„Ich gratuliere Ihnen von Herzen! Sollten Sie das erreichen, was Fräulein Merkel für Sie erhofft, würde ich mich freuen, Ihnen als Publikum Beifall klatschen zu dürfen.“
Sie begannen zu essen.
Frau Klockow blickte ihre drei Mieterinnen der Reihe nach an. „Ich meine, die Damens sind in Krakeelstimmung, oder irre ich mir?“ Mit der deutschen Sprache stand Frau Klockow auf etwas gespanntem Fuß.
Charlotte Bürger lachte. „Ja, Sie irren sich, Klockowchen, denn Sie hörten doch eben, daß ich noch eine ganz berühmte Sängerin werde.“
Das Doppelkinn Lina Klockows bewegte sich hin und her, als sie kopfschüttelnd sagte: „Dazu gehört viel Protestion, un ich meine, Ihre Gesanglehrerin macht sich woll bloß wichtig.“
Die drei Mieterinnen lächelten. Frau Klockow hatte „Protektion“ sagen wollen.
Nach dem Essen erhob sich die Buchhalterin zuerst. Sie schlief stets nach Tisch ein halbes Stündchen. Trude Berger aber folgte Charlotte in deren Zimmer, setzte ihr liebenswürdigstes Gesicht auf.
„Bitte, erzählen Sie mir doch, was Ihre Lehrerin noch geäußert hat. Ich freue mich so sehr über Ihre gute Nachricht, Fräulein Lotte; denn Sie sind so fleißig und haben es verdient, hier herauszukommen.“
Charlotte Bürger war, ebenso wie Trude Berger, zweiundzwanzig Jahre alt und besaß in der Figur Ähnlichkeit mit ihr. Auch ihr dichtes Haar war blond, nur lag ein leichter, rötlicher Schein in dem Blond Charlottes, ihr Gesicht war geistig belebter.
Die zwei Mädchen saßen nun beisammen und plauderten. Endlich gelang es Trude Berger, das Gespräch dahin zu lenken, wo sie es hin haben wollte.
„Und Sie besitzen, wie ich, keine Verwandten mehr auf der Welt?“ fragte sie voll Teilnahme, nachdem das Thema „Verwandtschaft“ berührt worden war.
Charlotte Bürger zuckte die Achseln, blickte gedankenvoll vor sich hin. „Ich vermag die Frage eigentlich nicht mit einem direkten Nein zu beantworten. Mein Vater hatte nämlich einen Bruder, aber er verließ Deutschland in jungen Jahren. Als meine Eltern starben, erkundete mein Vormund seine Adresse. Doch er lehnte es ab, sich meiner anzunehmen.“ Sie atmete tief auf. „Nun, es ist, wenn auch manchmal mit Schwierigkeiten, so doch ohne seine Hilfe gegangen. Die kleine Hinterlassenschaft meiner Eltern hat gereicht, bis ich selbst verdienen konnte. Seit mein Vormund vor einem halben Jahre starb, hat niemand mehr Interesse für das, was ich tue und treibe, außer meiner Gesanglehrerin.“
„Warum ist denn Ihr Onkel so häßlich zu Ihnen gewesen?“ fragte Trude Berger.
Charlotte Bürger neigte ein wenig den Kopf.
„Was weiß ich? Aber ich glaube, nach dem, was ich früher aufschnappte und mir so zusammenreimte, mein Onkel hat meine Mutter liebgehabt, und als sie dann meinen Vater vorzog, sich mit ihm verlobte, hat es zwischen den Brüdern böse Worte gegeben.“
Trude Berger schwieg ein Weilchen, sagte dann: „Vielleicht verweigerte Ihr Onkel damals seine Hilfe nur, weil er selbst nichts hatte?“
Charlotte lehnte am Klavier, dem gemieteten Prunkstück dieses sehr nüchtern und geschmacklos eingerichteten Zimmers. „Mein Onkel Hubert ist reich, er hat in der Tschechoslowakei, in dem Teil, der früher Deutsch-Böhmen hieß, die Tochter eines Knopffabrikanten geheiratet. Ich glaube, er war Buchhalter in der Fabrik. Sehr reich soll er sogar sein.“ Sie brach ab, vollendete leiser: „Er hat nichts von mir wissen wollen. Es ist schade! Von aller Selbstsucht abgesehen, hätte ich mich gefreut, ihn kennenzulernen. Weil er doch meines Vaters Bruder ist, weil er der einzige Mensch auf der Welt ist, der mir noch blutsverwandt ist. Und es muß doch schön sein, irgend jemand zu besitzen, der zu einem gehört.“ Sie lächelte weich. „Lange Zeit denke ich gar nicht an ihn, aber dann kommt irgendein Tag, der bringt einen Anlaß, wo ich sehr, sehr an ihn denken muß. Und das ist immer dann, wenn wichtige, entscheidende Fragen an mich herantreten, wenn ich einer zuverlässigen Hilfe, eines Schutzes bedarf.“
„Sentimentale Zimperliese!“ dachte Trude Berger. Laut sagte sie: „Ich kann das verstehen, weil ich ja auch niemand habe, an den ich mich in der Not wenden kann.“ Und nach einer kleinen Pause fügte sie die Frage an: „Wollen Sie es denn nicht noch einmal selbst versuchen, Beziehungen mit Ihrem Onkel anzuknüpfen? Vielleicht ist er jetzt weniger hart.“
Es war ein lauernder Unterton in der Frage, der Charlotte aber entging, den sie auch nicht begriffen haben würde.
„Nein, o nein,“ wehrte sie lebhaft ab. „Ich habe auch meinen Stolz. Und nun bin ich mit den Sorgen des Vorwärtskommens ja fast über den Berg, nun ist es mir Ehrensache, auch das Ziel allein zu erreichen.“ Sie hob die Arme, breitete sie weit aus, wie im Übermaß eines inbrünstigen Empfindens. „Ich muß mein Ziel erreichen, muß eine Künstlerin werden. Ich fühle, daß es mir gelingt, wenn ich nicht ruhe und raste!“ Ihre Arme sanken nieder. „Seit heute, seit meine Gesanglehrerin mir versprochen, mit dem großen Meister meinetwegen zu reden, ist in mir ein Etwas erwacht, das sich mit Worten gar nicht schildern läßt. Es ist wie ein Brand, oder wie eine ungeheure glückselige Unruhe. Es ist, als müsse ich rennen, bis ich ermattet umsinke. Aber dann bin ich auch im Land meiner Sehnsucht.“ Sie wiederholte leise: „Im Land meiner Sehnsucht! O, wie lag es einst so weit, so märchenweit, und wie liegt es nun, seit heute, so nahe, so erreichbar!“ In ihrer Stimme war es wie unterdrücktes Schluchzen, das ihr die Erregung erpreßte. „Ich weiß ja nicht, ob Sie mich verstehen können. Aber es ist wundervoll und berauschend, das Land der Sehnsucht erreichbar zu wissen. Künstler und alle, die danach streben, es zu werden, verstehen mich.“
Trude Berger hätte am liebsten gegähnt. Beim Himmel, war diese Person überspannt! Kein vernünftiger Mensch begriff, was sie davon dem Lande der Sehnsucht zusammenfaselte. Total meschugge! hätte sie ihr am liebsten entgegengerufen. Sie saß aber ganz still und schnitt ein andächtiges Gesicht, weil sie das für angebracht hielt. Aus irgendeinem Gedanken heraus, der mit dem vorhin von Charlotte Erzähltem zusammenhing, fragte sie dann: „Besitzen Sie ein Bild von Ihrer Mutter? Ich möchte gern wissen, wie sie aussah, weil —“
Sie vollendete den Satz nicht. Charlotte tat es an ihrer Stelle. „Sie möchten es gern wissen, weil sich zwei Brüder ihretwegen fürs ganze Leben veruneinigten, nicht wahr?“ Sie lächelte. „Ich soll das Ebenbild meiner Mutter sein. Aber ich will Ihnen gern eine Photographie von ihr zeigen.“
Sie ging an die Kommode, steckte den in der untersten Schublade steckenden Schlüssel in die oberste. Unwillkürlich verfolgte Trude Berger von ihrem Platz aus alles, was die andere tat. Sie sah, wie Charlotte die Schublade aufschloß, ihr einen Kasten aus Laubsägearbeit entnahm und auf den Tisch stellte. Jetzt saßen die beiden Mädchen am Tisch, zwischen ihnen, auf der scheußlich grellgrünen Wollplüschdecke mit der roten Kurbelumrandung, stand der Kasten, der durch einfachen Druck zu öffnen war. Trude äugte voll Neugier, was das Kästchen, das innen mit lila Glanzpapier beklebt war. barg. Viel enthielt es nicht. Vor allem war da ein Ledertäschchen, das Charlotte auf den Tisch legte.
„Meine Legitimationspapiere sind da drinnen,“ erklärte sie, „Geburtsschein und so weiter, auch die Sterbepapiere der Eltern.“
Nun langte sie ein paar Photographien heraus, reichte sie nacheinander über den Tisch. Trude Berger hielt zuerst ein Bild in Händen, das Charlotte Bürger darstellen konnte, wenn man nicht stutzig geworden wäre durch die Kleidung, die der Mode von vor zwanzig Jahren angehörte.
„Sie haben wirklich sehr große Ähnlichkeit mit Ihrer Mutter,“ bestätigte Trude.
„Als das Bild aufgenommen wurde,“ erklärte Charlotte, „war meine Mutter gerade so alt wie ich heute. Sie verlobte sich damals, hat aber erst viele Jahre später geheiratet, weil Vater und Mutter das Geld dazu zusammensparen mußten.“
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