Während er hier steht, ist ihm mitten in all der Angst und Verzweiflung etwas bewusst, was er sich selber nur selten einzugestehen wagt. Dass Krister einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen einnimmt. Dass er den Jungen in seinem Innern wirklich liebt, er muss nur an das unbändige Glücksgefühl denken, als er geboren wurde, der Erstgeborene. Wie glücklich sie damals waren, beide, er und Julie. Sie beide bei dem kleinen Kind. Und obgleich es ihm nicht vergönnt war, ihm der Vater zu sein, der er ihm gerne gewesen wäre, hat es nichts daran geändert. Die Bitterkeit, die er aus diesem Grunde Julie gegenüber empfand, ist nun fast überwunden. Ab und zu kann es schon mal passieren, dass sie wieder hochkommt, aber er hat sich damit abgefunden, dass es so ist. Dass Krister mit allem, was wichtig und entscheidend ist, zur Mutter geht statt zu ihm. Und in seinem Innern zieht sich alles zusammen, und er möchte schreien, schreien, dass ihrem Kinde nichts zustoßen möge. Alles will er hinnehmen, wenn Krister nur wohlbehalten wieder nach Hause kommt.
Jørgen spürt jetzt die Kälte, von den Füßen aufwärts. Nur noch drei Männer aus der Nachbarschaft haben so lange ausgehalten wie er und stehen neben ihm.
»Na, Männer, jetzt kommt mal mit zu mir nach Hause!«, sagt er. »Wir müssen uns ein bisschen aufwärmen. Wenn wir Glück haben, gibt es einen kleinen Schuss in den Kaffee.«
»Nein«, sagen sie zaudernd, »wir müssen jetzt sehen, dass wir nach Hause kommen.«
Doch Jørgen gibt nicht nach. Plötzlich ist es für ihn ungeheuer wichtig, dass sie diese Einladung nicht abschlagen. Dass sie keiner abschlägt.
»Ich denke mal, wir haben noch das Bedürfnis, darüber zu reden!« sagt er.
Ja, eigentlich habe er Recht, sagen die Männer. An Schlaf sei in einer solchen Nacht sowieso nicht zu denken, und Jørgen atmet erleichtert auf. Denn er hatte dasselbe Gefühl wie Julie auf dem Kirchberg. Keine Feindschaft, aber eine vage Ahnung, dass sie ihn belauerten, er hatte gespürt, dass sie ihn aufmerksam beobachteten. Es ist lebenswichtig für ihn, ihnen zu zeigen, dass sie sich auf ihn, Jørgen, verlassen können, obwohl sich sein Bruder wie ein Schwachkopf benimmt.
Dieses scheußliche Gefühl hatte er schon lange, am deutlichsten, nachdem das Ganze am ersten September im vergangenen Jahr dort drüben ernsthaft losgegangen war; und schon gar nicht mehr zu übersehen war es, nachdem sie am Morgen des neunten April aufwachten und erfuhren, dass die Deutschen ins Land gekommen waren. Wenn er Julie gegenüber davon etwas erwähnte, hat sie es abgetan, gesagt, er übertreibe die Sache, und solange er selber eine reine Weste habe, wüssten die Leute schon, dass sie ihm vertrauen können. Aber er kennt die Leute hier, weiß, was sie denken. Es bedarf gar keiner Worte. Hier sagen Verhalten und Andeutungen oft mehr als das, was sie direkt und geradeheraus vorbringen. Und dieser Abstand ist körperlich zu spüren. Die Gespräche, die unterbrochen werden, wenn er kommt und sich zu ihnen gesellt, der kurze Moment des Verstummens, ehe sie anfangen, über das Wetter zu reden, über unbedeutende Dinge und es bei Andeutungen bewenden lassen.
»Ist Krister immer noch in der Stadt?«, erkundigten sie sich eines Tages nach ihm.
»Ja, sicher.«
»Und er wohnt noch immer bei Ivar?«
»Nein, er wohnt bei Selma«, hatte Jørgen gesagt.
Dagestanden hatte er und sich wie bei einem Verhör gefühlt, am ganzen Körper war ihm heiß geworden.
»Aber wohnen sie nicht im selben Haus? Nein, also, wenn wir einen aus unserer Familie in der Stadt hätten, das gäbe es nicht. Das wäre zu gefährlich, in vielerlei Hinsicht. Du solltest sehen, dass du ihn nach Hause holst, Jørgen.«
Seinen Bruder, der ihn in diese unmögliche Situation gebracht hat, könnte er tausendmal verfluchen. Er empfindet es als große Ungerechtigkeit, denn er war einer der Ersten, der sich von Hitler und von allem, wofür er stand, distanzierte. Vielleicht deshalb, weil er mehr als die meisten anderen im Ort die Vorgänge draußen verfolgte. Las, was die Flüchtlinge sagten, die Flüchtlinge, die schon in den frühen dreißiger Jahren aus dem Hitler-Reich geflohen und hierher nach Norwegen gekommen waren. Er weiß noch, wie sehr ihn Ivars fanatische Begeisterung erschreckte, wenn er von seinen Reisen nach Deutschland berichtete. Wenn er sich dann über Hitler als Retter Deutschlands ausließ und die Idee des Nationalsozialismus als Lösung auch für andere Länder, für Norwegen, verfocht. Ivar, der ein paar Sommer in Berlin gewesen war und Geige bei einem deutschen Musikprofessor gespielt hatte. Dort lernte er Helene kennen, eine junge und viel versprechende Balletttänzerin. Ihre Eltern wohnen in Dresden, wo ihr Vater Musikprofessor ist. Helene ist das einzige Kind.
Auf Storvik wurde Helene zunächst mit reservierter Skepsis aufgenommen, aber sie gewann schnell die Herzen aller. Sie hat eine Wesensart, die es einem leicht macht, sie zu mögen, und sie fand sich in dem neuen Milieu auf eine Weise zurecht, die jeden, der das miterlebte, in Erstaunen versetzte. Jetzt spricht sie fließend norwegisch, und sie unterscheidet sich nicht mehr von den Norwegern, aber in diesen Tagen ist es nicht zu vergessen, dass sie Deutsche ist. Wenn Ivar und Jørgen die Verhältnisse in Deutschland diskutierten, zog sie sich zurück und verließ den Raum. Die letzte harte Auseinandersetzung mit Ivar hatte Jørgen im Herbst, gleich nachdem der Vater gestorben war, und Ivar ihnen alleine einen kurzen Besuch abstattete. Die beiden Männer waren in der Küche, als es passierte.
Es fing damit an, dass sie Hitlers Einmarsch in Polen diskutierten.
»Um Gottes willen, tritt aus der Partei aus, Ivar. Denk daran, dass du es jetzt ganz besonders schwer haben wirst. Du bist mit einer Deutschen verheiratet, du hast Familie in Deutschland. Das kann schon schwer genug werden, auch ohne dass du noch zusätzlich in der Partei bist.«
»Ich habe es früher schon gesagt und ich sage es auch jetzt wieder. Es kommt überhaupt nicht in Frage, dass ich austrete, weil ich daran glaube. Ansonsten interessiert uns Politik nicht, weder mich noch Helene und ihre Eltern auch nicht.«
»Oh nein, Ivar, so kannst du mir von nun an nicht mehr kommen. Du interessierst dich nicht für Politik? Jetzt, wo du mit beiden Beinen mittendrin stehst? Denn so ist das jetzt, mein Lieber.«
»Es ist unmöglich, mit dir zu diskutieren, Jørgen. Du bist für Vernunft unempfänglich.«
»Vernunft?« Jørgens Stimme zitterte vor Wut. »Wer bist du, Ivar, dass du es wagst, von Vernunft zu sprechen? Weißt du eigentlich, was du uns, deiner Familie, antust? Hast du eine Ahnung, was wir wegen dir erleiden müssen?«
Da lachte Ivar. Jørgen explodierte vor Wut.
»Reicht es nicht, dass du Vater umgebracht hast?«
Einen Augenblick herrschte absolute Stille. Ivar, kreidebleich im Gesicht, die Augen schwarz vor Wut, starrte Jørgen an.
»Was du mir jetzt gesagt hast, Jørgen, das solltest du dir selber sagen«, fauchte er mit zitternder Stimme, »du dir selber, früher oder später. Glaub doch bloß nicht, dass du das Schuldgefühl, das du wegen Papa hast, auf mich schieben kannst. Du solltest wissen, dass ich genauestens informiert bin, was sich zwischen euch die Jahre über abgespielt hat«, sagte er und ging.
»Satan!« Jørgen schäumte vor Wut, dass ihm fast der Atem wegblieb. »Satan!«
Plötzlich stand seine Mutter im Raum, schloss die Tür hinter sich.
»Was ist los? Habt ihr euch schon wieder gestritten? Das will ich nicht haben. Du solltest dich jetzt endlich anständig benehmen.«
»Aha, er war also bei seiner Mama und hat gepetzt.«
»Nein, das brauchte er gar nicht. Es stand ihm ins Gesicht geschrieben. Deshalb möchte ich wissen, was du zu ihm gesagt hast.«
»Ich habe zu ihm gesagt, dass er Papa umgebracht hat«, antwortete Jørgen, noch immer mit einer heißen Wut im Bauch, ärgerte sich aber im selben Moment, als die Worte heraus waren. Das hätte er nicht sagen sollen, sein Zorn verrauchte, und zurück blieb nur Verzweiflung.
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