„Was ist Ihr Vater gewesen?“ fragte Trude.
„Bankbeamter,“ erfolgte die Antwort, und gleichzeitig zeigte ihr Charlotte die Photographie eines breitschultrigen Mannes mit dickem Schnurrbart und sehr kräftig geschnittenen Zügen. „Mein Vater sieht auf dem Bild wie ein Ringkämpfer oder Boxer aus, nicht wahr?“ lächelte sie. „Und dabei lag ihm alles Energische, alles Drauflosgängertum völlig fern. Er war ein stiller, nur dem Glück seiner kleinen Familie lebender Mensch.“
Trude Berger konnte ihr Estaunen nicht verhehlen. „Wie doch das Äußere täuschen kann. Ihren Vater hätte ich für einen Mann gehalten, der sich in jeder Lebenslage vordrängt, um überall die erste Rolle zu spielen.“
Charlotte strich mit der Rechten in leiser Zärtlichkeit über das Bildchen. „Nein, mein Vater war keine sich vordrängende Kraftnatur. Das aber soll sein Bruder gewesen sein. Ist’s wohl auch noch. Ich weiß ja allerdings nicht, ob er noch lebt.“ Sie legte die Photographien wieder in das Kästchen zurück. „Die Brüder sollen einander sehr ähnlich gesehen haben. Meine Mutter erzählte mir einmal, daß ihr aber Vater wegen seines bescheidenen Wesens viel besser gefallen hätte als der immer gleich rabiate Hubert Bürger.“
Truder Berger erhob sich. „Ich will nicht länger stören, und dann muß ich auch an meine Arbeit. Bis zum Sonntag ist noch eine Menge Fertiggenähtes abzuliefern.“
Charlotte Bürger reichte ihr die Hand. „Kommen Sie doch ab und zu ein wenig in mein Zimmer, wenn ich zu Hause bin. Es war lieb von Ihnen vorhin bei Tisch, daß Sie meine für mich so frohe Mitteilung so völlig anders auffaßten als Fräulein Merkel, die mir durchaus die Freude vergällen wollte. Vielleicht bin ich aber auch überempfindlich. Vielleicht meinte Fräulein Merkel ihre Worte gar nicht so, wie ich sie auffaßte.“
Trude schnitt eine Grimasse. „Die Merkel meint alles, was sie losläßt, noch viel giftiger, als es sich anhört. Sie ist eine unausstehliche Person, die alle Menschen mit geraden Gliedern haßt.“
Charlotte Bürger blickte nachdenklich. „Wer weiß, ob wir an ihrer Stelle anders wären. Möglicherweise noch schlimmer.“
Trude lachte kurz auf.
„Darüber zerbreche ich mir den Kopf nicht. Ich bin gerade gewachsen!“
Es klang herzlos. Charlotte Bürger fühlte sich plötzlich von der ihr noch eben so sympathisch scheinenden Trude Berger abgestoßen. Sie wiederholte ihre Einladung von vorhin nicht mehr.
Nachdem Trude gegangen, öffnete Charlotte noch einmal das Kästchen aus Laubsägearbeit, betrachtete die Bilder der Eltern. Vater und Mutter! Wie aufrichtig würden sie sich mit ihr gefreut haben über die frohe, hoffnungsfreudige Botschaft, die sie heute erhalten hatte! Sie drückte die Bilder an die Lippen, und in ihrem Herzen war das heiße, heilige Gelöbnis, der Empfehlung ihrer Lehrerin keine Schande zu bereiten. Würde sie der berühmte Meister als Schülerin aufnehmen, dann wollte sie vor keiner Mühe und keiner Entbehrung zurückscheuen. Irgendwo, in heute noch nicht erreichten Höhen, schwebte die Krone des Ruhmes für sie. Zu diesen Höhen mußte sie streben und nach der Krone langen mit fester Hand.
Tränen traten ihr in die Augen vor tiefinnerster Bewegung. Eine Auserwählte sollte sie werden, eine Ruhmgekrönte, und es drängte sich ihr auf die Lippen: „Vater im Himmel, der du mir die schöne Stimme schenktest, hilf mir, daß ich das mir anvertraute Gut richtig verwalte.“ In ihr war ein so wundervolles Empfinden, als hätte sie soeben das herrlichste Gebet gesprochen, das in seinem über alles gläubigen Wort schon die Sicherheit der Gewährung trug.
Nun setzte Charlotte Bürger den leichten Regenhut auf, den sie alltags immer trug, und ging, um ihre Nachmittagsklavierstunden zu erteilen. Von zwei bis drei in einer Eckwirtschaft der Friedenstraße, dann bei Zugführer Mewes in der Frankfurter Straße und danach bei Zahntechniker Stempel. Sie erhielt für jede Stunde eine Mark fünfzig und das Fahrgeld für die Elektrische. Es war draußen schon herbstlich. Sie fröstelte ein wenig, aber auf ihrem durchgeistigten, großzügigen Gesicht lag es wie heller Sommersonnenschein.
Trude Berger saß untätig vor ihrer Nähmaschine. Sie hatte gar keine Lust zur Arbeit. Es war widerwärtig, immer eine stumpfsinnige Naht nach der anderen zu nähen. Sie hatte das satt und übersatt.
Nicht nur von der buckligen Merkel wurde Charlotte Bürger beneidet, sie selbst beneidete sie noch viel mehr. Wenn diese armselige Klavierlehrerin wirklich eine berühmte Sängerin würde, verlor sie ja gar nichts dadurch, daß sie ihr den Brief vorenthielt. Es wäre wahrlich zuviel des Guten, wenn ihr zu der Aussicht auch ganz urplötzlich noch ein reicher Onkel beschert würde.
Sie erhob sich. Vor allem wollte sie den Brief vernichten. Verbrennen wollte sie ihn. Dadurch beseitigte sie ihn sicher und endgültig. Sie hielt das Schreiben dann in den Händen, konnte der Versuchung nicht widerstehen, es noch einmal durchzulesen. Ihre Augen blieben an dem letzten Satz haften: „In der Erwartung einer baldigen Antwort grüßt Sie vielmals Ihr Cousin Lothar Bürger.“
Sie wurde sehr nachdenklich. Vielleicht nützte es gar nichts, daß sie den Brief unterschlug? Vielleicht machte dieser Herr Lothar Bürger, wenn er keine Antwort erhielt, eines Tages einen Besuch bei der Cousine? Dann stellte sich heraus, es war ein Brief verlorengegangen, was ja schließlich vorkommen konnte, und die beiden einigten sich dahin, daß Charlotte mitreiste in ein reiches, vornehmes Heim, um dort ihre Gesangstudien in aller Sorglosigkeit zu vollenden.
Charlotte Bürger hatte ihr nichts getan, aber sie gönnte ihr ein solches Glück nicht. Sie selbst mußte sich plagen, mochte die sich auch weiterplagen, bis sie so müde wurde vom Klavierstundengeben, daß ihre blödsinnigen, verstiegenen Träume von Ruhm einschliefen.
Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie wollte einem eventuellen Besuch dieses Cousins vorbeugen. Sie wollte nach Frankfurt am Main an die angegebene Adresse schreiben, als ob Charlotte es schrieb: Sie verzichte ein für allemal auf ein Kennenlernen mit ihm und der Familie von ihres Vaters Bruder. Er würde keinen Augenblick daran zweifeln, daß Charlotte die kurze, schroffe Antwort selbst geschrieben habe. Sie konnte sogar noch besser jede Möglichkeit eines Kennenlernens zwischen Charlotte Bürger und ihrem Cousin verbauen, wenn sie selbst mit dem Briefschreiber sprechen würde. Sie wollte ihm also lieber mitteilen, sie sei zu einer Unterredung bereit und erwarte die Antwort, wann und wo man sich treffen könne, postlagernd, da sie in ihrem sehr einfachen Stübchen keinen Besuch empfangen möchte, besonders weil ihre Wirtin eine sehr böse Zunge hätte.
Trude Berger lachte laut auf. Sie fand ihre Idee originell. Auf diese Weise würde sie sich Herrn Lothar Bürger einmal ansehen und ihm dann deutlich erklären, daß sie, seine Cousine Charlotte, nichts von ihm und seinem Vater wünsche. Daraufhin würde wohl die wirkliche Charlotte Bürger nie mehr etwas von ihren Verwandten hören.
Immer fester nahm der Gedanke von Trude Berger Besitz. Ihr Vorhaben erschien ihr wie ein drolliger Spaß. Sie besaß eine ganz nette Schrift, und als sie den fertigen Brief vor sich liegen hatte, war sie äußerst zufrieden mit sich. Sie überflog die wenigen Sätze noch einmal und fand nichts daran zu verbessern. Sie holte sich vom Grünkramhändler im Nebenhause eine Marke und trug den Brief sogleich in den nächsten Kasten. Ein bißchen bedrückt war ihr doch zumute, nachdem der Brief in den Spalt des blauen Kastens verschwunden war, wenn auch die Anwandlung nicht lange dauerte. Die ganze Geschichte blieb sehr komisch, war nichts als ein famoser Witz.
Sie konnte kaum die drei Tage abwarten, die sie sich als Frist für die erste Nachfrage auf der Post gesetzt. Sie hatte die Antwort Lothar Bürgers postlagernd auf ein Postamt im Zentrum Berlins erbeten. Für alle Fälle muß man vorsichtig sein, dachte sie. Sie fragte keck, ob etwas angekommen sei für „Lotte 22“. Der Schalterbeamte lächelte die sehr hübsche, blonde Fragerin vertraulich an und reichte ihr nach kurzem Suchen einen schmalen Brief. Trude Berger verließ hastig das Postamt. Im Torweg eines nahen Hauses las sie dann:
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