„Meine liebe und verehrte Cousine! Ihre Zeilen, die ich mit bestem Dank bestätige, sind zwar sehr kühl, aber ich hoffe dennoch, eine persönliche Unterredung zwischen uns überzeugt Sie, daß mein Vater es wirklich gut und aufrichtig mit Ihnen meint und es sehr bereut, Ihnen damals, als Sie elternlos wurden, nicht verwandtschaftlich geholfen zu haben. Er hat unsäglich unter dem Tode meiner Schwester gelitten und wird Sie väterlich bei sich aufnehmen. Ich bin ab Donnerstag in Berlin, aber da Sie keine Briefe und keinen Besuch in Ihrer Wohnung wünschen, bitte ich Sie, mich kurz zu benachrichtigen, wann ich Sie im Hotellesezimmer oder sonstwo erwarten darf. Ich stehe jederzeit zu Ihrer Verfügung, liebe Cousine. Nachricht erbitte ich an das dortige Hotel Exzelsior.“
Nun folgte noch ein Gruß. Trude Berger barg den Brief in ihrer Handtasche. Die Sache fing an ihr immer mehr Vergnügen zu bereiten. Ihr war es, als ob sie ein interessantes Stelldichein vor sich hätte. Sie antwortete am nächsten Tage, schrieb an Lothar Bürger, sie würde am Freitagabend gegen sechs Uhr beim Portier des Hotels nach ihm fragen.
Von nun an saß sie oft bei ihrer Näharbeit, ohne zu wissen, was sie tat. Manche Naht mußte wieder aufgetrennt werden, weil ihre Gedanken sich fortstahlen und sich die Zusammenkunft mit Lothar Bürger ausmalten. Spät abends saß sie dann etwas weniger unaufmerksam über ihrer eigenen Garderobe, denn sie beabsichtigte, möglichst hübsch zu erscheinen bei der Zusammenkunft. Darauf konnte ihre weibliche Eitelkeit nicht verzichten, wenn sie auch die Rolle einer anderen spielen wollte.
Charlotte Bürger traf sie nur noch am Mittagstisch. Frühstück und Abendbrot brachte Frau Klokkow jeder Mieterin aufs Zimmer. Trude empfand jetzt Scheu vor Charlotte, ging ihr möglichst aus dem Wege, als fürchtete sie, diese könnte ihr das, was sie vorhatte, vom Gesicht ablesen. Charlotte aber spürte es wie einen Hauch von Feindseligkeit von Trude Berger zu sich herüberwehen. Man paßte doch nicht zusammen, die kurze, warme Stimmung von letzthin war sehr flüchtig gewesen, war schon verflogen, ehe Trude Berger noch ihr Zimmer verlassen hatte, dachte Charlotte.
Am Freitagnachmittag stand Trude in heller Erregung vor ihrem kleinen Spiegel. Sie fand sich immer noch nicht hübsch genug. Aber wie sollte man auch hübsch aussehen, wenn man sich nur billige Kleidung anschaffen konnte. Das dunkelblaue Jackenkleid hatte sie selbst geschneidert, aber wenn sie auch einfache Blusen und Röcke fertigbrachte, fehlte ihr doch die leichte Hand, um den richtigen Sitz und Schick in so ein Kostüm hineinzubringen. Dennoch sah sie darin, da ihre schmale Figur selbst über den schlechten Schnitt des Jackenkleides triumphierte, nicht übel aus. Darunter trug sie eine weiße Tuchbluse in Jumperform, und auf dem Blondhaar einen kleinen, dunkelblauen Seidenhut.
Erst fuhr sie bis zum Potsdamer Platz mit der Elektrischen, und von dort zog sie es vor, zu Fuß zu gehen. Sie mußte doch ein Stückchen laufen, denn je näher der Augenblick des Treffens heranrückte, desto stärker klopfte ihr Herz. Sie wanderte ganz langsam die Stresemannstraße hinunter, und immer zögernder wurde ihr Schritt. Schließlich war sie, angesichts des großen Hotels, so weit umzukehren. Ihr Vorhaben dünkte sie jetzt ungeheuerlich, unausführbar und gefährlich.
Sie blieb vor dem Hotel stehen, sah hinüber nach dem Anhalter Bahnhof. Die Uhr drüben wies gerade auf sechs. Um keinen Preis würde sie in das Hotel hineingehen! Sie hatte plötzlich gar keinen Mut mehr. Lieber Himmel, wie hatte sie überhaupt so etwas Blödsinniges anstiften können — nur weil sie es einer Mitschwester nicht gönnte, daß sie es besser haben sollte als sie! Wenn sie aber nicht kam, würde Lothar Bürger morgen bei Frau Klockow nach seiner Cousine Charlotte Nachfrage halten, und dann würde sicher ihr plumpes Spiel ans Licht gezerrt werden, weil der Brief vorhanden war, den sie ihm geschrieben.
Sie biß nervös auf ihrer Unterlippe herum, machte eine unschlüssige Bewegung und sah dann, wie aus der Erde gewachsen, einen ziemlich großen Herrn, Mitte der Zwanzig, vor sich stehen, der, den Hut lüftend, mit leichtem Lächeln fragte: „Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich in Ihnen Fräulein Charlotte Bürger vermute, nicht wahr?“
Über Trudes blasses Gesicht schoß jähe Röte wie eine Flamme. Sie starrte den vor ihr Stehenden, obwohl er ein Mann war, der Frauen gefallen konnte, mit einem Ausdruck des Entsetzens an. Was sollte sie jetzt tun, wie sich verhalten? Sie stammelte irgendetwas Unverständliches. Alle kecke Sicherheit, über die sie im allgemeinen verfügte, hatte sie verlassen.
Der sehr elegant gekleidete Herr machte eine etwas belustigte Miene. „Sie sind meine Cousine Lotte, ich brauchte gar nicht zu fragen. Und nun bitte ich Sie, mit mir ins Konversationszimmer zu kommen oder vielleicht ins Hotelcafé, wo wir uns so weit anfreunden können, daß Sie mich mit weniger mißtrauischen Augen betrachten.“ Er berührte leicht ihren Arm, führte sie. „Ich freue mich ja so sehr, daß Sie gekommen sind, und glaube Ihnen, nun ich Sie sehe, gar nicht mehr, daß Sie so kühl und schroff zu sein vermögen, wie es mir Ihr Brief vorzutäuschen beabsichtigte.“
Mechanisch ließ sich Trude Berger durch den Hoteieingang geleiten und begriff kaum, daß sie es war, die dann in einem bequemen Sessel einem fremden Herrn gegenübersaß und dabei angestrengt überlegte, wie sie sich weiter verhalten müßte. Es blieb ihr jetzt eigentlich nichts weiter übrig, als ihre Rolle weiterzuspielen, sonst beschwor sie allerlei Unannehmlichkeiten für sich herauf. Sie mußte also so tun, als wäre sie Charlotte Bürger, und erklären, sie wünsche ernstlich weder jetzt noch später irgendwelche Beziehungen zu dem Bruder ihres Vaters und seiner Familie. Sie blickte Lothar Bürger an, der eben dem Kellner seine Bestellung gemacht hatte. Sie wollte sprechen, doch ihr Gegenüber verhinderte sie daran.
„Liebe Cousine, Sie sind viel reizender und blonder, als ich Sie mir vorgestellt habe. Es würde Sie nicht kleiden, wenn Sie etwas sagen wollten, was den Worten Ihres Briefes ähnelt. Vater hat sein Unrecht gegen Sie spät erkannt, aber immerhin noch erkannt. Ich bitte Sie recht, recht herzlich, lassen Sie das Böse vergeben und vergessen sein. Meine Mutter starb schon vor Jahren, nun folgte ihr meine Schwester, ich schrieb es Ihnen ja. Unserm Hause fehlt ein weibliches Wesen, das zu uns gehört, zu Vater und mir, das unseres Blutes ist.“ Seine braunen Augen blickten bittend. „Seien Sie Vaters Tochter, seien Sie meine Schwester. Glauben Sie mir, es wird Ihnen bei uns gefallen.“
Das Café war um diese Zeit fast leer, die beiden saßen außerdem noch abseits und konnten sich ungestört unterhalten. Der Kellner brachte Kaffee und Gebäck.
Trude Berger fühlte jedes warme Wort wie einen scharfen Stein, der gegen sie geschleudert wurde. Wie gern hätte sie laut gerufen: Ja, ja, ich bin zu allem bereit! Aber sie konnte es nicht tun, weil sie ja gar nicht Charlotte Bürger war, zu der dieser Mann zu sprechen glaubte. Und wie er ihr gefiel, dieser fremde Mann, den sie belogen durch ihren Brief und ihr Erscheinen! Wie sehr er ihr gefiel! Gut nur, daß er so viel sprach, daß sie wenigstens noch ein Weilchen seine tiefe, angenehme Stimme hören durfte, ehe sie wieder gehen mußte. So eigen war ihr zumute, so glücklich und unglücklich zu gleicher Zeit. O, was hätte sie dafür gegeben, wenn sie in Wahrheit die gewesen wäre, für die sie sich ausgab.
Der Kellner war wieder gegangen. Trude saß wie unter einem Bann. Irgendeine Macht ging von Lothar Bürger aus, die sie in einen eigenartigen Zustand versetzte. Es war ihr, als müsse sie ihm bekennen: Ich bin ja nur ein mißgünstiges Frauenzimmer, eine Lügnerin, die einem fleißigen, strebsamen Mädel das Glück nicht gönnt, aus dem Alltagsfrondienst herauszukommen! Aber sie war zu feige zu dem Bekenntnis. Sie fürchtete sich davor, die jetzt so freundlich blickenden Männeraugen kühl und befremdet auf sich gerichtet zu sehen, fürchtete sich vor dem verächtlichen Lächeln, das sich dann um den scharfgeschnittenen Mund festsetzen würde.. Nein, den Mut zur Offenheit brachte sie nicht auf!
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