»Hört das denn überhaupt nicht mehr auf?«, sagt jemand. Ansonsten sind sie genauso stumm wie vorher, lediglich hin und wieder einzelne Einwürfe, die keine Antwort erfordern und die die Nacht verschlingt.
Jørgen kann die verschlossenen Gesichter um sich herum fast nur erahnen. Jeder ist, wie er selber auch, in seinen eigenen Gedanken versunken.
»Machst du dir um den Jungen keine Sorgen?«, fragte sie, als sie ging. Er macht sich um Krister keine Sorgen? Er, der hier mit beklemmender Angst in der Brust steht, der die ganze Zeit an nichts anderes denken kann als an Krister. Und wenn dem Jungen etwas passieren sollte, das würde sie nicht verkraften. Und zwar nicht aus dem Grunde, weil sie die anderen drei nicht genauso liebt. Niemand kann Zweifel daran haben, dass sie eine gute Mutter ist, dass die Kinder das Wichtigste in ihrem Leben sind, und so ist es wohl auch. Doch niemals leuchten ihre Augen so vor Stolz und Liebe, wie beim Anblick Kristers. In den letzten Jahren, seit er in der Stadt zur Schule geht, noch mehr als zuvor. Zuerst, als er zur Mittelschule ging, und jetzt, seit er das erste Jahr das Gymnasium besucht. An den Wochenenden, wenn er nach Hause kommt, ist sie von ihm völlig in Anspruch genommen, und sie sorgt immer dafür, dass etwas Besonderes auf den Tisch kommt, wenn er da ist. Lässt er durchblicken, dass sie zu viel Aufhebens macht und damit die Eifersucht der Brüder wecken könnte, lacht sie nur und sagt, dass er ihr schon gönnen müsse, dass sie für Krister ein bisschen was Besonderes mache, so selten wie er zu Hause sei, und das Verhältnis zwischen Jostein und Krister sei schon immer gespannt gewesen. Jørgen findet, Julie sollte klug genug sein, um die Sache nicht noch zusätzlich anzuheizen. Diese beiden Brüder sind sehr verschieden. Jostein hat ein hitziges Temperament, während Krister ruhig und besonnen ist. Dass es nicht zu noch mehr Zank und Streit zwischen ihnen kommt, als es ohnehin schon gibt, ist allein Krister zu verdanken. Er reagiert beherrscht, während Jostein heftig wird und nicht zurückstecken kann. Das liegt an den roten Haaren, Josteins Temperament könne gar nicht anders sein, pflegt Julie zu sagen.
Helge ist anders, gleicht in fast allem Krister, außer, dass er ein Blondschopf ist, während Krister schwarze Haare hat. Aber ansonsten hat er Kristers Gesichtszüge und seinen Körperbau. Was den Leuten an Helge am meisten auffällt, sind seine großen, braunen Augen mit langen schwarzen Wimpern wie bei einem Mädchen. Er hat einen Blick, der einen zusammenzucken lässt. Er hat denselben Hang zum Lesen wie Krister, und er ist genauso verträumt wie er. Und er bewundert den großen Bruder grenzenlos. Wenn Krister zu Hause ist, klebt ihm Helge an den Fersen, von seiner Ankunft bis zur Abreise. Doch Jørgen beobachtet an Helge dieselbe Weichheit, dieselbe Schwäche, die sein eigener Bruder, Ivar, hat. Krister ist da anders. Denn obwohl er eine Ruhe und Autorität ausstrahlt, die kaum jemand bei einem Burschen, der noch nicht einmal siebzehn ist, erwartet, hat er einen Willen und ein Temperament, die, wenn er sie zeigt, andere zum Schweigen bringen. Selbst er, der Vater, weiß manchmal nichts zu sagen, wenn Krister seinen Blick auf ihn richtet. Es ist ihr Blick, Julies Blick. Das bekam er letzten Sommer zu spüren, als sie einen verbissenen Kampf darum führten, ob Krister im Gymnasium anfangen sollte oder nicht. Da hatte er Krister und Julie gegen sich. Es war ein Kampf, den er verlieren musste, aber er hatte standgehalten, sozusagen bis Krister reisefertig dastand. Er selbst war der Meinung, die Mittelschule würde ausreichen. Welchem anderen Bauernsohn hier in der Gemeinde werde eine solche Möglichkeit geboten? Und was solle er mit mehr, er, der eines Tages der Bauer auf Storvik sein wird? Da schauten sie ihn nur an, alle beide, und er wusste, was er schon seit langem gewusst hatte und was er noch immer nicht wahrhaben will. Es ist ungewiss, dass Krister einmal Bauer hier auf dem Hof wird.
Trotzdem hat er dagegen gekämpft. Krister sollte nun zu Hause bleiben, bei der Bewirtschaftung des Hofes helfen, er würde gebraucht werden, gehörte hierher. Der Nächste sei jetzt mit der Schule dran, und das sei Jostein, hatte er gesagt. Krister solle sich nun seinen Brüdern gegenüber als großherzig erweisen, gegenüber seinem Zuhause, nicht nur an sich denken. Nichts half, Krister fuhr in die Stadt ins Gymnasium. Aber das würde nicht bedeuten, dass der Weg nun für Jostein verbaut sei, sagte Julie. Wenn es so weit ist, soll er auf der Mittelschule beginnen. Bei Selma gebe es Platz im Hause und im Herzen für alle.
»Na, das sind ja schöne Aussichten, was die Hilfe auf dem Hof angeht«, sagte Jørgen sarkastisch.
Offenbar hatte dieser Sohn alles mitbekommen. Er ist gut in der Schule, Julie hatte im letzten Sommer bei einer Fahrt in die Stadt einen Lehrer von der Mittelschule getroffen. Stolz berichtete sie, was er gesagt hatte. Dass Krister durch die Schule gegangen sei wie das Messer durch die Butter. Dass Krister vor allen Dingen das Abitur machen müsse, solche Fähigkeiten dürften nicht verloren gehen. Das war eines ihrer stärksten Argumente, als sich die Auseinandersetzung zuspitzte.
Im Übrigen beschäftigt sich Krister mit so vielen Dingen, dass sie sich manchmal darüber wundern, dass er noch Zeit und Ruhe für die Hausaufgaben findet und um in die Schule zu gehen. Er spielt gut Klavier, allerdings betreibt er es in letzter Zeit nicht mehr so ernsthaft. Er spielt jetzt meistens ohne Noten, populäre Schlager und das, was sie Jazz nennen. Letzteres klingt für Jørgens Ohren wie Krach, doch unter den jungen Leuten ist es zweifellos beliebt. Und seit er auf die Grundschule kam, hat er auf der Bühne gestanden, bei Weihnachtsbaumfesten, zum Nationalfeiertag am siebzehnten Mai, zu Basaren und bei anderen Gelegenheiten. Am liebsten trägt er Gedichte vor, und merkwürdigerweise wird er von seinen Kameraden deshalb nicht gehänselt. Das ist wohl deshalb so, weil er sich auch auf vielen anderen Gebieten behauptet. Im Skifahren, in der Leichtathletik, allmählich ist ihm das viele Training körperlich anzusehen. Er scheint jetzt ausgewachsen zu sein, er muss bald einsneunzig sein. Und eine athletische Figur hatte er schon immer. Jetzt ist er schlank, aber breitschultrig und muskulös. Fast, als wäre es des Guten ein bisschen zu viel geworden, als könnte er dadurch etwas hochnäsig werden. Doch es sieht nicht so aus. Alles was er mitbekommen hat, scheint er mit der größten Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Wahrscheinlich ist das so natürlich für ihn, dass er sich selber gar nicht darüber im Klaren ist.
Am meisten grämt Jørgen, dass Krister sich in allen Arbeiten, die ein Bauer können muss, wirklich auskennt. Das ist es, was die Sache so unerträglich macht. Denn wenn Krister mit draußen ist, wenn er sieht, wie er mit der Heugabel umgeht und mit anderen Gerätschaften hantiert, wenn er sieht, wie seine Muskeln unter der braunen Haut seines jungen Körpers spielen, dann sieht er den Bauern in Krister.
Eine Erinnerung kommt in ihm hoch. Im vergangenen Jahr während eines Festes stand Krister im Jugendhaus auf der Bühne und rezitierte ein Gedicht von Terje Vigen, alle Strophen auswendig. Er stand da, so erwachsen, trotzdem aber kindlich in seinem Konfirmationsanzug, der an den Schultern spannte, mit den zu kurzen Ärmeln und Hosenbeinen. Seine Stimme aber war tief und männlich. Es waren ein paar Verse dieses Gedichts, die sich damals in Jørgens Gedächtnis wie ein Schmerz festsetzten, ein paar Verse, die jetzt zu einer schmerzlichen Erinnerung werden:
Sieh, das war mein Reichtum auf dieser Welt,
war alles, was ich je besessen.
War, deucht mir, ein Schatz, viel mehr als Geld,
anders hast du es gemessen.
Und obwohl diese Worte von etwas anderem handelten als von Grund und Boden, hatte er dennoch genau daran gedacht. Vielleicht wird er eines Tages erleben müssen, dass Krister, der älteste und erbberechtigte Sohn auf Storvik, sein Erbe ausschlägt. Wenn das geschehen sollte, wäre es, als ob ein Glied in der Kette reißen würde. Seit Generationen hatte es einen Jørgen oder Kristoffer auf Storvik gegeben.
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