvik ist es behaglich, im Herd ist noch Glut, und nachdem Jørgen ein paar Scheite Holz nachgelegt hat, lodern die Flammen wieder auf. Er setzt den Kaffeekessel aufs Feuer, füllt etwas Wasser nach und erdreistet sich, einen Löffel von dem gemahlenen Kaffee, der schon für den Morgenkaffee bereitstand, hineinzutun. Ansonsten ist die Kaffeebüchse zu einem Heiligtum geworden, das außer für die Frauen, die den Kaffee kochen, für jedermann tabu ist. Das ist so, seit im vergangenen Jahr die Rationierung kam.
»Ich nehme an, ihr seid es auch gewöhnt, mit dem Bodensatz aufgekochten Kaffee zu trinken«, sagt Jørgen und schenkt den Männern ein, die an dem langen Tisch Platz genommen haben.
In der Küche mit den schwarzen Verdunkelungsgardinen vor den Fenstern ist es schummrig. Nur vom Herd und von der Petroleumlampe, die am Ende des Tisches steht, kommt ein schwacher Lichtschein.
Im Hause herrscht Stille, die jedoch ab und zu von tastenden Schritten und von dem dumpfen Klappen von Türen, die geöffnet und geschlossen werden, unterbrochen wird.
»Deine Leute sind wach, höre ich«, sagt einer der Männer. »Ja, wer soll heute Nacht schlafen können. Jeder wird sich jetzt so seine Gedanken machen, nehme ich an.«
»Könnt ihr begreifen, wie sie darauf kommen, Kristiansund zu bombardieren?«, fragt Jørgen. »Welchen Sinn soll das haben?«
Nein, das begreifen sie nicht, die anderen genauso wenig wie er. Soweit sie wissen, liegen auch keine fremden Schiffe im Hafen. Keine Engländer oder andere Alliierte. Auch keine Festung gibt es dort oder Luftschutzanlagen. Warum müssen sie diese kleine Stadt durch einen sinnlosen Angriff, der nur die Zivilbevölkerung trifft, in Schutt und Asche legen? Gewiss sind dort ein paar norwegische Soldaten stationiert, nachdem nach vielem Wenn und Aber der Mobilisierungsbefehl erlassen wurde. Keiner hier aus dem Ort landete dort, soweit sie wissen. Die Wehrtüchtigen der einberufenen Jahrgänge von hier wurden gemeinsam mit einem Teil der Freiwilligen nach Dovre beordert. Unter Umständen waren sie dabei, als die deutschen Fallschirmjäger, die sich in Dombås norwegischen Streitkräften ergeben mussten, geschnappt wurden? Sie wurden in die Stadt gebracht, wo die Mittelschule zum vorläufigen Gefangenenlager für diese Soldaten gemacht wurde. Hundertvierzig an der Zahl. Hitlers Aasgeier, wie Tidens Krav sie nannte. Der Zeitung zufolge waren viele der norwegischen Soldaten in der Stadt damit befasst, die Gefangenen zu bewachen – neben ihrem Versuch, so gut sie konnten, Vorkehrungen für den Fall zu treffen, dass die Stadt angegriffen wird. Doch einen solchen Angriff aus der Luft, wie dieser es jetzt zu sein scheint, werden sie sich wohl kaum vorgestellt haben. Ob die Ursache für den Angriff sein kann, dass die Deutschen ihre Leute befreien wollen? Aber das wäre ja absurd, denn damit riskierten sie doch auch deren Leben.
»Dass dieses Pack dran glauben muss, macht mir noch die geringsten Sorgen«, meint Jørgen.
Nein, das könne nicht die Antwort sein. Wenn das ihre Absicht gewesen wäre, hätten sie es anders machen können. Denn haben sie nicht die größten Städte mit Schiffen eingenommen? Für deutsche Schiffe wäre es eine Kleinigkeit gewesen, Kristiansund, das gänzlich wehrlos und ungeschützt auf Inseln und nackten Felsen im Meer liegt, einzunehmen. Nein, das Ganze sei unbegreiflich.
Nun hatte es in der letzten Zeit viele Warnungen gegeben. Die erste erhielten sie am achten April, als die Zeitungen meldeten, dass die englischen Seestreitkräfte große Teile des Kattegats und der Nordsee vermint hätten. Am selben Abend notlandete ein englisches Wasserflugzeug im Hafen der Stadt. Es wurde zum Hjelkremkai auf der Gomaseite von Vågen hinübergeschleppt. Es gab auch Gerüchte, dass ein deutsches Wasserflugzeug in den Kornstadfjord gestürzt sei. Das machte die Leute nervös, aber mehr nicht, richtig schockiert waren sie erst, als sie am Morgen des neunten April die erste Meldung im Radio hörten:
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